Wenn Oper und Agenten aufeinandertreffen

Wenn Oper und Agenten aufeinandertreffen

Gleich zu Beginn von Mission: Impossible – Rogue Nation hängt Tom Cruise an der äußeren Hülle eines Flugzeug, das gerade im Begriff ist, den Erdboden weit unter sich zurückzulassen, und versucht, ins Innere zu gelangen. Ein unvergleichlicher Stund und zweifelsohne auch eine packende Action-Szene zum Einstieg – doch damit hat Christopher McQuarrie seine Ideen und sein Können längst noch nicht ausgeschöpft.

Was später folgt, sind wilde Verfolgungsjagden am Geschwindigkeitslimit, nervenaufreibende Manöver unter Wasser und schnittige Schusswechsel beim globalen Versteckspiel. Das Action-Repertoire des fünften Mission: Impossible-Films gestaltet sich folglich als vorzügliches Unterfangen in puncto Adrenalinschübe.  Und dennoch sticht eine Sequenz ganz besonders heraus, selbst wenn sie auf den ersten Blick deutlich unspektakuläre als eine Flugzeugeroberung in 1500 Metern Höhe wirkt.

Von Puccini, Hunt und Bond

Gleich im ersten Akt verschlägt es den flüchtigen IMF-Agent Ethan Hunt (Tom Cruise), der mittlerweile untergetaucht und in eigener Mission unterwegs ist, ins Wiener Opernhaus, wo er seinen Widersacher zu finden hofft. Während auf der Bühne Turandot zum Besten geboten wird, entwickelt sich hinter den Kulissen ein eifriger Wettlauf zwischen drei Parteien, der in einem Attentat auf das österreichische Staatsoberhaupt gipfelt – und das alles zur Musik von Giacomo Puccinis letztem Opernwerk.

Eine Sequenz, so großartig, dass man am besten den Worten des Regisseur Gehör schenkt, der sie im folgenden Video wunderbar auseinandernimmt. Darüber hinaus ist Christopher McQuarrie jedoch nicht der einzige Filmemacher in Hollywood, der das Zusammenspiel von Oper und Action verstanden hat. Nein, auch Marc Forster kombinierte in seinem James Bond-Abstecher Quantum of Solace die musikalische Gattung des Theaters mit einem furiosen Showdown im Rahmen eines Agentenfilms.

Wenngleich die Tosca-Sequenz einem ganz anderem Schnittrhythmus folgt und ab einem gewissen Zeitpunkt komplett in assoziative Bilder abdriftet, haben sowohl Marc Forsters Vision als auch die von Christopher McQuarrie zahlreiche Gemeinsamkeiten, von denen beide Regisseure mit ihrem ganz persönlichen Stil perfekt Gebrauch machen. Zuerst einmal gilt es, die Oper in ihrer Eigenschaft als Schauplatz vorzustellen und gleichzeitig die Oper auch in ihrer Eigenschaft als musikalisches Grundgerüst zu etablieren.

In beiden Fällen schweigt der Score und Giacomo Puccinis Kompositionen übernehmen die Narration auf auditiver Ebene. Das Spannende dabei ist, dass sie Musik von Anfang an Bestandteil der diegetischen Ebene ist und niemals auf die nicht-diegetische Ebene überspringt, um beispielsweise kontrapunktiert eine aufregende Actionszene mit klassischen Klängen zu untermalen. Stattdessen gleichen sich die gezeigten Bilder dem Geschehen auf der Tonspur an – sei es durch eine Schnittfolge im Takt der jeweiligen Komposition oder der Tatsache, dass das Crescendo als Auslöser einer Handlung im Film fungiert.

Musikalisches Theater als Inszenierungsraum

Bevor es jedoch soweit ist, stellen Marc Forster und Christopher McQuarrie die beteiligten Figuren der entsprechenden Sequenz vor, bringen sie – genauso wie Musik – in Position und setzen sie schließlich in einen gegenseitigen Kontext. Während in Quantum of Solace Daniel Craigs Berserker-Bond so aus dem Backstage-Bereich die einzelnen Mitglieder der Quantum-Organisation auf der gegenüberliegenden Sitzränge identifizieren kann, gestaltet sich die vergleichbare Angelegenheit in Missino: Impossible – Rogue Nation sogar noch komplexer.

Christopher McQuarrie unterteilt seinen Raum nicht nur in zwei Hälften, die mittels Bühne augenscheinlich voneinander getrennt werden, sondern eröffnet inszeniert in alle Richtungen des dreidimensionalen Raums. Ganz egal, wie sehr beide Sequenzen später auseinandergehen: Durch den punktgenauen Einsatz der Musik bleibt stets der (dramaturgische) Überblick erhalten. Vor allem, wenn die Vorbereitungen innerhalb der jeweiligen Sequenz so weit fortgeschritten sind, dass die einzelnen Handlungen der jeweiligen Teilnehmer wie eine Kettenreaktion – oder besser noch: wie ein Tanz – ausgeführt werden können.

Tanz von Arie und Action-Sequenz

Genau in diesem Augenblick vereinen sich auf der großen Leinwand Dinge in wundervoller Weise, die für gewöhnlich weder im Film, noch in der Oper miteinander konform gehen. Und dann prügelt sich auf einmal Tom Cruise in schwindelerregenden Höhen zu Nessun dorma, während Rebecca Ferguson eine Ebene weiter unten ihr Gewehr zusammenbaut, wissend, dass beim finalen a genannter Arie der alles entscheidende Schuss fallen muss – von der atemberaubenden Schönheit von Daniel Craigs Te Deum-Stunt in Bregenz ganz zu schweigen.

Mission: Impossible – Rogue Nation © Paramount Pictures

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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