Magie & Projektion: Kinoerfahrungen 2016

Zwischen Leinwand & Projektor: Kinoerfahrungen 2016

Inspiriert durch diesen schönen Text auf Pretty Little Movies habe ich mich noch einmal in meinem Filmtagebuch umgesehen und meinen liebsten Kinoerfahrungen 2016 herausgesucht – nicht zuletzt, da ich mit Pete’s Dragon ein ähnlich erinnerungswürdiges Erlebnis verbinde. Manchmal sind es eben die unerwarteten Momente, die sich zwischen Leinwand und Projektor ereignen und einen nie wieder loslassen.

The Hateful Eight (Quentin Tarantino, 2015)

Das Jahr ist noch jung, eigentlich viel zu jung, um bereits mit einem unvergesslichen Highlight wie der Roadshow-Vorführung von The Hateful Eight im großen Saal des Zoopalasts beehrt zu werden. Dennoch finde ich mich in der ersten Januarwoche zur PV an besagter Lokalität wieder und bestaune eine Projektion, wie ich sie noch nie zuvor erlebt habe. Ennio Morricones Musik peitscht und kreischt im Hintergrund, beschwört das unnahbar Böse und trotzdem offenbart die 70mm-Projektion nichts anderes als atemberaubende Schönheit. Selbst die 12-minütige Intermission wirkt hier wie ein essentieller Bestandteil des Kinogangs. Auf die Toilette rennen? Ja, aber wirklich ganz schnell. Denn ich will auf keinen Fall etwas von er Atmosphäre im Saal verpassen.

The Matrix (Lana & Lilly Wachowski, 1999)

Rückblickend musste ich gerade schockierend feststellen, dass ich dieses Jahr so selten im Arsenal war wie nie zuvor. Gerade in meiner Anfangszeit in Berlin stand der Kinogang an jenen wunderbaren Ort under der Kinemathek fest im Wochenplan. Fast selbstverständlich war es für mich, all die Filme, die ich noch nicht gesehen habe, und all die Filme, die ich wieder sehen wollte, einfach in einer Abendvorstellung nach der Arbeit zu besuchen. Doch irgendwie kam es in letzter Zeit immer seltener dazu. Als eine 35mm-Kopie von The Matrix gespielt wurde, hat es mich dennoch in die Untiefen dieses Kinos zurückgezogen. Erst kurz zuvor hatte ich Matrix Reloaded auf Blu-ray gesehen und war etwas irritiert aufgrund der hyper-runden Bilder. Im Kino hingegen habe ich keinen einzigen Frame in Frage gestellt, als hätte erneut zum ersten Mal die heimlich von einem Freund ausgeliehen DVD auf dem Laptop meines Vaters unter der Bettdecke gesehen.

A Lullaby to the Sorrowful Mystery (Lav Diaz, 2016)

Die extremsten Kinoerfahrungen finden bei mir zweifelsohne jedes Jahr im Februar statt, nämlich während der Berlinale. Im komplett übermüdeten Zustand bin ich mir meistens gar nicht mehr sicher, welcher Tag überhaupt ist. Doch dieses Jahr gab es einen Tag, der sich wie kein zweiter ins Gedächtnis gebrannt hat: Der Tag, an dem Lav Diaz achtstündiger Wettbewerbsbeitrag A Lullaby to the Sorrowful Mystery im Berlinalepalast gezeigt wurde. Lediglich 2012 bei einem Lord of the Rings-Marathon war ich länger im Dunkel eines Kinosaals gefangen und habe mich in der Welt von J.R.R. Tolkien verirrt. Nun waren es die geheimnisvollen Schwarzweißbilder von Lav Diaz, die mich für eine gefühlte Ewigkeit in den Sitz drücken sollten. Wie wirkt ein Film, mit dem man einen ganzen Tag lang unmittelbar konfrontiert wird? Sehr intensiv, auf unterschiedlichstem Wege. Aber gerade diese unbeschreibliche Weite schätze ich im Slow Cinema so sehr: Völlig unabhängig von dem, was sich auf der großen Leinwand abspielt, eröffnet ein Film wie A Lullaby to the Sorrowful Mystery einen ungeahnten Raum, um sich selbst zu verlieren.

Daughter of the Nile (Hou Hsiao-hsien, 1987)

Wo wir gerade bei den Extremen der Berlinale waren: So ein Festival kann auch ganz entspannend und vor allem unerwartet sein. So erging es mir, als ich am Ende eines sehr langen Tages völlig geschafft die Treppe im Cinemaxx am Potsdamer Platz hoch stolperte. In Saal 8 wurde Daughter of the Nile von Hou Hsiao-hsien gezeigt und mit jeder Minute, die ich darauf wartete, dass sich der Vorhang endlich öffnet, stieg meine Bereitschaft, einfach die Augen zu schließen und den gesamten Film durchzuschlafen. Nicht zuletzt hatte ich mich auf eine 35mm-Projektion eingestellt und soeben erfahren, dass nur ein 4K-Master zur Verfügung steht. Schlussendlich tat das dem Meisterwerk, das im Anschluss gezeigt wurde, keinen Abbruch getan. Lediglich meine Müdigkeit war komplett verschwunden, denn meinen Blick von diesen Bildern abzuwenden wäre womöglich der fatalste Fehler des Festivals gewesen.

Young Wrestlers (Mete Gümürhan, 2016)

Ein weiterer Berlinale-Film: Im Rahmen der Generation verschlug es mich dieses Jahr in einen Film namens Young Wrestlers, der mehr oder weniger zufällig in mein Programm gerutscht war. Entgegen der meisten anderen Vorstellungen war dieser Saal im Untergeschoss des Cinemaxx nicht mit übermüdeten Filmkritikern besetzt, sondern mit unzähligen Schulkindern, von denen die Hälfte vermutlich einfach nur froh war, um 11:30 Uhr nicht im Klassenzimmer sitzen zu müssen. Während ein paar Erwachsene völlig überfordert damit waren, Ruhe in die Reihen zu bringen, war den wenigsten klar, dass es am Ende die Projektion des Films sein würde, die über aufmerksames Schweigen sorgen sollte. Sobald aber bewegten Bilder auf die Leinwand geworfen wurden, verstummte der Saal – nicht zuletzt aufgrund einer Person, die in der letzten Reihe von einem Mischpult aus die Übersetzung des türkischen Beitrags einsprach; eine ganz besondere Art, um einen Film wahrzunehmen.

Verfluchte Liebe dt. Film (Dominik Graf & Johannes Sievert, 2016)

Okay, noch ein Berlinale-Film: In Verfluchte Liebe deutscher Film entführen Dominik Graf und Johannes Sievert in die Geschichte der hiesigen Kinolandschaft und erzählen munter aus ihren Erinnerungen. Es ist ein begeisterter Rausch, der sich sofort auf das Publikum überträgt und das Gespräch im Anschluss zum einem weiteren Highlight im großen Saal des Arsenals werden lässt. Man merkt förmlich, dass es der letzte Berlinalte-Tag und für viele auch die letzte Vorstellung ist. Erleichtert sprudeln aus den Anwesenden ergänzende Anekdoten und Sichtweisen heraus, sodass der Saal beinahe zwangsgeräumt werden muss, weil niemand mit dem Reden aufhören will. Ein rarer Moment, wo so viele unterschiedliche Menschen mit mindestens genauso vielen unterschiedlichen Geschmäckern und Meinungen auf engstem Raum in ihrer Begeisterung für den Film entgegen aller Müdigkeit und anderen Rahmen vereint sind.

Vor der Morgenröte (Maria Schrader, 2016)

Manchmal passiert es, da fühlt sich das eigene Leben so wohlig an, als wäre es von Stefan Zweig höchstpersönlich zu Papier gebracht worden. Als ich mich im Mai ins Yorck-Kino wagte, um Vor der Morgenröte zu sehen, hatte sich mein Erwartungsgehalt auf einem ziemlich gleichgültigen Level eingependelt. Kaum betritt Josef Haders in den ersten Minuten des Films einen großen Speisesaal, den die Kamera zuvor aufmerksam gemustert hat, war es jedoch um mich geschehen. Präzise wie elegant schlängelt sich der Film durch das Leben einer inspirierenden Persönlichkeit, die ständig zweifelt und sich Gedanken macht, über das Leben, das Universum und den ganzen Rest. Das größte Glück im Kino ist das unerwartete.

Written in the Wind (Douglas Sirk, 1956)

Eine meiner größten Versäumnisse des Jahres war die Douglas Sirk-Retrospektive im Zeughauskino. Einen Film habe ich dort trotzdem gesehen: Written in the Wind, eingeführt von Dominik Graf, der mir den Film mit seinen einführenden Worten mehr als schmackhaft machte, sodass ich kurz vor Filmbeginn der Meinung, die folgenden zwei Stunden können auf keinen Fall das euphorische Versprechen einlösen. Doch dann waren keine zwei Minuten dieses überwältigenden Melodrams von Nöten, um mich des Gegenteils zu überzeugen. Nach diesem Rausch der Gefühle und Farben wirkten die Wochen danach etwas trist und blass.

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Yourself and Yours (Hong Sang-soo, 2016)

Filme sehen ist wie Reisen – und so habe ich mich dieses Jahr ganz spontan auf den Weg zum Filmfest Hamburg gemacht, um Yourself and Yours zu sehen, den neuen Film von Hong Sang-soo. Wie beim Wandertag habe ich morgens Brötchen geschmiert, vier Stunden in einem Fernbus verbracht und mich ständig über das unüberlegte Vorhaben geärgert. In Hamburg angekommen war glücklicherweise noch Zeit, um Elle von Paul Verhoeven mitzunehmen, bevor ich im Passage-Kino dann den eigentlichen Grund meiner Reise sah. Bereut habe ich danach nichts mehr. Wenn ich ehrlich bin, war dafür aber auch gar keine Zeit, denn zehn Minuten später ist der Bus bereits zurück nach Berlin gefahren. Wenn ich irgendwann einmal eine Auszeichnung bekomme, dann für extrem knappes Timing.

Personal Shopper (Oliver Assayas, 2016)

Während die Berlinale den Anfang des Jahres dominierte, trieb ich mich in den letzten Wochen auf dem In 14 Films Around the World-Festival in der Kulturbrauerei herum. Die haben jedes Jahr ein exzellentes Programm an internationalen Filmen, die zuvor unter anderem in Cannes und Venedig liefen. Eine Fundgrube also, um all die Filme nachzuholen, von denen man monatelang nur etwas gelesen hat. Bei mir stand insbesondere Personal Shopper von Olivier Assayas auf dem Plan, von dem meine Timeline seit Wochen schwärmt. Ausnahmsweise hatte sich das Warten gelohnt, denn abseits eines exzellenten Geisterfilms mit Kristen Stewart gab es danach ein umfangreiches Q&A mit Olivier Assayas, Nora von Waldstätten und Lars Eidinger. Selten habe ich es erlebt, dass die Kreativen im Anschluss an eine Vorführung dermaßen informativ über ihr Werk gesprochen haben – als hätten sie vor Ort die erste halbe Stunde des Audiokommentars aufgenommen.

Lord of the Rings: The Fellowship of the Ring (Peter Jackson, 2001)

Das Jahr befindet sich bereits in seinen letzten Zügen. Dennoch wage ich mich an einem kalten Sonntagmorgen vor die Tür und trete den langen Weg zum Filmrauschpalast an, irgendwo in einer Ecke Berlins, die ich noch nie zuvor erkundet habe. Dort läuft heute The Lord of the Rings: The Fellowship of the Ring, 15 Jahre, nachdem er zum ersten Mal die große Leinwand eroberte. Gezeigt wird die Kinofassung auf 35mm und ein kleiner Ofen heizt den Saal. Ich hätte mir in diesem Moment keinen anderen Ort vorstellen können, an dem ich lieber gewesen wäre. Drei Stunden pure Kinomagie, die heute noch ihresgleichen sucht. Plötzlich war die Erinnerung an Mittelerde keine Erinnerung mehr, sondern quicklebendig, ja, sie flimmerte regelrecht mit dem Bild und bebte mit der Leinwand. Am liebsten hätte ich einfach nur vor Freude geweint, allerdings waren da noch andere Menschen im Saal. Da habe ich lieber alles in mich aufgesaugt und sicher aufbewahrt. Wer weiß, wann ich diesen Film noch einmal in einer solchen Atmosphäre erlebe.

Ach ja, und dann war da noch Rogue One: A Star Wars Story, den ich auf vielfältigste Weise in den unterschiedlichsten Kinos und Kinosälen mit Freunden oder alleine gesehen habe. Manchmal genügt es schon, eine unübliche Sitzreihe zu wählen, um eine völlig neues Perspektive auf das Geschehen auf der großen Leinwand zu erhalten. Da kann sich die Welt noch so anstrengen wie sie will, meine Begeisterung für das Kino wird sie mir niemals nehmen können.

The Hateful Eight © Universum Film

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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