Transformers: Age of Extinction – Kritik

Transformers: Ära des Untergangs - Kritik

Zuletzt umschrieb David Ehrlich Gareth Edwards Godzilla auf The Dissolve als ersten post-humanen Blockbuster. Also ein Film, in dem – wenngleich augenscheinlich in der Szenerie vorhanden – Menschen keine Rolle mehr spielen. Im Grunde eine äußerst interessante These, besonders da gerade in einem derartigen Monster-Clash die Rettung der menschlichen Spezies eine essentielle Schlüsselfunktion einnimmt. Wenn der gigantische Koloss aus dem Ozean steigt, Metropolen dem Erdboden gleichmacht und mit ohrenbetäubenden Schreien den Kontrahenten die Ankunft seiner selbst offenbart, dann ist es immer noch die Menschheit, die primär um ihr Überleben fürchtet, da ihre Existenz als unerkannter Kollateralschaden auf dem Spiel steht. Ähnlich scheint die Konstellation in den Hasbro-Adaptionen von Michael Bay: Autobots und Decepticons liefern sich ein unerbittliche Scharmützel, das seine Opfer fordert und ausgerechnet auf der Erde ausgetragen werden muss. Nicht zuletzt ließ die Tagline des ersten Transformers Their war, our world verlauten und der Leitspruch der Witwicky-Familie definiert sich aus den Worten No sacrifice, no victory.

Im Unterschied zum oben genannten Godzilla-Reboot befinden sich die titelgebenden Unruhestifter im Transformers-Franchise stets im Dialog mit den menschlichen Protagonisten und nehmen selbst den Part greifbarer Figuren ein, die in ihrer Konzeption meilenweit von der undefinierbaren Starrheit des Ungeheurs entfernt sind. Die Roboter treten in direkte Interaktion mit den Menschen, wissend um den Schaden, den sie bei ihrer unorganisierten Konfliktlösung verursachen. Dennoch verwandelte Michael Bay das Franchise spätestens ab dem zweiten Segment, Transformers: Revenge of the Fallen, in die tatsächlich erste Filmreihe, in der die Existenz des Menschengeschlechts nicht mehr von Belang ist. Egal wie angestrengt Shia LaBeouf den vonstattengehenden Wahnsinn in seinem Gesicht widerzuspiegeln versucht: Selbst als obligatorisches Übel, als Mittel zu Zweck ist seine Gegenwart unwichtig, sobald Michael Bay in Transformers: Dark Side of the Moon die Reißleine zieht und in einem unfassbaren Schnitt die komplette Menschheit ausradiert.

Anno 2014 inszeniert Michael Bay nach seinem Erwachen aus dem Amerikanischen Traum, Pain & Gain, mit Transformers: Age of Extinction das Qausi-Reboot der Reihe und womöglich die Vollendung des post-humanen Blockbusters. Und das, obwohl der gesamte (menschliche) Cast ausgetauscht worden ist, was im Vorfeld verheißungsvoll frischen Wind versprach. Ein Neuanfang, der sich auf vorherige Plotpoints stützt und zumindest in dieser Eigenschaft der fehlenden Inspiration einer weiteren Origin-Story entsagt. Ärgerlicherweise bleibt das angestaute, weil bis dato nie wirklich verwendete, Potential im Dunst dieser Fortsetzung pure Behauptung: Erdenbürger lehnen sich aufgrund der verheerenden Ereignisse in Chicago gegen den technologisch überlegenen Feind auf, spielen ein bisschen Dr. Frankenstein und verlieren im Anschluss unweigerlich die Kontrolle über das Geschehen. Es ist beinahe erschreckend, wie viel thematischer Sprengstoff sich in diesem absurden Konstrukt auw Science-Fiction-Motiven, Verschwörungs-Thriller-Elmenten und Vater-Tochter-Problematik versteckt. Summa summarum zieht am Ende bloß der amerikanische Held in den Krieg, im Glauben Werte zu verteidigen, die auf der Skala der epochalen Zerstörungs-Maschinerie längst jegliche Relevanz verloren haben.

Fadenscheinig verankert Ehren Kruger das ganze Ensemble in einer real existierenden Welt, ohne jedoch irgendeinem der neuen Gesichter (sei es Transformer oder Mensch) mehr als eine Oberfläche zu gönnen. Natürlich gestaltet sich der Erwartungsgehalt hinsichtlich eines ausgefeilten Figurenkabinetts im überschaubaren Bereich. Ironischerweise ist es aber ausgerechnet Michael Bay, der aufrichtig an diese Stereotypen glaubt, ihre stumpfen Attribute für bare Münze nimmt und sich hingebungsvoll für ihre Leiden interessiert, solange es einem republikanisch verklärten Werte- und Moralverständnis dient. Trotzdem gelingt es ihm nie hinter die Fassade von Mark Walhbergs America, fuck yeah!-Grinsen zu blicken, denn alles, was er noch lieber hat als diese hohlen Archetypen, ist der metallene Wüterich – namentlich Optimus Prime. Sobald Michael Bay den Truck entfesseln kann, avanciert das unbändige Pochen in Steve Jablonskys musikalischem Gewitter zum unbarmherzigen Dröhnen und ein gewaltiges Ballett der Bewegung nimmt seinen Lauf. Bewegung, die die gesamte Leinwand zum Beben bringt. Ein audiovisueller Supergau inklusive dritter Dimension: Transformers: Age of Extinction ist absolute Ekstase. Ein überwältigender Krawall-Loop, der trotz seiner unzähligen Zeitlupen und aufwendigen Kamerafahrten innerhalb weniger Minuten die Hoffnung auf Ordnung im Chaos ersticken lässt. Stimulierend auf allen Ebenen erreicht Michael Bay bereits im ersten Akt das höchste Maß an Übersättigung. Im Folgenden reicht nicht einmal die Expansion nach Hongkong mitsamt vielversprechender Dinobot-Taktik aus, um dem Größenwahn ein weiteres Tor zu öffnen, das er nicht unlängst durchschritten hat.

Dementsprechend unstrukturiert ebnen die konfusen Überreste der kolportierten Handlung dem nächsten Set Piece den Weg, allerdings ohne ein Bewusstsein für jegliche Art von Dynamik zu einwickeln. Wie es erst kürzlich bei The Amazing Spider-Man 2 der Fall war, lebt Transformers: Age of Extinction ausschließlich aus Posen, aus Ideen, die gut aussehen. Zweifelsohne findet Michael Bay überaus adäquate Bilder, um den bombastischen Wahnsinn respektive Blödsinn zu illustrieren, gleichzeitig fehlt dem Gesamtkunstwerk jedoch etwas Verbindendes, etwas Erdendes – insbesondere weil sich das alles selbst so ernst nimmt. Was folgt, ist unfreiwillig komisch: Die One-liner sind platt, der Humor ein grenzwertiger und wenn nicht gerade der bayhem’sche Fetischismus im Rahmen einer wohlgeformten Helikopter-Silhouette vor dem goldenen Sonnenuntergang seine Vollkommenheit erlebt, dominiert der Voyeurismus, der sich mit uneingeschränkter Hingabe auf die Hotpants von Nicola Peltz konzentriert, als müsste die (willkommene) Abstinenz von Rassismus und Homophobie zwanghaft durch eine Steigerung des Sexismus ausgeglichen werden. Dazwischen wird die amerikanische Flagge im Sekundentakt ein Stück höher gehisst, um das militaristische Propagandafest angemessen zu zelebrieren.

Klar, subtil war Michael Bay noch nie. Dennoch mausert sich der unreflektierte Umgang mit diesen dezent unterschwelligen Mechanismen zur Enttäuschung. Vor allem, da er die beschränkten Träume von The Rock und Marky Mark im vergangenen Jahr an genau dieser plakativen Illusionen zerschellen ließ. Doch in der Gigantomanie der Materialschlacht ist alles vergessen, selbst der Mensch, der selbige aus unerklärlichen Gründen zu lenken und überleben versucht. Am Ende tobt nur noch der rohe Battle Cry von Imagine Dragons und erteilt dem majestätischen Gewaltakt im hämmernden 4/4-Takt Absolution. Exakt in diesem Augenblick offeriert Transformers: Age of Extinction den Untergang von all dem, was Kino abseits der Faszination für entfesselte Kinetik aus dem Computer sein kann. Was bleibt, ist Lärm und Terror, fußend auf der Wurzel des Kapitalismus einer globalisierten Filmindustrie, die sich in ihrer Ausformulierung von Bewegtbildern in der Willkür und Redundanz des kleinsten gemeinsamen Nenners verloren hat. Ein Prozess der schlussendlich dazu führt, dass Optimus Prime die Erde verlässt, um ins Angesicht seines Schöpfers zu blicken. Welche Rolle die Menschheit spielt, ist ungewiss, wenn nicht sogar vollkommen irrelevant.

Transformers: Age of Extinction

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
Matthias

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  • http://www.filmverliebt.de/ Florian

    Wie immer eine interessante Review. Wieso vergibst du eigentlich keine Sterne?

    • Beeeblebrox

      Merci! 🙂

      Ich finde Sterne/Punkte eher relativ und wenn auch nur als Tendenz interessant. Und das, obwohl ich mir manchmal wirklich stundenlang den Kopf über eine Bewertung auf moviepilot zerbreche – nur, um sie dann drei Tage später wieder zu verändern. 😀

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