American Honey – Kritik

American Honey - Kritik

Immer wieder schwillt sie an, die Musik in American Honey, wie der große Traum, der diese Odyssee durch den Mittleren Westen der USA begleitet. Es ist der Traum nach Freiheit, der Traum nach Selbstverwirklichung. Es ist der Amerikanische Traum, der gleichermaßen verführerisch wie bedrohlich über den Geschehnissen von Andrea Arnolds jüngstem Werk schwebt. Am Anfang gibt es diesen einen furchtbaren Ort, an dem alles Leid dieser Welt gebündelt scheint. Wurde die entscheidende Grenze jedoch erst einmal überwunden, lässt jeder weitere Schritt Wünsche und Hoffnungen wahr werden.

So erlebt es auch die 18-jährige Star (alles und alle anderen überragend: Sasha Lane), die ihr altes Leben hinter sich zurücklässt und mit einer Gruppe junger Menschen von dannen zieht. Fortan ist sie ständig unterwegs, fährt mit ihren neuen Freunden quer durchs Land. Ein Roadtrip, der niemals endet und trotzdem schon vorbei ist, bevor er überhaupt begonnen hat: Bereits an diesem Punkt spielt American Honey sehr bewusst mit den Sehnsüchten seiner Protagonistin und der (vermeintlichen) Erfüllung selbiger. Star, die in ihrer Heimat einen grausamen Freund hat und sich um die Kinder seiner Ex-Frau kümmern muss, könnte sich in keiner unglücklicheren Lage befinden.

Plötzlich tut sich aber eine jener Chancen auf, von deren Einmaligkeit Star im Augenblick der Entdeckung völlig überzeugt ist, und sie ergreift die Flucht. Sprichwörtlich rennt sie aus einer Bar, nachdem sie die Kinder bei deren biologischer Mutter abgesetzt hat. Auf keinen Fall will sie zurück in diesen Albtraum. Sie wagt nicht einmal, einen letzten Blick über die Schulter zu werfen. Zu groß ist die Angst, womöglich doch noch von einer ungeahnten Macht gefangen zu werden. Star rennt mitten in die Nacht hinein. Ein aufgehender Stern irgendwo im Nirgendwo: Ab jetzt wird alles besser, das Leiden hat ein Ende. Kann sie sich sicher sein?

Im Kreis der Gleichgesinnten, die von Stadt zu Stadt fahren, um Zeitschriftenabos zu verkaufen, findet Star endlich einen lebenswerten Entwurf ihrer irdischen Existenz, nach dem sie all die Jahre ihrer Jugend gesucht hat. Es soll allerdings nicht lange dauern, bis auch dieser naive Gedanke mit der bitteren Realität konfrontiert wird. American Honey versprüht zwar unbändig ein inspirierendes Gefühl der Unbesiegbarkeit. Gleichzeitig schwingt im Hintergrund aller lebensbejahenden Hymnen ein tiefer, bedrohlicher Tenor mit, der dem Geschehen einen tragischen Hauch von Endlichkeit verleiht. Verzweifelt begibt sich Star auf die Suche nach dem Glück. Vielleicht existiert dieses aber gar nicht.

Dabei kreiert Andrea Arnold ein gewaltiges Epos, wie es zuletzt Harmony Korine im Rahmen von Spring Breakers getan hat: Ein pulsierender Rausch, der pure Energie ausstrahlt und sich ständig in Bewegung findet. American Honey ist das Portrait einer rastlosen Generation, die sich von den Konventionen der Gesellschaft lösen will und ihre eigene Stimme sucht. Schlussendlich bleibt ihr jedoch nicht mehr als der Amerikanische Traum, der sie genau zu jenen Wurzeln allen Übels zurückführt, denen sie eigentlich zu entkommen versuchen. Es ist frustrierend. Dennoch gibt es da immer noch diesen einen Moment dazwischen. Und dieser ist unendlich.

Von der strahlenden Sonne bis zum verregneten Wolkenhimmel: Andrea Arnold investiert all ihre Bemühungen, um genau diesen unendlichen Moment aus ihrer atemberaubend schwerelosen Inszenierung herauszufiltern, und hat nur wenig für einen zynischen Abgesang auf das Lebens übrig. So unfassbar niederschmetternd American Honey in seinen erschütternsten Bildern sein kann, schlussendlich hat Andrea Arnold einen unglaublich hoffnungsvollen, faszinierenden und vor allem mitreißenden Film geschaffen. Selten lagen überstürztes Wagnis und (un-)erfülltes Abenteuer näher beieinander. Der Atem stockt. Erst, wenn der Abspann die große Leinwand in Beschlag nimmt, kann man wieder nach Luft schnappen. Ein aufwühlendes, unvergessliches Erlebnis.

American Honey © Universal Pictures

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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