Was Rogue One über die Zukunft von Star Wars erzählt

Was uns Rogue One über die Zukunft von Star Wars erzählt

Obwohl am vergangenen Wochenende im Rahmen der D23 Expo kein neuer Trailer zu Star Wars: The Force Awakens veröffentlicht wurde, konnte die Veranstaltungen mit einigen Leckerbissen für neugierige Jedi-Ritter aufwarten, wie zum Beispiel der Enthüllung eines Teaser-Posters von Drew Struzan. Darüber hinaus lag der Fokus des Panels, bei dem unter anderem Regisseur J.J. Abrams sowie ein Teil des Casts von Episode VII anwesend war, aber auch einem ganz anderen Film: Rogue One: A Star Wars Story, seines Zeichens das erste Spin-off der neuen Star Wars-Ära (sprich: seit der Übernahme von Lucasfilm durch Disney). Gezeigt wurde ein Bild, das den Main-Cast des Films enthüllt – und zwar in kompletter Montur. Ähnlich den Cast-Promobildern einer Serie gibt der Schnappschuss nicht nur Einblick in die  Hierarchie des Ensembles, sondern offenbart auch einen Teil der Welt, in der die Geschichte angesiedelt ist. Doch was verrät uns das Cast-Foto von Rogue One genau über die Zukunft des Star Wars-Franchise?

Grimmy, gritty, great

Was auf den ersten Blick auffällt: Rogue One ist düster. Düster, dreckig und grimmig. Von der verträumten Aura des ursprünglichen Weltraummärchens, das George Lucas einst mit seinem Krieg der Sterne ins Leben gerufen hatte, scheint nicht mehr viel übrig zu sein. Stattdessen hat sich der Krieg der Sternen nun wirklich in einen Krieg verwandelt. Schon kurz nach der Ankündigung von Rogue One wurden (Anti-)Kriegsfilme wie Saving Private Ryan und Black Hawk Down als Inspiration genannt. Außerdem war schnell klar, dass sich die Handlung um einen Rebellen-Trupp dreht, der mit der Mission beauftragt wurde, die Pläne des Todessterns zu stehlen. Ein militärisches Unterfangen ist das zweifeslohne und daher passt der bedrohliche Ton perfekt. Mit Gareth Edwards hält zudem ein Regisseur die inszenatorischen Zügel in der Hand, der mit seinen vorherigen Werken, namentlich Monsters und Godzilla, bereits ein außerordentliches Gespür für die Ästhetik des entsprechenden Sujets (Kriegsfilm feat. Science-Fiction und Action) bewiesen hat.

Und genau bei dem Schlagwort Kriegsfilm sind wir bei einem weiteren entscheidenden Punkt angelangt: Disney scheut nicht davor zurück, neues Terrain zu erkunden. Während Rogue One sich nun im obig genannten Genre austobt, legt das zweite Standalone-Projekt seine Fokus auf einen jungen Han Solo und somit gleichzeitig auf eine jüngere Zielgruppe. Voraussichtlich wird der Weltraumschurke Anfang Zwanzig sein, wie es Lucasfilm-Präsidentin Kathleen Kennedy vor ein paar Tagen verlauten ließ. Weiterhin schlug ein Vergleich mit den The Hunger Games-Filmen große Wellen. Sollte Hans Solos erstes Soloabenteuer tatsächlich die Antwort auf die durch Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) initiierte Revolution sein, könnte Star Wars auch hier neues Land für sich – ganz egal wie breit die früheren Filme hinsichtlich ihrer Zielgruppenerfassung schon aufgestellt waren (Stichpunkt: Four-Quadrant-Blockbuster).

Da es sich bei Star Wars außerdem um ein gewaltiges Universum handelt, ist die Genre-Erweiterung durchaus willkommen und sinnvoll. Nicht zuletzt zehren sogar die einzelnen Vertreter des Marvel Cinematic Universe von ihrer Tendenz, sich ein bestimmtes Genres zusätzlich zur obligatorischen Superhelden-Action zu eigen zu machen. So probierte sich beispielsweise erst vor Kurzem Ant-Man an Elementen des Heist-Movies aus und Captain America: The Winter Soldier wurde als Paranoia-Thriller gefeiert, als hätte die 1970er Jahre niemals die Kinosäle verlassen. Wenn Gareth Edwards mit Rogue One ein vergleichbar spektakulärer Stunt gelingt, dürfen wir mehr als gespannt sein, in welche Genres sich Star Wars als nächstes vorwagt. Vielleicht sind die Chancen auf einen Film noir zwischen Coruscant und Tatooine gar nicht mal so gering.

Diverses Ensemble vor vertrauter Kulisse

Vor vertrautem Hintergrund (ein Düsentriebwerk, Munitionskisten und Schrottteile in Hangarhalle) präsentiert das Cast-Foto selbstverständlich auch einen Blick auf, genau, den Cast – und der wird von niemand Geringerem als Felictiy Jones, einer Frau, angeführt. Mit weiblichen Hauptrollen war George Lucas bei der Erschaffung seines Weltraummärchens nicht so spendabel wie mit den männlichen. Selbst Leia Organa (Carrie Fisher) und Padmé Amidala (Natalie Portman) gehörten zwar zum Main-Cast der Original- bzw. der Prequel-Trilogie. Trotzdem spielten sie stets nur die zweite Geige hinter zwei Männern, wahlweise Luke Skywalker (Mark Hamill) und Han Solo (Harrison Ford), Qui-Gon Jinn (Liam Neeson) und Obi-Wan Kenobi (Ewan McGreoger) oder Obi-Wan Kenobi und Anakin Skywalker (Hayden Christensen). In Rogue One hat nun eine Rebellen-Soldatin das Kommando, wenngleich der Rest des Ensemble immer noch überwiegend männlich ist.

Nichtsdestotrotz scheint Disney tatsächlich daran interessiert zu sein, mehr Diversität ins Star Wars-Universum zu bringen, zeugte bereits der bunt gemischte Cast von The Force Awakens von dieser fortschrittlichen Einstellung. Rogue One setzt den Trent fort: Wie schon Daisy Ridley und John Boyega hat mit Felicity Jones eine Schauspielerin ihren Weg ins Franchise gefunden, die bisher wenig kaum in Blockbustern zu sehen war. Parallel zur namhafteren Besetzung von Oscar Isaac in The Force Awakens, geben sich in Rogue One Ben Mendelsohn, Mads Mikkelsen und Forest Whitaker die Klinke in die Hand – von einem Fanliebling wie Alan Tudyk ganz zu schweigen. Die Mischung ist entscheidend und Disney versteht es sowohl, frische Gesichter zu entdecken, als auch in bekannte (und interessante) zu investieren.

Zudem ist mit Diego Luna ein mexiaknischer Schauspieler an Bord und obgleich Riz Ahmed britischer Herkunft ist, kann er auf pakistanische Wurzeln verweise. Der größte Besetzungsclou dürfte jedoch das Engagement von Jiang Wen und Donnie Yen gewesen sein, die beide aus China (Jiang Wen vom Festland und Donnie Yen aus Hong Kong) stammen. Auf abstrakt-seltsame Weise gehört es mittlerweile zum guten Ton in Hollywood die Nebenrolle in einem Major-Blockbuster mit einem asiatischen Schauspieler oder einer aisatischen Schauspielerin zu besetzen, was bei näherer Betrachtung vor allem aus Vermarktungsgründen passiert. Im Fall von Rogue One könnte sich dieser Trend jedoch äußerst bezahlbar machen, ermöglicht die Integration von zwei Kampfsport erfahrenen Auteurs sagenhafte Möglichkeiten, was zum Beispiel die Action-Szenen innerhalb des Films angeht. Ein Blick auf das Fast & Furious-Franchise beweist jedoch ebenso, dass die Gefahr, zum Selbstzweck zu verkommen, nicht zu unterschätzen ist.

Spontantinität und verblassende Mystery Box

Abseits davon gestaltet sich der Veröffentlichungszeitpunkt des Cast-Fotos als spannender Hinweis auf die Zukunft von Star Wars. Während von The Force Awakens für lange Zeit nur eine Schwarzweißaufnahme des Ensembles durchs Netz geisterte, die offensichtlich aus einem sehr frühen Stadium der Produktion stammte, geht Rogue One gleich die Vollen. Nahezu aggressiv mutet Disneys Promotionstaktik an, besonders im direkten Vergleich zu J.J. Abrams’ Geheiminskrämerei. Schon bei Cloverfield und Super 8 ließ das Team des Regisseur in regelmäßigen Abständen winzige Informationsschnipsel an die Öffentlichkeit dringen. 2013 gipfelte diese Methode in übertriebenen Spekulationen hinsichtlich der Frage, ob Benedict Cumberbatch in Star Wars Into Darkness den legendären Nemesis Khan mimt oder nicht. Auch bei The Force Awakens können wir bis dato nur erahnen, um was es letzten Endes geht – der zunehmende Hype spricht allerdings für J.J. Abrams’ sogenannte Mystery Box.

Wenn nun jedoch am 18. Dezember 2015 Star Wars nach einer ganzen Dekade Abstinenz (den Clone Wars-Pilotfilm von 2008 ausgenommen) wieder auf die große Leinwand zurückkehrt, wird sich sicherlich auch ein gewisses Gefühl der Befriedigung einpendeln – völlig unabhängig ob positiver oder negativer Natur. Disney ist sich dieses (kommenden) Höhepunkts des Hypes mehr als bewusst und versucht folgerichtig den Moment der Ankunft mit allen Mitteln zu puschen und als geradezu historisches Ereignis zu inszenieren. Gleichzeitig erhält ein Standalone-Film wie Rogue One von Anfang an ein bodenständiges Gerüst, um die Kinobesucher gleich nach The Force Awakens abzuholen, ohne sie im See der Ungewissheit schwimmen zu lassen. Außerdem gilt es, einen Teil des Star Wars-Universums zu beleuchten, mit dem ein Gros des potentiellen Publikums noch nicht vertraut ist – da erscheint es nur als logische Schlussfolgerung, das nächste (ziemlich frei schwebende) Kapitel präzise Vorzustellen und in vertraute Bahnen zu lenken.

Eine gewisse Unschlüssigkeit scheint im neuen Heimathafen des Weltraummärchens dennoch zu herrschen: Wurden die Spin-off-Filme zuerst als Star Wars Anthology-Serie vorgestellt, trägt zumindest Rogue One einen neuen Namen, nämlich Rogue One: A Star Wars Story. Eine spontane Titeländerung, die für kurze Zeit für mehr Verwirrung in der Berichterstattung über den Film gesorgt hat, als den Verantwortlichen vermutlich lieb war. Trotzdem ist der neue Titelzusatz für die breite Masse mit Sicherheit zugänglicher als ein kryptisches Fremdwort wie Anthologie, was in Vergangenheit zudem sehr prominent im Zusammen mit dem Alien-Franchise verwendet wurde. Dass Disney trotz seiner Größe und bemerkenswerter Vorausplanung flexibel reagieren kann, zeigte der strategische Schachzug, Phil Lords und Chris Millers Han-Solo-Projekt vorzuziehen, nachdem Josh Tranks Standalone-Film im Mai 2015 aufgrund kreativer Differenzen vorerst bis zu einem unbestimmten Zeitpunkt verschoben wurde.

Rogue One: A Star Wars Story / Star Wars: The Force Awakens © Walt Disney Studios Motion Pictures

Matthias

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Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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