Watchmen – Nothing Ever Ends

Watchmen - Nothing Ever Ends

Am Wochenende habe ich nicht nur zehntausendfünfhundertmillionen Thinkpieces zu Batman v Superman: Dawn of Justice gelesen, sondern tatsächlich auch ein paar anderen Superhelden-Filme angeschaut. Rückblickend betrachtet bin ich etwas überrascht, dass ich mich in der – mehr oder weniger ungeplanten – Auswahl komplett außerhalb meiner Marvel-Comfort-Zone bewegt habe. Kein Iron Man, kein Captain America, kein Hulk – so viel zu meinen unterbewussten Entscheidungen. Welcher Film am meisten Eindruck hinterlassen hat und letzten Endes auch schuld daran ist, dass ich diese Zeilen schreibe, war Watchmen. Außerdem habe ich noch nie etwas Längeres über Watchmen geschrieben, was mich gerade ein bisschen verwundert, da es ein Film (und Comic) ist, der mich enorm geprägt hat. Beim Wiedersehen am Samstag sind mir dann unzählige Gedanken durch den Kopf geschossen und ein in paar davon möchte ich an dieser Stelle kurz festhalten – selbst wenn hier eigentlich ein ganz anderer Text stehen sollte. Whatever.

Es sind die Aufzeichnungen eines Begräbnisses, die Zack Snyder nicht loslassen. In jedem seiner Filme findet sich mindestens die Inszenierung eines solch tristen Aktes wieder – sei es auf metaphorische Weise in oder in Form unmittelbarer Illustration. Bereits Dawn of the Dead war im Grunde eine einzige Totenmesse und ebenso offenbart sich in den finalen Atemzügen der Schlacht bei den Thermopylen ein Bild toter Körper auf erdigem Untergrund, wenn die Kamera das Weite sucht. Auch aktuell in Batman v Superman bildet die Beisetzung verstorbener Figuren einen zentralen Bestandteil des Films – ja, sie rahmt den Superhelden-Clash regelrecht ein und nutzt den Moment des Abschieds, um weitere Elemente des Narrativs zu verknüpfen. Prädestiniert scheint Alan Moores alternative Geschichtsschreibung in Watchmen, denn auch hier wird die Grablegung des eingangs ermordeten Comedians zur Schlüsselsequenz eines ganzen Epos. Wo sich unter Bob Dylan in den Opening Credits die Zeiten noch verändern durften, besingen nun Simon & Garfunkel den Klang des Schweigens.

Obgleich jene Sequenz den Weg für zahlreiche Subplots ebnet, die das Geschehen prinzipiell vergrößern, handelt es sich bei dem Begräbnis um einen endgültigen, vielleicht sogar beendenden Akt. Unendlichkeit kehrt erst wieder mit Pruit Igoe and Prophecies ein. Die Komposition(en) aus der Feder von Philip Glass begleitet die Entstehung von Dr. Manhattan, der schließlich der Erde seinen Rücken kehrt und auf dem Mars eine neuen Ort findet, der seine Faszination erweckt. Losgelöst. Zeitlos. Endlos. Dennoch schließt sich später ein Kreis und es ereignet sich die Rückkehr zum blauen Planeten. „It ends with your tears“, sagt der Übermensch, der sich seines Ursprungs gänzlich entfremdet hat, zu dem wohl einzigen Menschen, der für ihn alles Schlechte in der Welt entschuldigt, wenn nicht sogar legitimiert.

Ziemlich sicher ist sich Dr. Manhattan, dass es mit Lauries Tränen zu Ende geht. Warum sollte es auch anders sein? Watchmen fiebert ab der ersten Minuten beziehungsweise ab dem ersten Panel jenem ultimativen Finale entgegen. „The end is nigh“, versucht jede Faser des Films und Comics zu vermitteln. Unerbittlich zählt die Doomsday Clock die Minuten runter.

Als das Ende schließlich zum Greifen nahe ist, besteht daran weiterhin kein Zweifel. Zumindest im Film, denn hier kreuzen sich die Wege zwischen Zack Snyders Adaption und Alan Moores Urtext. Wo Dr. Manhatten im Bewegtbild den Plan des Königs aller Könige zustimmende Anerkennung entgegenbringt, sogar bereit ist, zur Erfüllung zu töten, ein Opfer zu bringen, verändern drei Panels im Comic den Grundtenor der gesamten Geschichte und Bob Dylan behält Recht.

Die Zeiten ändern sich, Zweifel kommen auf. Auf einem gewissen Blickwinkel war eben noch alles perfekt, selbst der Erschaffung von (neuem) Leben stand nichts mehr im Weg, obwohl selbiges soeben ausgelöscht wurde. Ein zutiefst menschliches Gefühl der Unsicherheit macht sich breit und Ozymandias rutscht auf der Suche nach Bestätigung die alles verändernde Frage heraus: „I did the right thing, did’t I? It all worked out in the end.“ Doch genau in diesem Augenblick überschlägt sich der Status quo und Dr. Manhattan antwortet erneut mit beängstigend neutraler, faszinierter wie beobachtender Haltung: „In the end? Nothing ends, Adrian. Nothing ever ends.“ Und dann verschwindet er. Keine Tränen wurden vergossen. Oder vielleicht doch?

Watchmen © Paramount

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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