The Wolf of Wall Street – Kritik

The Wolf of Wall Street (Martin Scorsese, 2013)

I’m aware I’m a wolf, poltert Kanye Wests Black Skinhead-Hymne im Hintergrund des ersten Trailers zum jüngsten Opus im Œuvre von Martin Scorsese. Der Regisseur, der zuletzt im spielberg’schen Gewand die Magie des Kinos in einer wunderbaren sowie abenteuerlichen Erinnerung dreidimensional auf die Leinwand zauberte, kehrt zurück zu seinen Wurzen respektive in ein Genre, das er in den vergangenen Dekaden maßgeblich definiert und beeinflusst hat. Selbst wenn die Monopolstellung der großen Gangster-Epen nicht die alleinige des US-amerikanisch Filmmachers ist, gehört die Nennung von Goodfellas zweifelsohne zum obligatorische Formalismus, wenn es zur Aufzählung entsprechender Genre-Klassiker kommt. Abseits davon tobte sich der wilde Stier im Lauf seiner umfangreichen Karriere immer wieder mit der filmischen Aufbereitung des Amerikanischen Traums aus – wenngleich im vergangenen Jahr die Entdeckung des Ursprungs der bewegten Bilder im Zentrum seiner außergewöhnlich feinfühligen Kino-Hommage Hugo stand. Nach dieser nostalgisch angehauchten sowie verspielt und detailliert aufbereiteten Erfahrung kehrt der New Yorker Regisseur zurück auf die gnadenlose Straße. Im Rahmen dieser Rückkehr fungiert jedoch lediglich der fuck-lastigere Tonfall als maßgeblicher Unterschied, denn als resümierender Blick auf sein Schaffen, inszeniert Martin Scorsese The Wolf of Wall Street als knallendes Nummern-Revue, das sich planlos im Loop des eigenen (Gangster-)Mythos verliert.

Genau wie anno dazumal Robert De Niros Voice-over in die treibenden Geschehnisse von Goodfellas entführte, übergeht das Erbe nun an Leonardo DiCaprio, der als hungriger Wolf direkt in das skrupellose Treiben der Wall Street eintaucht. Hier herrscht nur das gesprochene Wort – egal ob radikale Lüge oder manipulierender Sermon. Wer verkauft, der verdient und zwischendurch rettet die nötige Prise Koks die verbliebenen Nervenzellen, damit rund um die Uhr spitzfindig, knallhart und kalkulierend das Geschäft vorangetrieben werden kann. Die Uhr tickt, ein ewiger Wettlauf gegen die Zeit und am Ende bleibt alleinig die Erkenntnis, dass ein optional unendlich steigerungsfähiges Maximum an Profit längst nicht erreicht ist: Im Grunde also die kranke Gesellschaft des rücksichtslosen Kapitalismus, schlussendlich jedoch exakt das adäquate wie benötigte Äquivalent für Martin Scorseses erhobene Mafia-Ansprüche. Der Baukasten ist der gleiche, stets die Verlagerung der Geschehnisse ein das Zeitalter vom fließenden Geld ist der maßgebliche Unterschied zwischen Goodfellas und dem alternativen Remake und kleinen Bruder im Geiste. Selbstbewusst taucht der Altmeister in sein Metier ein und um ehrlich zu sein, ist es ein überaus amüsantes Unterfangen diese Explosion der eskalierenden Wall Street-Eskapaden mit den gierigen Augen eines gnadenlosen Gangsters zu verfolgen beziehungsweise zu erleben.

Matthew McConaughey in The Wolf of Wall Street

Nahezu von jeglicher Auflage befreit, dokumentiert Martin Scorsese die Geschichte des Aktienhändlers Jordan Belfort. Basierend auf wahren Begebenheiten und so weiter: Wie viele dieser unglaublichen Erlebnisse tatsächlich mit der Realität übereinstimmen, spielt ab der benötigten Prämisse keine Rolle mehr. The Wolf of Wall Street nutzt seinen titelgebenden Protagonisten ausschließlich als Sprungbrett, um zügellos in einen Gangster-Mikrokosmos einzutauchen, der sich am liebsten in den ausufernden Partys seines Ensembles präsentiert und im Moment des Stillstands ein Dialogfeuerwerk nach dem anderen kolportiert. Als würde Baz Luhrmanns The Great Gatsby-Adaption das tragisches Liebesdreieck ignorieren und sich glücklich in der höchsten Instanz dieser Welt wälzen: dem Geld. More is never enough liest sich dementsprechend nicht nur als Leitspruch von Jordan Belfort. Nein, auch Martin Scorsese sowie das Publikum verlangt nach der fortdauernden Übersteigerung des Gezeigten und dabei unterläuft der satirischen Komödie ein ärgerlicher Fehler, der bereits den Verlauf von The Great Gatsby verheerend beeinflusste. Vor dem Hintergrund einer produktionstechnisch bemerkenswert hochwertig ausgestatteten Kulisse versammelt sich ein Kabinett aus klassischen (wie erwarteten?) Stereotypen, die engagiert ihre Dialogzeilen aufsagen. Ein aufrichtiges Interesse für das Ergehen dieser Figuren existiert allerdings nur bedingt.

Vielmehr ist Martin Scorsese in die Anekdoten seines Jordan Belforts sowie selbigen verliebt, dass eine reflektierte Wahrnehmung des extravaganten Auslebens des Amerikanischen Traums leider nur im überschaubaren Bereich des routinierten sowie übersichtlichen Subtexts vonstattengeht. Ab einem gewissen Punkt folgt The Wolf of Wall Street mit purer Blindheit den etablierten Mechanismen, labt sich damit einhergehenden in den Konventionen seiner Gattung und kann diesem euphorischem Gangster-Kaleidoskop erschreckenderweise keine neuen Facetten abgewinnen. Stattdessen bestimmt ein selbstreferenzieller Grundtenor ein Gros der übermäßigen Laufzeit. Es folgt eine Genre-Parade auf die andere und Martin Scorsese unternimmt nur selten den Versuch, wirklich aus diesem Konstrukt, bestehend aus popkulturellen Verweisen, einem schrägen wie gleichermaßen überragend sekundierenden Soundtrack und der Bebilderung des Amerikanischen Traums, auszubrechen. Schnell entwickelt sich ein repetierender Rhythmus, die Déjà-vu-Passagen häufen sich und Thelma Schoonmaker ignoriert großzügig den präzisen Schnitt. Folglich fehlt die treibende Dynamik und hinsichtlich der mitunter improvisierten Dialoge gefällt Martin Scorsese die aufsehenerregende Darbietung seiner Darsteller so gut, dass er den entscheidenden Schlusspunkt gleich mehrfach verpasst und seine kleine Szenarien regelrecht ausnimmt, bis selbst der unermüdliche Improvisationen Jonah Hills an ihre Grenzen stoßen.

Margot Robbie in The Wolf of Wall Street

Wo zuletzt Ridley Scotts hochdekoriertes The Counselor-Ensemble an Cormac McCarthys Textzeilen faszinierend scheiterte, geht ebenso die namhafte Besetzung von The Wolf of Wall Street hinsichtlich Mimik und Gestik an den Rand des Universum. Allerdings kann weder der offenbarende Matthew McConaughey-Monolog, noch Spike Jonzes schräger Auftritt (ganz zu Schweigen von denkwürdigen Performances seitens Margot RobbieRob Reiner und Jean Durjadin) die vorherrschende Leere des Gesagten kaschieren und infolgedessen bleibt das dominierende Schema ein sich ständig wiederholendes. Dass sich dennoch eine gewisse Kurzweil in dieser tollwütigen Achterbahnfahrt versteckt, ist kein Geheimnis. Egal wie viel inhaltlicher Leerlauf zwischen den entscheidenden Eckpfeilern herrscht: An komödiantischen Highlights und GIF-würdigen Momenten mangelt es dem Film auf keinen Fall. Wenn schließlich im finalen Akt das FBI – zynisch untermalt von Simons & Garfunkels Mrs. Robinson – rigoros in Jordan Belforts Etage einmarschiert und somit das unabdingbare Erwachen aus dem Amerikanischen Traum transportiert, offenbart sich The Wolf of Wall Street wenige Augenblicke später als Produkt eines immerwährendem Kreislaufes der reinen Wiederkehr.

In diesen letzten Minuten greift der eingangs beschrieben Loop und Jordan Belfort verkauft wieder den Kugelschreiber, mit dem er einst seine steile Karriere begonnen hat. Ein Augenblick, den Michael Bay in variierter Aufstellung mit seinem Spring Breakers-Odyssee Pain & Gain womöglich um einiges treffender und exzessiver auf die große Leinwand bannte. Nichtsdestotrotz findet sich auch Martin Scorsese wie sein durchtriebener Protagonist mit dem Einsetzten des Abspanns am Fundament seines Schaffens wieder und genauso holprig fühlt sich The Wolf of Wall Street über weite Strecken ein: Ein Quasi-Gatsby-Remake in Form der gewohnte Goodfellas-Strukturen vereint mit einem spielwütigem Ensemble und der gewaltig unbeherrschten Inszenierung eines Regisseurs, der im Rückblick genauso wild geblieben ist wie der Wolf zu seinen besten Zeiten. Hilfe!

Von Matthias Hopf

The Wolf of Wall Street © Universal Pictures
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Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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