Warum wir James Cameron und Avatar 2 brauchen

Warum wir James Cameron und Avatar 2 brauchen

„Well, 2018 is not happening“, ließ James Cameron gestern gegenüber The Toronto Star verlauten, als sich die Frage um die die Fortschritte der angekündigten Avatar-Sequels drehte. Acht Jahre ist es mittlerweile her, dass der Titanic-Regisseur mit seinem Science-Fiction-Abenteuer nicht nur einen erneuten 3D-Boom auslöste, sondern ebenfalls den bis dato erfolgreichsten Film in die Kinos brachte. Über zwei Milliarden Dollar hat Avatar weltweit an den Kinokassen eingenommen. Nicht einmal der lang ersehnte Star Wars: The Force Awakens konnte diesem Triumph das Wasser reichen. Mit der Fortsetzung seines Pandora-Abenteuers scheint es der selbsternannte König der Welt allerdings alles andere als eilige zu haben.

Während Disney seit zwei Jahren ohne mit der Wimper zu zucken alle zwölf Monate einen neuen Star Wars-Film auf die große Leinwand bringt, scherzt nun schon gefühlt die halbe Filmwelt darüber, ob Avatar 2, Avatar 3, Avatar 4 und Avatar 5 überhaupt jemals das Licht der Welt erblicken werden. Bereits in der April-Ausgabe 2014 notierte die Empire-Redaktion nach einem kurzen Produktionsupdate mit ironischem Nachsatz: „Shooting will start this year, with Avatar 2 due to be released in 2016. The plan is to role out the final to parts in 2017 and 2018. The reboot will happen in 2030.“ Die Hälfte der genannten Zeitmarken haben wir inzwischen überschritten und bis heute ist kaum ein konkretes Detail zu auch nur einer der drei geplanten Sequels bekannt.

Dennoch sollten wir James Cameron und seine Avatar-Unternehmung nicht unterschätzen.

In einer Zeit, in der Franchises das wertvollste Gut sind, das ein Studio besitzen kann, verblüfft es geradezu, dass 20th Century Fox nicht längst mehr Druck auf James Cameron ausgeübt hat, um weitere Avatar-Filme in Stellung zu bringen – immerhin reden wir hier nicht nur von einer einfachen Filmreihe, sondern einem potentiellen Cinematic Universe. James Cameron selbst hat vor einiger Zeit bereits die Größenordnung auf ein neues Level gehoben, indem er die rumorte Trilogie gleich zur Pentalogie auserkoren hat, von all den möglichen Spin-offs und Prequels ganz zu schweigen. Wenngleich Avatar noch einen langen Weg vor sich hat, um mit dem Umfang von Reihen wie Star Wars und Star Trek messen zu lassen, so könnte sich die Marke durchaus in eines der angesagten Cinematic Universes verwandeln, wie sie momentan überall aus dem Boden sprießen.

Disney dürfte mit dem Marvel Cinematic Universe den Blueprint und Grundstein für diese Entwicklung geschaffen haben. Seit Robert Downey Jr. 2008 zum ersten Mal als Tony Stark in die Iron Man-Rüstung schlüpfte, hat sich das Studio in diesem Bereich stetig fortentwickelt und blickt mittlerweile auf zwei erfolgreich abgeschlossener Phasen mit mindestens sechs Filmen zurück – ein Ende ist nicht Sicht. Warner Bros. hat es Disney mit dem DC Extended Universe gleichgetan und darüber hinaus das sogenannte MonsterVerse geschaffen, das in absehbarer Zeit zum Schlachtfeld von King Kong und Godzilla wird. Ähnlich monströs geht es bei Universal Pictures weiter, die spätestens mit The Mummy dieses Jahr ein Cinematic Universe für klassische Horrorfiguren aus dem hauseigenen Katalog an den Start bringen wollen, nachdem Dracula Untold 2014 noch for Startschwierigkeiten sorgte.

Die Cinematic Universes (oder auch Shared Universes genannt) sind folglich en vogue und unterdessen für das Überleben eines großen Studios im aktuellen Wettbewerb essentiell. Selbst Paramount hat die scheinbar unerschöpfliche Transformers-Reihe unterdessen aufgebohrt und spendiert dem gelben Autobot Bumblebee einen eigenen Film. Wo also ist das Avatar-Spin-off, das sich der Vorgeschichte von Sigourney Weavers Figur widmet, oder das Prequel, das von den Urvätern der Na’vi erzählt? Die Frage ist berechtigt, vor allem im Hinblick auf die übrigen Properties, die 20th Century Fox (noch) besitzt.

Während sich das X-Men-Franchise nach Logan an einem Scheidepunkt befindet, der auf der einen Seite viele Optionen eröffnet, auf der anderen Seite aber auch den Abschied (sprich: Verlust) beliebter Gesichter mit einschließt, beendet War for the Planet of the Apes voraussichtlich in wenigen Monaten das verhältnismäßig junge Planet of the Apes-Reboot. Zudem scheiterten Marken-Updates wie Fantastic Four und Independence Day: Resurgence, von der mit dem fünften Teil vollständig gegen die Wand gefahrenen Die Hard-Reihe ganz zu schweigen. Bleibt lediglich die Alien-Anthologie und sie Aussicht auf ein baldiges Predator-Wiedersehen, das sich – ähnlich wie Deadpool und Logan – im R-Rated-Bereich beweisen kann. Doch an diesem Punkt ist das 20th Century Fox-Repertoire auch schon erschöpft und die Frage nach Avatar bleibt.

Bei all den Franchises, mit denen 20th Century Fox gerade handelt, erweckt die Welt von Pandora einen überaus willkommenen Eindruck – zumal soeben ein entsprechender Themenpark in Orlando, Florida eröffnet wurde. Nicht viele Reihen, die es bisher erst auf einen Film geschafft haben, können dies von sich behaupten. Doch wartet wirklich jemand da draußen auf die Fortführung von Jake Sullys Geschichte? Nicht zuletzt kursierten in den letzten Monaten immer wieder Think pieces (wie zum Beispiel dieses hier auf ScreenCrush), die Avatars nicht vorhandenes Vermächtnis thematisierten und dementsprechend die Nachfrage für weitere Sequels gewaltig in Frage stellten. Könnte der erfolgreichste Film aller Zeiten zum Zeitpunkt seiner Fortsetzung bereits komplett vergessen sein?

Wohl kaum.

Obwohl es auf den ersten Blick nicht so wirkt, sind die Spuren, die Avatar in der Filmgeschichte hinterlassen hat, vermutlich jetzt schon tiefer als es den meisten Franchises jemals gelingen wird. Avatar mag zwar nicht die Marke sein, über die jeden Tag berichtet wird. Dennoch hat sich dieser Film dank der überdurchschnittlich langen Laufzeit im Kino und den verschiedenen Heimkino-Veröffentlichungen felsenfest im popkulturellen Gedächtnis der Gegenwart verankert, sodass Avatar selbst den Kinogängern ein Begriff ist, die sich nur einmal im Jahr in ein Lichtspielhaus verirren. Ob jemand dabei die Namen der Figuren oder Hauptdarsteller_innen benennen kann, spielt dabei keine Rolle. Avatar ist der Film mit den blauen Männchen, vom Regisseur von Titanic und in 3D. Das sind mehr Informationen als die meisten Menschen über einzelne Vertreter des MCU aufzählen können.

Avatar ist zweifelsohne im Bewusstsein der Kinogemeinde rund um den Globus präsent, wenn auch nicht so vordergründig wie die momentanen Franchise-Renner (aka Star Wars und diverse Comic-Verfilmungen). Sollte sich ProSieben jedoch dazu entscheiden, den Aufbruch nach Pandora in die Primetime am Sonntagabend zu nehmen, dann dürfte ein zufriedenstellender Quotenanteil garantiert sein, so gut ist dieser Vier-Quadranten-Film bei der breiten Masse aufgestellt. Womöglich ist es sogar die Übersichtlichkeit, die Avatar (noch) besitzt und ihm einen ungemeinen Vorteil im Gegensatz zu den zunehmend komplexer werdenden Cinematic Universes verschafft, die trotz aller Bemühungen ab einem gewissen Punkt für Neueinsteiger unverständlich werden. Ein Umstand, dem das MCU zum Beispiel durch regelmäßige Origin-Storys wie zuletzt Doctor Strange entgegenzuwirken versucht.

Avatar ist bisher aber bloß diese eine große Geschichte, dieses eine große Abenteuer. Und wenn 2019 nun tatsächlich die erste Fortsetzung in die Kinos kommen sollte, wurden Prämisse und Grundwissen so oft wiederholt, dass eine (Informations-)Überdosis wie im Fall des MCU unmöglich ist. Avatar genießt einen Luxus, den sich ansonsten kein anderes Franchise in Hollywood leisten kann: die Zeit. Dass James Cameron sich gerne Zeit für seine Projekte nimmt, ist kein Geheimnis. Dass sich das Warten für gewöhnlich lohnt, ebenfalls nicht. James Cameron arbeitet im System außerhalb des Systems und bestimmt das System. Die Auswirkungen der massentauglichen 3D-Revolution von 2009 ist heute noch spürbar, obgleich die Branche im Umgang mit der (wieder) salonfähig gemachten Technik versagt hat.

3D-Fernseher werden in Kürze nicht mehr bedient, ebenso scheint das Kino in Anbetracht der lieblosen bis schlampigen 3D-Konvertierungen erschöpft. Gleichzeitig ist es seit Avatar keinem einzigen Film gelungen, eine vergleichbare Bewegung anzustoßen. Eher im Gegenteil: Die 48fps, die Peter Jackson mit seiner Hobbit-Trilogie dem Publikum zugänglich machen wollte, zerschellten an einem verheerenden Kliff der Ablehnung. Der 3D-Trend hingegen hält weiterhin an, unabhängig finanzieller Unstimmigkeiten und dem Unmut des Publikums. Aber vielleicht ist das genau der Grund, warum wir Avatar so dringend brauchen und sich James Cameron trotzdem Zeit mit dem Film lassen sollte. Wenn sich das Kino der eigenen Möglichkeiten, des eigenen Glücks nicht bewusst ist, dann benötigt es einen der größten Schöpfer der bewegten Bilder, um selbige aus der Krise zu manövrieren.

Nach all den Jahren gehört James Cameron immer noch zu einem der glücklicherweise größenwahnsinnigen Träumer, wie es immer weniger gibt. Natürlich kann er sich das nur rückblickend auf seinen bisherigen Erfolg leisten. Aber deswegen ist es gerade so wichtig, dass James Cameron weitermacht und die ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen nutzt, um das Kino weiterzudenken, denn er ist vermutlich der einzige Filmemacher in Hollywood, der nicht sich keinem Franchise unterordnen muss, sondern das Franchise dominiert, das er als Auteur geschaffen hat und nun nach seinen ganz persönlichen Vorstellungen formt. Wenngleich Avatar 2 in seiner Eigenschaft als Fortsetzung am Ende dem wohl gängigsten Mechanismus der Filmindustrie folgt, so ist es eine Fortsetzung, die die Chance hat, das Kino zu verändern, auf den Kopf zu stellen, ja, sogar in seinen Grundfesten zu erschüttern. Es wäre wahrlich ein Ärgernis, diese einmalige zu verschenken oder erst gar nicht zu nutzen.

Avatar © 20th Century Fox

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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