The Model – Kritik

The Model - Kritik

Erst vor Kurzem verlor sich Nicolas Winding Refn auf der Suche nach absoluter Schönheit in der Welt der Models von Los Angeles. Was er dort gefunden hat, eroberte in Form von The Neon Demon die große Leinwand und hinterließ alles andere als einen beruhigenden Eindruck, denn die Reise ins Herz der Schönheit offenbarte sich mit zunehmender Laufzeit als Reise ins Herz der Finsternis. Abgründig, verstörend und trotzdem faszinierend: Da, wo die makellose Oberfläche alles ist, lauern Abenteuer wie Albträume im gleichen Maße. Auch The Model von Mads Matthiesen  kann dieser selbstzerstörerischen Fantasie nicht widerstehen und schickt eine junge Frau ins Labyrinth der zerbrechlichen Perfektion.

Ähnlich wie die von Elle Fanning verkörperte Jesse in The Neon Demon verbirgt auch Emma (Maria Palm) eine gewisse Unberechenbarkeit. Wo sie eben noch naiv und unschuldig wirkte, manipuliert sie später die Menschen in ihrem Umfeld – dennoch lässt sich nie mit Sicherheit sagen, ob sie Opfer oder Täter in dieser Welt ist. So bedacht Mads Matthiesens Inszenierung mitunter ausfällt, niemals versprüht The Model aufrichtige Wärme, die den geheimen Wünschen und Träumen der Protagonistin gerechnet wird. Immer wieder scheitert der Ansatz einer unbeschwerten Montage, wenn sich Paris entgegen all der romantisierten Umschreibungen als unfreundliche Umgebung entlarvt wird. Hier herrscht nur Kälte.

Nach dem ersten Tag gibt es eigentlich keinen Grund mehr, zu bleiben. Das erste Shooting war ein Desaster und auch anderweitig konnte Emma keinen Erfolg verbuchen, der die Verlängerung ihres Aufenthalts rechtfertigen würde. Den Kampf hat sie trotzdem noch nicht aufgegeben – ganz im Gegenteil: Die herbe Niederlage bringt eine Seite von Emma zum Vorschein, von der sie genauso überrascht ist wie die Menschen in ihrem Umfeld. Zu diesen Menschen gehört auch der Star-Fotograf Shane White (Ed Skrein), der schleunigst seinen ersten Eindruck korrigiert, als er die frisch entzündete Flamme in Emma durchblitzen sieht. Das Feuer in ihren Augen lässt ihn nicht mehr los. Unmöglich kann er seinen Blick abwenden.

Wenngleich sich The Model ab diesem Punkt vorzugsweise dazu hinreißen lässt, bedenkenlos auf der plötzlichen Welle des Erfolgs mitzuschwimmen, gibt es dazwischen die raren Augenblicke des Zweifelns. Zwischen Begeisterung und Überforderung nimmt Emma den neuen Esprit war, der fortan ihre Adern durchfließt, gleichzeitig bleibt jeder Schritt auf dem Laufsteg ein weiterer Akt der Ungewissheit. Nicht einmal das lang ersehnte Chanel-Cover-Shooting kann diese Last von Emmas Schultern nehmen. Erst ein selbstloses Geschenk aus dem Nichts vermag die antrainierte Fassade zum Einsturz zu bringen. Vielschichtige wie unscheinbare Momente wie dieser finden allerdings nur selten ihren Weg in The Model.

Stattdessen obsiegt das Offensichtliche. Ein Umstand, der The Model nicht zwangsläufig zu einem schlechten Film macht, allerdings auch nichts Gegenteiliges bewirkt. Die meiste Zeit über stehen die Figuren komplett neben sich, sodass nicht einmal die routinierten Konflikte bleibenden Eindruck hinterlassen. Obwohl Mads Matthiesen in einzelnen Szenen – sogar sehr bestimmend – durchblicken lässt, dass die lähmende Stimmung in The Model weit mehr kann, als ausgiebig in dramaturgischen Konventionen zu baden, herrscht überwiegend blindes Vertrauen auf die erschütternden Geschehnisse im letzten Akt. Und ja, eine unangenehme Seite ist The Model nicht abzustreiten. Sie ist nur nicht verdient.

The Model © Koch Media

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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