Von Superhelden, Einzelgängern und Teamspielern

Avenger assemble! Oder: Wenn ein Held nicht genug ist

Es war schon fast irritierend, als Paul Rudd vor ein paar Monaten sein Debüt als Ant-Man auf der großen Leinwand ablieferte. Nach der absoluten Superhelden-Gigantomanie Avengers: Age of Ultron war auf einmal jegliches Detail des heroischen Spektakels nur noch unter der Lupe erkennbar, weil in Ameisengröße. Wo Nick Furys-Rächerinitiative zuletzt eine gesamte Stadt aus dem Erdboden gehoben hatte, fand das Finale von Ant-Man lediglich in einem Kinderzimmer statt – und im Grunde prügelten im Rahmen des Endkampfs auch bloß zwei Figuren anstelle einer ganzen Gruppe aufeinander ein. Zuerst in Lebensgröße, später im mikroskopischen Dimensionen: Die verhältnismäßig überschaubare Größenordnung tat der mitreißenden Geste dieses entscheidenden Akts jedoch keinen Abbruch, sondern brachte ihn konzentriert und präzise auf den Punkt. Ganz simpel könnte nun „weniger ist manchmal mehr“ resümiert werden. Und trotzdem scheint der Trend in Zukunft kein Ende zu nehmen, dass sich Superhelden vorzugsweise in Teams zusammenschließen, um im Kino gegen die Schurken dieser Welt (bzw. dieses Universums) anzutreten.

Dabei sah die Renaissance jener Gattung zu Beginn der 2000er Jahre ganz anders aus, wie auch dieser Übersicht der Comicverfilmungen zu entnehmen ist. Abseits der X-Men, die schon im Titel als Team verankert sind, eroberten vorerst die Einzelgänger das Zelluloid: Tobey Maguire hangelte alleine als Spider-Man durch New York, Eric Bana kämpfte in Hulk ohne Verstärkung gegen sein inneres Monster und auch Ron Perlmans Hellboy-Inkarnation markierte in erster Linie die Geschichte eines einzelnen Helden. Selbst Bryan Singers Mutanten konnten trotz ihrer Vielzahl die Tatsache nicht ignorieren, dass Hugh Jackmans Wolverine im Ensemble stets die erste Geige spielte und obendrein mehrere Spin-off-Filme erhielt. Ebenso führte die halbherzige Zusammenarbeit von Daredevil (Ben Affleck) und Elektra (Jennifer Garner) am Ende zu einem weiteren Solo-Film, der sich nur noch um zweitgenannte Comic-Figur drehte, allerdings auch nicht auf eigenen Beinen stehen konnte. War gleich eine ganze Gruppe mit der Bekämpfung fieser Schurken beschäftigt, gestaltete sich der Weg als steiniger: Sowohl The League of extraordinary Gentlemen als auch die zwei Fantastic Four-Filme von 20th Century Fox konnten das gleichgestellte Ensemble alles andere als salonfähig machen.

Den Zuschlag erhielten dagegen Einzelkämpfer wie Superman, Catwoman, und Ghost Rider. Besonders prägnant: Christoper Nolens Batman-Reboot, das seine titelgebende Heldenfigur sehr bewusst als isolierten Einzelgänger positionierte. Lediglich die düstere DC-Adaption Watchmen und Pixars Animationsfilm The Incredibles steuerten den Eigenbrötlern entgegen, die vom Mainstream-Publikum mit offeneren Armen angenommen wurden, als ein auf Gruppendynamik fußendes Superhelden-Abenteuer. Mit Sicherheit hatte auch Kevin Feige seinerzeit, als er das Marvel Cinematic Universe konstruierte, erkannt, dass das Publikum für eine ganze Superhelden-Schar noch nicht bereit war. Selbst die X-Men mussten sich mit First Class auf gewisse Weise neu erfinden und so dauerte es ganze fünf Solo-Abenteuer, bis sich 2012 zum ersten Mal Iron Man, Captain America, Thor und Co. unter Nick Furys (Samuel L. Jackson) Kommando formierten. The Avengers, der durchaus als Schlüsselfilm der jüngeren Superhelden-Historie im Kino betrachtet werden kann, bewies dahingehend vor allem zwei Dinge: Umfangreiche sowie sorgfältige Vorarbeit zahlt sich aus. Und: Dank bodenständigem Fundament kann sogar ein Problemkind, wie es der Hulk trotz zweier Versuche war, regelrecht beiläufig als Teamspieler integriert werden.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt ist ein Superheld alleine nicht mehr genug. Ein Umstand, der letztendlich zur Folge hat, dass sich eine – im Grunde einfache – Fortsetzung wie Captain America: Civil War hinsichtlich seines namhaften Casts kaum noch von einem Klassentreffen wie The Avengers unterscheidet. Die große Ironie: Wo sich Fans und Kritiker 2007 bei Spider-Man 3 über eine Vielzahl an Antagonisten (drei an der Zahl) empörten, mit denen Peter Parker fertigwerden musste, kommen nun auf einen Gegenspieler gleich sechs (oder mehr) Weltenretter, was im Fall von Avengers: Age of Ultron zu geradezu bizarren Statistiken führt, die Screentime der einzelnen Heroen betreffend. So schafft es eine zentrale Figur wie Thor (Chris Hemsworth) gerade einmal 15 Minuten in das knapp zweieinhalbstündige Spektakel, während Captain America (Chris Evans) mit 45 Minuten und Iron Man (Robert Downey Jr.) mit 50 Minuten zwar am öftesten im Bild zu sehen sind, trotzdem aber nur gerade mal ein Drittel der Gesamtlaufzeit einnehmen. Darüber hinaus erweiterte Avengers: Age of Ultron seinen Main Cast um weitere populäre Figuren wie beispielsweise Vision (Paul Bettany), Scarlett Witch (Elizabeth Olsen) und Quicksilver (Aaron Taylor-Johnson), die ebenfalls ihre paar Minuten Ruhm beanspruchten.

Doch wie viele Superhelden verträgt überhaupt ein Film und warum bekommt Hollywood nicht genug von den Teams, die vor rund einer Dekade noch überwiegend verschmäht wurden? Gerade Filme wie Guardians of the Galaxy aus dem Hause Marvel/Disney stellten das Teamspiel dermaßen bewusst in den Vordergrund, dass DC/Warner auf der diesjährigen Comic-Con das bevorstehende Green Lantern-Reboot gleich in einem Ensemble-Stück im Weltraum umgewandelt hat, das den Namen Green Lautern Corps trägt. Auch der Suicide Squad kommt nicht ohne Batman-Extension aus und bevor der Mann aus Stahl seine eigene Fortsetzung bekommt, muss er sich zuerst mit dem schwarzen Ritter sowie Wonder Woman, Aquaman und The Flash (rumored) duellieren. Letzten Endes spiegeln diese Entwicklungen exakt den Puls des (Kino-)Zeitalters wieder, in dem wir leben. Das Franchise dominiert die Filmlandschaft und damit einhergehend folgt jeder neue Beitrag – gerade im Superhelden-Metier – den klassischen Grundsätzen eines Sequels: schneller, lauter, größer. Die Frage ist nur, wie lange sich dieses Konzept noch steigern lässt,  besonders im Hinblick auf eine Superhelden-Gigantomanie wie den eingangs erwähnten Avengers: Age of Ultron.

Ein kurzer Blick auf den Batman v Superman: Dawn of Justice-Trailer beweist jedoch, dass stets eine weitere Superlative möglich ist. Gleichzeitig blitzt aus Zack Snyders epischen Bildern auch ein gewisser Grad an Verzweiflung, denn offensichtlich sind zwei der größten Ikonen der Superheldenwelt nicht mehr genug, um die Massen ins Kino zu locken. Der Event wird zur Routine und Übersättigung wäre die nächste Schlussfolgerung, die sich schon im Screentime-Abgleich von Avengers: Age of Ultron warnend ankündigt. Zwar weiß ein Auteur wie Joss Whedon, der viel Erfahrung mit Serien und somit der Koordination von zahlreichen Figuren gesammelt hat, wie ein dermaßen monströses Ensemble einigermaßen ausgeglichen auf der großen Leinwand verteilt werden kann und muss, damit auf der einen Seite die Übersicht und auf der anderen Seite der Spaß nicht verloren geht. Wenn allerdings krampfhaft ein Crossover aus dem Boden gestampft wird, weil ein Studio wie 20th Century Fox (durchaus schlüssigen Gerüchten zufolgen) seine einzigen zwei Brands (Fantastic Four und X-Men) fusionieren will, nur um auf einen Zug aufzuspringen, der gefühlt vor drei Jahren abgefahren ist, wie sich mittlerweile auch Sony eingestanden hat, geht der Reiz am Teamspiel endgültig verloren. Und trotzdem bin ich ziemlich neugierig, wie ein solches Zusammentreffen aussehen könnte.

Dieser Text wurde mit freundlicher Unterstützung von Maxdome umgesetzt.

Captain America: Civil War © Walt Disney Studios Motion Pictures / Suicide Squad © Warner Bros / Batman v Superman: Dawn of Justice © Warner Bros

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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