The King – Kritik

The King

Mit glühenden Silhouetten schilderte Justin Kurzel vor vier Jahren die Geschichte von Macbeth auf der großen Leinwand. Seine Shakespeare-Adaption beeindruckte vor allem mit überwältigenden Bildern, die dem Drama eine zusätzliche Dimension verliehen. Auch David Michôd ist an solch erhabenen Bildern interessiert, wenn er mit The King auf den Spuren von Shakespeares Henriad wandelt. Gleich die erste Einstellung offenbart einen Blick über die Weite des Schlachtfelds, während die Sonne glühend am Horizont steht. Schönheit und Grausamkeit bündeln sich in diesem Augenblick, ehe der Film eine tragische Coming-of-Age-Geschichte im mittelalterlichen Gewand erzählt, in der Ideale zerbrechen und der Schlamm die Seele der Menschen auffrisst.

Alles beginnt mit einem König, der sein Land ins Chaos gestürzt und die eigenen Leute gegen sich aufgebracht hat. Henry IV. (Ben Mendelsohn) sitzt sterbend auf seinem Thron und verwaltet ein scheußliches Erbe aus Blut und Gewalt. Kein Wunder, dass sich sein ältester Sohn, Hal (Timothée Chalamet), von ihm abgewandt hat und ein Leben abseits des Königshauses führt. Auf keinen Fall will er in die Fußstapfen seines Vaters treten. Das Schicksal aber sieht genau diesen Weg für ihn vor, wodurch sich eine einmalige Chance offenbart: Hal, der als Henry V. den Thron besteigt, besitzt die Macht, eine Zeitenwende in die Wege zu leiten und England zu vereinen. Die Vereinigung ist aber nur im Angesicht eines weiteren Krieges möglich – dieses Mal gegen den gemeinsamen Feind Frankreich.

Es dauert folglich nicht lange, bis der junge Protagonist mit den Grenzen seines Idealismus konfrontiert wird. Das Blutvergießen will er eigentlich vermeiden – ein Heiliger ist er trotzdem nicht, versteckt sich tief in seinen Charakterzügen nicht nur eine unweigerliche Abscheu, sondern auch Arroganz gegenüber dem Haus, das er jahrelang gemieden hat. Mitunter erweckt Hal den Eindruck, schlicht ein verwöhnter Bengel zu sein, der in seinem Leben nie eine wichtige Entscheidung treffen musste. Gleichzeitig fördert Timothée Chalamet mit seinem Schauspiel ebenfalls die aufrichtigen Charakterzüge der Figur zutage, denn tief in seinem Inneren sehnt sich Hal nach nichts mehr als einer friedlichen Zukunft, um dem zerstörerischen Vermächtnis seines Vaters zu entkommen.

Jede Faser von The King verschreibt sich diesem Dilemma. Besonders die daraus entstehende Einsamkeit arbeitet David Michôd in seiner ruhigen, schwermütigen Inszenierung heraus, wenn das Licht spärlich in die dunklen Räume fällt und die Verräter in den Ecken erahnen lässt. Nur in einer Figur findet Hal Trost: Falstaff (Joel Edgerton). Ein Trunkenbold und Kriegsheld, der erst dann seinen Mund aufmacht, wenn er wirklich etwas zu sagen hat. Allein durch seine Statur strahlt er Stärke aus, doch sein Auftreten wird ebenfalls von gefährlicher Unzuverlässigkeit begleitet. In der hoffnungslosesten Stunde ist es aber er, der sich als Hals loyalste Stütze erweist. Falstaffs treue Unberechenbarkeit steht damit direkt im Kontrast zum sonst so weise beratenden William Gascoigne (Sean Harris), seines Zeichens Lord Chief Justice of England.

Beide Figuren nehmen erheblich Einfluss auf Hals Entwicklung. Auf den Auftritt von Robert Pattinson kann ihn trotzdem niemand vorbereiten. Als französischer Dauphin sprengt dieser die andächtige Stimmung des Films auf und liefert eine Performance ab, die auf den ersten Blick wie aus einer Parallelwelt stammt. Der düstere, ernste Tonfall wird von Robert Pattinsons genüsslich provozierender Darbietung völlig überrannt. Sein Dauphin fungiert als letzte Prüfung, um Hal nach all den Auseinandersetzungen um die verschiedenen Ansichten seiner Berater endgültig aus der Bahn zu bringen. Wie lange kann der junge König die Fassung wahren? Gewissermaßen gleicht The King einer einzigen Geduldsprobe, die am Ende mit der erschreckenden Erkenntnis aufwartet, dass längst alles zu spät war.

Die eindrucksvollste Bewegung des Films gestaltet sich somit in Form von Hals schleichendem Niedergang. Plötzlich geht der Junge, der einst vom Frieden träumte, im Schlamm und Dreck von Azincourt unter. Obwohl Hal das Schlachtfeld als Sieger verlässt: Am Ende ist er es, der – ohne es zu bemerken – seine Ideale verrät. Eine zerreißende Tragik, die sich in atemberaubenden Aufnahmen entfaltet, fraglos das stärkste Element in The King. Gemeinsam mit Macbeth-Kameramann Adam Arkapaw und Komponist Nicholas Britell, der zuletzt mit seinem meisterlichen Score zu If Beal Street Could Talk verblüffte, schafft David Michôd eine beklemmende, nachdenkliche Atmosphäre. Sie ist Ausdruck von Hals Bürde und lässt den Film wie ein Gespenst durch das 15. Jahrhundert schleichen.

The King © Netflix