Vom unzuverlässigen Franchise: X-Men: Days of Future Past

X-Men: Days of Future Past - Vom unzuverlässigen Franchise

It’s an inbetwequel, so bezeichnete Bryan Singer den jüngsten Eintrag im filmgewordenen X-Men-Mikrokosmos vor knapp einem Jahr im Interview mit der Empire und setzt im gleichen Atemzug dem Franchise-Wahnsinn im 21. Jahrhundert die Krone auf. Lachten wir zu Zeiten von Rupert Wyatts Plant der Affen-Generalüberholung über die faszinierende Wortschöpfung Preboot, hat sich die Palette an Umschreibungen für einzelne Segmente in einem kohärenten Filmuniversum unterdessen gewaltig weiterentwickelt. Adieu, du unschuldiges Sequel in deiner reinen Form! Im vernetzten Narrativ einer etablierten Reihe genügt die alleinige Fortsetzung des Geschehens nicht mehr. Wir wollen wissen, was davor, danach und währenddessen passierte – zur Not auch in zweifacher Ausführung. Selbst wenn diese Ambition, eine Filmreihe zu einem allumfassenden Epos auszubauen, im Grunde ein spannendes Unterfangen ist, gibt es derzeit ärgerlicherweise zahlreiche Beispiele, die die fatalste Crux selbiger offenlegen: Die Wiederkehr des Immergleichen.

Selbstverständlich darf die Wiederkehr von essentiellen Bestandteilen einer Geschichte nicht fehlen. Nicht zuletzt benötigt ein Franchise ein bodenständiges Fundament, das man nach und nach ausbauen kann. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass dieses Fundament nicht als der kleinste gemeinsame (und notwendige?) Nenner existiert und funktioniert. Nein, die Franchise-Kultur hat sich mittlerweile vollkommen auf diesen einzigen Nenner verlassen und denkt nur in den wenigsten Fällen darüber nach, das Ursprüngliche abseits einer tosenden Materialschlacht im finalen Akt zu übertreffen. Das Marvel Cinematic Universe hat sich aktuell blendend in dieser mitunter belanglosen Leerlauf-Phase verfangen, wenngleich Kevin Feige seine Superhelden-Hydra als komplexe Vision bezeichnen würde. Tatsächlich folgen Iron Man, Captain America und Co. jedoch einer Vision, die sich erschreckend schnell auf den Nenner Wiederholung kürzen lässt und somit in ihrer Eigenart pure Behauptung bleibt: Das MCU definiert viel mehr ein interessantes Konstrukt ordentlicher Planung und Strukturierung, um das jährliche Soll an Kinostarts entsprechender Filme zu erfüllen.

 

Während Disney und Marvel ihre Pläne bereits bis 2028 geschmiedet haben, sieht es auf der anderen Seite der Comic-Front ähnlich aus. Sony und Warner Bros. versuchen in die Fußstapfen des gigantischen Wegbereiters zu steigen. Sowohl Spider-Man als auch Batman und Superman erhalten in den kommenden Jahren ihren ausgebauten Mikrokosmos inklusive Sinister Six-Zuschlag und Wonder Woman-Extension. Das ist jetzt schon eine Schlacht der Giganten und trotzdem fehlt bei dieser Auflistung ein namhafter Vertreter der Gattung: 20th Century Fox – sprich die X-Men. Seit der Jahrtausendwende mischt der kunterbunte Mutanten-Trupp im Gewusel von Superhelden auf der großen Leinwand mit. Gewissermaßen begründete die von Bryan Singer initiierte Comic-Verfilmung gemeinsam mit Sam Raimis erster Spider-Man-Adaption den Superhelden-Boom wie er momentan unermessliche Ausmaße annimmt. Im Gegensatz zu ihren Kollegen waren die X-Men jedoch ihrer Zeit meilenweit voraus und setzten dem persönlichen Entwurf des Spinnenmanns ein weitaus umfangreicheres Themenspektrum entgegen – angefangen bei der Kontextualisierung von Gesellschaft und mutiertem Individuen bis hin zur direkten Bezugnahme auf historische Begebenheiten.

Ab einem gewissen Punkt verloren jedoch auch die X-Men ihre klare Vision oder zumindest die Konzeption ihres Franchises. Nachdem Bryan Singer in seinem ersten, großen Blockbuster, X-Men (2000), sowie dem darauffolgenden (und bis heute kaum übertroffenen) X2 (2003) sorgfältig eine umfangreiche Storyline aufgebaut hatte, die regelrecht einen dritten Teil als Finale verlangte, versandete die bis dato außerordentlich ausgeglichene Filmreihe mit der Übernahme von Brett Ratner im unbefriedigenden Hollywood-Einerlei. X-Men: The Last Stand (2006) mag längst nicht so schlecht sein, wie sein Ruf. Dennoch markiert der letzte Widerstand seinerzeit (als die Trilogie noch als Franchise-Norm galt) einen vertane Chance: Ein Rückschritt oder besser formuliert die Abkehr vom Fortschritt, hin zum Gigantismus der Konkurrenz. Nach dem verpatzen Abschluss erwartete den Mutanten-Trupp die Flucht ins Spin-off, einer Origin-Story. Ärgerlicherweise wusste Gavin Hood mit der damals (2009) noch relativ unverbrauchten Idee überhaupt nichts mit anzufangen. Aus einem Ensemble entliehen, entpuppte sich der erste Solo-Trip von Wolverine (Hugh Jackman) als reine Farce des Informationsflusses. Nicht nur, dass Bryan Singers beiläufige Entwicklung des Charakters zugunsten eines Quasi-Reboots komplett zu Nichte gemacht wurde: Auch im Rahmen der eigenen 100 Minuten entdeckte X-Men Origins: Wolverine keine neue Facette an seiner titelgebenden Hauptfigur, die nicht schon ihre alternative Integration in einem der vorherigen X-Men-Segmente gefunden hatte.

 

Nach diesem qualitativen Mittagsschlaf, der sich rückblickend wie die unbeholfene Nacherzählung des Wolverine-Subplots aus X2 in abendfüllender Spielfilmlänge anfühlt, veränderten sich erneut die Variablen im Franchise und Matthew Vaughn übernahm das Ruder. Mit frischem Wind in den Segeln begab sich X-Men: First Class (2011), der zweite Versuch zur Wiederbelebung/Instandhaltung der Reihe, auf die Spuren der ursprünglichen Trilogie und balancierte im Gewand eines kurzweiliges Action-Spektakel auf dem schmalen Grat zwischen Reboot und Prequel. Aufgepeppt mit Genre-Mechanismen des Agentenfilm inklusive Kalter Kriegs-Anleihen mauserte sich der Einstand von Michael Fassbender und James McAvoy als Magneto und Professor X zum ausgeglichenen Superhelden-Spaß, der trotz seiner neuen Farbe den Geist der Werke von Bryan Singer einfing. Was dann folgte, lässt sich wunderbar als Sequel zum ersten Spin-off der Original-Trilogie umschreiben, obgleich The Wolverine (2013) am liebsten ein weiteres Reboot der gesamten Reihe gewesen wäre. Zumindest koppelt sich der X-Men-Beitrag von James Mangold dezent aus dem übrigen Geschehen des Mikrokosmos aus und zieht größtenteils sein eigenes Ding durch.

Anno 2014: X-Men: Days of Future Past erobert die Kinos und fügt sich in sein eigenes Franchise ein, wie es zuvor womöglich noch kein Film getan hat. Bryan Singer wirft beherzt die Hälfte der vorherigen Geschehnisse über Bord und ignoriert die Continuity von X-Men: The Last Stand sowie den zwei Wolverine-Ablegern komplett. Als hätte die Finalschlacht in San Francisco nie stattgefunden, tobt sich Bryan Singer wie ein Regisseur aus, der nach viel zu langer Zeit in seine eigens kreierte Welt zurückgekehrt ist und wieder für Ordnung sorgen will. Die Kollateralschäden sind gewaltig, die Logiklöcher noch größer. Als Sequel zum Preboot, Prequel zum Original und siebter X-Men-Film insgesamt sitzt X-Men: Days of Future Past wahrlich zwischen allen Stühlen des gegenwärtigen Franchise-Irrsinns. Trotzdem führt Bryan Singer die unterschiedlichen Timelines dank eines Kniffs zusammen: Die Zeitreise vereint die neue mit der alten Welt und ermöglicht am Ende sogar das erneute Aufwachen aus dem Traum: Eine vollkommen unbeschriebene (inzwischen dritte) Timeline eröffnet sich im Epilog des Mutanten-Supergaus. Es ist absurd, gleichzeitig ein verrücktes Kunststück und irgendwie unfassbar dreist: Während die Kohärenz bei Marvel und Co. oberste Priorität genießt, streckt Bryan Singer seinen Mitstreitern frech die Zunge heraus und kürzt sich einen Comic-Blockbuster zusammen, der seinen DC- und Marvel-Brüdern in allen anderen Belangen dennoch ein bemerkenswertes Stück voraus ist.

X-Men: Apocalypse, here we come. Ab jetzt steht dem Mutanten-Trupp wieder jede Tür offen, alles ist möglich und die unendliche Geschichte des Franchise-Buildings hat ihren absoluten Freifahrtschein gefunden. Von der Zuverlässigkeit in puncto Narration kann keine Rede mehr sein. Erschreckenderweise/überraschenderweise/glücklicherweise funktioniert es trotzdem. Irgendwie. Und im Grunde spricht mir Bryan Singer aus der Seele, wenn er ein unangenehmes Malheur wie der erste Origins-Ritt beherzt in den Non-Canon gedrängt. Schließlich hat hier ein Mann wieder das Steurrad übernommen, der weiß, wo sich die Stärken von Superhelden-Filmen wirklich befinden. Hint: David S. Goyer hat diesen Pfad noch nicht entdeckt.

X-Men: Days of Future Past © 20th Century Fox

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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