The Infiltrator – Kritik

The Infiltrator - Kritik

Wir schreiben das Jahr 2016 und Pablo Escobar hält die Welt immer noch in Atem. Zwar mag El Patrón mittlerweile nicht mehr die Geschehnisse des kolumbianischen Medellín-Kartells lenken, dennoch fasziniert und spaltet seine Person wie eh und je – sei es durch Benicio del Toro, der in Escobar: Lost Paradise das Ungeheuer entfesselte, oder Wagner Moura, der zuletzt in zwei Staffeln der Netflix-Serie Narcos eine umfangreiche Darstellung des genannten Drogenbarons lieferte. Auch The Infiltrator schielt in die Richtung jenes Mannes, der den Drogenschmuggel industrialisierte und kurzzeitig zu einem der mächtigsten wie gefährlichsten Menschen der westlichen Welt avancierte.

Ausgehend davon droht Geradezu eine Escobar-Übersättigung in Form bewegter Bilder. Die angenehme Überraschung: Brad Furmans Film lässt Don Pablo überwiegend als Phantom auftreten. Der Name fällt zwar ab einem gewissen Punkt beinahe im Minutentakt. Aktiv in Aktion tritt Pablo Escobar jedoch nie – vielmehr ist es ein unerkanntes Vorbeigehen mitten am Tageslicht, wenn der Kriminelle die Bildoberfläche betritt. Ein starker Moment, der erst nachträglich seine ganze Wirkung entfaltet, somit allerdings auch das holprige Vergnügen von The Infiltrator ganz gut zusammenfasst.

Im Mittelpunkt der Erzählung, die auf den Memoiren von Robert Mazur basiert, befindet sich ein U.S. Customs Special Agent, der in den 1980er Jahren maßgeblich daran beteiligt war, Pablo Escobars Geldwäscherei, das organisierte Verbrechen sowie korrupte Geschäftsmenschen in einer brisanten Undercover-Mission auffliegen zu lassen. Breaking Bad-Veteran Bryan Cranston schlüpft in die Rolle jenes Mannes, der ständig von einer Fassade zur anderen hechtet und nur selten etwas von dem Preis gibt, das ihn wirklich bewegt. Ein amerikanischer Held ist er, der Frau und Kinder hat, ebendiese Grenze aber für sein Vaterland – mit schuldigen Gewissen – überwinden würde.

Schnell packt The Infiltrator die großen, moralischen Themen auf den Tisch, findet allerdings bloß schleppend Zugang zur eigenen Geschichte, denn zur ehrlichen Auseinandersetzung mit seinen zentralen Fragestellungen fehlt ihm sowohl die Geduld als auch die Weitsicht. Kaum wurde durch Ellen Brown Furmans Skript eine Ehekrise zwischen Robert Mazur und seiner Frau, Evelyn (blass: Juliet Aubrey), etabliert, versucht sich der Film, vor der unvermeidbaren Diskussion zu drücken – eine gewisse Ironie in der kolportierten Dramaturige der Geschehens inklusive.

The Infiltrator will für ein Narrativ sensibilisieren, der der Film selbst nur in den coolen Posen vertritt, von den zwischenmenschlichen Konflikten anfangs jedoch kaum etwas wissen möchte, was vor allem in der Hinsicht befremdlich wirkt, da im ersten Akt der Vertrauenserwerb zum großen Etappenziel auserkoren wird. Sobald Robert Mazur unter seinem Alias, Bob Musella, die Szene betritt, setzt er alles daran, um den ihm gegenüberstehenden Menschen zu gefallen, damit der Auftrag möglichst schnell durchgezogen werden kann – immerhin steht bald nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner Familie auf dem Spiel.

Doch wie weit ist Robert Mazur tatsächlich bereit, zu gehen, wenn er sich in Schale wirft, um die Übeltäter als solche zu entlarven? So unkonzentriert und mitunter willkürlich Brad Furman einzelne Stationen dieses Weges gewagten bis irritierenden Übergängen aneinanderreiht, eines gelingt The Infiltrator durchaud gekonnt: Die Aussichtslosigkeit auf zügigen Erfolg. Weder aus der Perspektive des Agents Mazur noch aus der Perspektive des Gangsters Musella hat der Protagonist ein glückliches Händchen mit dem Fortschreiten seiner Operation. Jeden Tag aufs Neue gilt es den Atem anzuhalten.

Dieser Stärke wird sich The Infiltrator schlussendlich aber viel zu spät bewusst, sodass ein Gros der aufgestauten Anspannung im Nichts verebbt. Erst im letzten Drittel reißt Brad Furman erschrocken das Steuer herum, als würde er wie Robert Mazur plötzlich erkannt haben, dass es kein Zurück mehr gibt. In diesem Augenblick lässt The Infiltrator auf eine notwendige, längst überfällig Investition ein, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Egal wie oft es zuvor behauptet wurde: Nun steht wirklich etwas auf dem Spiel und damit nimmt das Treiben automatisch etwas Form und Dynamik.

Der bemerkenswerteste Moment erfolgt dann tatsächlich im Finale: Nach all den Dingen, die Robert Mazur und seine Partnerin, Kathy Ertz (engagiert: Diane Kruger), hinter sich zurückgelassen haben, um das doppelte Spiel auf die Spitze zu treiben, müssen sie sich nun umdrehen und einen letzten Blick nach hinten werfen. Gerade die Sicherheit und Zuversicht, die The Infiltrator in dieser Sekunde ob des baldigen Endes ausstrahlt, sorgt für den grausamen Schmerz der Unehrlichkeit. Ein kleiner Triumph, nur leider auch ein unverdienter. Bryan Cranston bleibt dennoch eine unberechenbare Instanz in diesem Chaos.

The Infiltrator © Paramount Pictures

Matthias

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Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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