The Girl on the Train – Kritik

The Girl on the Train - Kritik

Wenn sich Rachel (Emily Blunt) jeden Morgen mit dem Zug auf den Weg in die Stadt macht, ist klar, dass sie am Abend den gleichen Weg auch zurücklegen wird. Verträumt schildert sie im Prolog von The Girl on a Train ihre tägliche Routine, als würde sie glücklich resümierend in ihr Tagebuch schreiben. Es scheint fast so, als könne sie nichts und niemand aus der Bahn werfen, doch dann passiert der Zug einen New Yorker Vorort und hinter der vermeintlich einwandfreien Fassade deutet sich ein verstörender Abgrund an. Plötzlich erzählt Rachel von einem Leben, das einst ihres war und nun einer anderen Frau gehört.

Hauptsächlich spricht die Protagonistin des Films zu diesem Zeitpunkt aber noch in Rätseln. Lediglich die zunehmenden Close-ups offenbaren verwischtes Make-up, tiefe Augenringe und eine ungesunde Haut. Regisseur Tate Taylor lässt bei seiner Verfilmung von Paula Hawkins gleichnamigem Schriftwerk keinen Zweifel: In den kommenden zwei Stunden soll die winterliche Idylle in ihren Grundfesten erschüttert werden. Allerdings scheitert The Girl on the Train rigoros daran, dieses Versprechen einzulösen – zu nichtssagend verläuft das Thriller-Drama, gerade für die harten Themen, die es anspricht.

Ungefähr eine halbe Minute lang starrt Rachel jeden Tag zwei Mal auf Megan (Haley Bennett), die sich wahlweise im Garten, auf der Veranda oder dem Balkon alleine oder mit ihrem Mann Scott (Luke Evans) die Zeit vertreibt. Sehnsüchtig wünscht sie sich in die Haut der Frau, der sie bis dato noch kein einziges Mal richtig begegnet ist. Trotzdem vermittelt Rachel den Eindruck, besser über Megan Bescheid zu wissen als ihre eigenen Nachbarn. Dazu gehören auch Anna (Rebecca Ferguson) und ihr Mann Tom (Justin Theroux), der sich – wie es sich kurze Zeit später herausstellt – einst mit Rachel das Ehebett teilte.

Obgleich das Ensemble mit seinen fünf zentralen Charakteren ein überschaubares ist, gibt sich Drehbuchautorin Erin Cressida Wilson jegliche Mühe, um die Beziehungen, die die Figuren untereinander pflegen, möglichst langsam zu entlarven. The Girl on the Train hüllt sich dabei in einen undurchsichtigen Schleier, der drei erzählerische Perspektiven – die von Rachel, Megan und Anna – vereint und darüber hinaus durch mehrere Zeitebenen springt, sodass spätestens nach ein paar Minuten eine genaue Orientierung im Narrativ unmöglich ist.

Natürlich spielt das verschachtelte sowie vieldeutige Erzählen dem zentralen Konflikt der Geschichte perfekt in die Karten: Eines Tages ereignet es sich nämlich, dass Rachel bei ihrer täglichen Zugfahrt Megan mit einem anderen Mann beobachte und sich daraufhin in die Situation einmischt. Die Spannung steigt und kulminiert in einem lauten Knall. 24 Stunden danach kann sich Rachel aufgrund ihres Alkoholproblems jedoch an nichts mehr erinnern und findet sich inmitten eine potentiellen Verbrechens wieder, denn von Megan fehlt jegliche Spur.

Während Rachel vergeblich versucht, die verschwommenen Erinnerungsfetzen an jene verhängnisvolle Nacht in ihrem Gedächtnis abzurufen, legt Tate Taylor fleißig falsche Spuren und umschifft konkrete Hinweise hinsichtlich einer baldigen Lösung des Falls mit einem großen Bogen. The Girl on the Train ist nahezu krampfhaft bemüht, bloß keine handfeste Aussage zu treffen und sich niemals festnageln zu lassen – immerhin könnte ein späterer Twist viel zu früh erraten werden. Es ist absurd, wie verklemmt sich der Film in seiner Konstruktion verliert, verzweifelt behauptend, von Minute zu Minute wichtiger zu werden.

Im Kern geht es in The Girl on the Train um Gaslighting, eine Form von psychologischem Missbrauch, sowie verheerenden Folgen, die entsprechendes Verhalten anrichten kann. Erschreckenderweise ist der Film vielmehr ein Meisterstück, wenn es darum geht, um den heißen Brei zu reden. Die eigentliche Probleme werden immer nur dann angesprochen, wenn sie der nächsten schockierenden Enthüllung dienen können. Tate Taylor beschwört ständig den Moment herauf, der sich anfühlt, wie ein Schlag in die Magengrube, liefert allerdings überhaupt keine (emotionale) Grundlage dafür – als würde er die komplexe Thematik bloß mit der Geste eines prestigeträchtigen Aushängeschilds vor sich hertragen.

Die Sensation ist das größte Highlight, die The Girl on the Train der Tatsache abgewinnt, dass die Protagonistin an einem systematischen Netz aus Lügen und Manipulationen zu zerbrechen droht. Zwar steht die Frage nach Opfern und Tätern im Raum. Eine aufrichtige Auseinandersetzung findet aber nicht statt. Trotzdem schreit jede Einstellung nach tiefgründiger Ernsthaftigkeit, bettelt um der Verständnis für die Misere der Figuren und der grausamen Welt, in der sie leben. Doch echtes Leben steckt in keiner einzigen Faser dieses Films.

Irritierend ist es vor allem dann, wenn Danny Elfman mit aufbrausendem Orchester den Showdown einleitet, der das gespaltene Wesen von The Girl on the Train im Endeffekt sehr gut auf den Punkt bringt: Um sich ernsthaft mit seinem Thema auseinanderzusetzen, hängt der Film zu sehr an stilisierten, bedeutungsschwangeren Genre-Tropen und traut sie nie, eine klare, deutliche Ansage zu machen. Gleichzeitig schielt Tate Taylor immer wie unbeholfen Richtung David Fincher, der zuletzt mit Gone Girl in einem ähnlichen Metier wütete, allerdings beherzt die Pulp-Facetten der Gillian Flynn-Adaption auslebte und dadurch ein cleveres Kunststück schaffte.

Ein Blick von Rosamunde Pike vermittelte dort mehr Unbehagen als The Girl on the Train in seiner gesamte Laufzeit, so erhaben Emily Blunt im nebligen Feld der Ungewissheit auch wandeln mag. Bei Tate Taylor verlaufen sich all diese gespaltenen wie spaltenden Blicke im Nichts. Selbst der Vergeltungs-/Erlösungsschlag auf der Zielgeraden kann sich nicht entscheiden, ob er lieber bissige Satire oder ehrliches Drama sein will. Es ist ein unbefriedigendes, enttäuschenden Dilemma. Was hätte The Girl on the Train für ein bedeutsamer Film werden können, was hätte The Girl on the Train für ein bedeutsamer Film werden müssen.

The Girl on the Train © Constantin Film

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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