X-Men: Apocalypse – Kritik

X-Men: Apocalypse - Kritik

Seitdem Sam Raimi mit Spider-Man zu Beginn des 21. Jahrhunderts das Tor in die schöne neue Welt des Superheldenkinos aufgestoßen hat, hat sich einiges verändert. Die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft schwingt mittlerweile in ihrer dritten Inkarnation durch die Straßen von New York City und generell haben sich zwei Fronten gebildet, die den ikonischen Comicvorbildern mit grundverschiedenen Ansätzen begegnen. Wo sich auf der einen Seite das Marvel Cinematic Universe als unumstößliche Bastion der guten Laune etabliert hat, kämpfen auf der anderen Seite Batman, Superman und Co. im DC Extended Universe vorzugsweise gegen prasselnde Regentropfen und die Finsternis der Nacht an.

Natürlich ist dieser einleitende Gedanke eine sehr vereinfachte Ausführung der Comic-politischen Situation auf der großen Leinwand, die vor allem die dritte große Instanz im gegenwärtigen Superheldenkinos vermissen lässt: Die bei 20th Century Fox beheimaten X-Men. Während Spinnenmänner und schwarze Ritter wie Kellner in einem Restaurant kommen und gehen, hat die Mutanten-Saga bereits im Jahr 2000 die Renaissance des Superheldenkinos eingeläutet und ist das einzige Franchise jener Gattung, das bis heute besteht und weiterhin als stiller Pionier unter den Maskenträgern fungiert.

In gewisser Weise wäre ein kohärentes Filmuniversum wie das MCU oder DCEU ohne die ersten Gehversuche der X-Men niemals denkbar gewesen – und auch der jüngste Erfolg von Deadpool beweist, dass 20th Century Fox zwar nicht in puncto Quantität die Nase vorn hat, aber sehr wohl versteht, dass es ein Wagnis braucht, um nicht in der eigenen Redundanz unterzugehen. Der Autopilot, wie er lustlosen Filler-Episoden à la Thor: The Dark World das Rückgrat brach, existiert in der X-Familie nicht, denn selbst ein Debakel in der Größenordnung X-Men Origins: Wolverine zeugt vom ambitionierten Scheitern, aus dem Marvel/Disney hinsichtlich der Konzeption des MCU nur lernen konnten.

Auch mit X-Men: Apocalypse, dem neunten Segment des X-Kanons, hat das Franchise keinen Deut dieser grundehrlichen Kraft verloren. Nachdem Bryan Singer zuletzt mit X-Men: Days of Future Past wagemutig die Grenzen zwischen Sequel, Reboot und Prequel endgültig verschwinden ließ, indem er via Zeitreise die ersten zwei X-Generationen zur Weltrettung schickte, hat er dieses Mal die zweite und dritte Mutanten-Garde ins Visier gefasst, um erneut das Ende der Welt einzuläuten. Schon wieder? Ja, denn es geht bei den X-Men um so viel mehr als vernichtendes Tohuwabohu.

Bereits im Opening werfen Bryan Singer und Drehbuchautor Simon Kinberg einen Blick in die Vergangenheit, die für die X-Men mindestens genauso wichtig ist wie die Gegenwart und Zukunft. Hier liegt jeglicher Schmerz verborgen – sei es der von Antagonist En Sabah Nur (reduziert und trotzdem gekonnt: Oscar Isaac), der als titelgebender Apocalypse den Verrat des Menschengeschlechts rächen will, oder der von Erik Lehnsherr aka Magneto (überragend: Michael Fassbender), dessen Krux aus der Hölle von Auschwitz resultiert. Beide Mutanten glauben an ihre Spezies sowie das Unrecht, dem sie Opfer wurden, und werden im Verlauf der Handlung zum Ursprung ihres Leidens zurückkehren.

Besonders im Fall von Charles Xaviers (aufopferungsvoll: James McAvoy) liebsten Feind sorgt diese Rückkehr für einen der wohl einprägsamsten Momente der bisherigen Superhelden-Historie, wenn sich dank ausgeprägter Kräfte zuvor erwähntes Konzentrationslager innerhalb weniger Minuten in Staub auflöst. Dieser „Was wäre wenn“-Vergeltungsgedanke schärft nicht nur Magnetos sowieso schon eindrucksvolles Profil. Nein, X-Men: Apocalypse stellt an diesem Punkt ebenso spannende wie unerwartete Fragen, die den vermeintlich oberflächlichen Sommer-Blockbuster in ein geradezu unangenehmes Monstrum verwandeln.

Es ist kein Geheimnis, dass die X-Men-Reihe seit ihrem Einstand – egal ob in gezeichneten oder bewegten Bildern – als mehrdeutiger Kommentar auf die unterschiedlichsten Dinge im Leben gelesen werden kann. Dementsprechend ist es auch kein Wunder, dass sich zuletzt der Trend etabliert hat, historisch markante Eckpunkte – wie etwa die Kubakrise in X-Men: First Class – als narrativen Rahmen zu verwenden. Im neusten Kapitel demonstriert Bryan Singer ein weiteres Mal, dass er das Interesse an diesen Nachfragen nicht verloren hat. Wiederkehrende Motive wie Selbstzweifel sowie die Suche nach der eigenen Identität sind nicht nur eng mit den vielschichtigen Charakterentwicklungen verknüpft, sondern finden ebenfalls parallel zur Werkgeschichte statt.

X-Men: Apocalypse spricht das globale Ausmaß der Ereignisse sogar ganz konkret an, indem Apocalypse jeden Menschen erreichen, über jeden Menschen richten und, ja, am Ende auch jeder Mensch sein will. Nur so erfüllt sich das unstillbare Verlangen nach Vergeltung für den Bösewicht, der im letzten Fall ganz alleine auf Erden wäre – und damit nicht weiter entfernt vom ursprünglichen Herrschaftsgedanken, den er als Gott im antiken Ägypten vor tausenden von Jahren angestrebt hatte. Diese Selbstentfremdung des Gegenspielers kommt nicht zuletzt sehr schön zur Geltung, wenn dieser sichtlich irritiert die 1980er Jahre mit all ihren Eigenheiten kennenlernt.

Ganz beiläufig entdeckt Bryan Singer diese versteckten Facetten seiner Figuren, gelegentlich setzt er sie auch imposant in Szene. Am beeindruckendsten bei X-Men: Apocalypse bleibt jedoch die spielerische Ausgeglichenheit, mit der das Geschehen zwischen überwältigendem Bombast und intimen Augenblicken schwankt – und das mit einem Ensemble in der Größenordnung von Avengers: Age of Ultron und Captain America: Civil War. Wie Joss Whedon und die Russo-Brüder hat Bryan Singer verstanden, dass es um die nahezu unscheinbaren Akzente geht, die mit dem Fortschreiten eines solchen Franchise immer wichtiger ein dynamisches Zusammenspiel werden.

Zwischen Mystique (immer noch stark: Jennifer Lawrence) und Magneto reicht ein Blickwechsel aus, um den emotionalen Graben zwischen beiden Figuren zu illustrieren, ebenso bei Magneto und Charles. Auch bei den neuen Gesichtern bringt Bryn Singer viel Gespür mit, um die verschiedenen Konflikte, die im X-Men-Universum existieren, durch einzelnen Figuren lebendig werden zu lassen. Insbesondere die Integration von Jean Grey (begeisternd: Sophie Turner) hinterlässt aus Reihen der Neuankömmlinge den größten Eindruck, verschmilzt die Figur einwandfrei mit dem Apocalypse-Arc und verwandelt sich zudem ins entscheidende Puzzleteil der Erzählung.

Selbst wenn X-Men: Apocalypse (leider) nicht der beste Film aller Zeiten geworden ist, liefert Bryan Singer eine aufregende Superhelden-Alternative, die trotz ihres konventionellen wie überaus einfach gestrickten Grundgerüsts mit tiefschürfenden Zwischentönen zu verblüffen weiß. Vielleicht setzt sich alleine aus dieser Mischung die gesamte Faszination und große Stärke der X-Men zusammen. Was zum Schluss bleibt, ist eine aufrichtige Comic-Adaption, die sich ihrer Herkunft stets bewusst ist, gleichzeitig aber keineswegs die düsteren Facetten des eigenen Abenteuers scheut. Ein aufregender Balanceakt, der gerade dann Unglaubliches entfesselt, wenn er den Anschein erweckt, sein Gleichgewicht zu verlieren.

X-Men: Apocalypse © 20th Century Fox

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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