Black Panther – Kritik

Black Panther - Kritik

Nach zehn Jahren Marvel Cinematic Universe sind anno 2018 endlich alle Weichen gestellt und der Ankunft von Superschurke Thanos steht nichts mehr im Weg. In Avengers: Infinity War erreicht der Fiesling aus dem All endlich die Erde und läutet somit den Anfang vom Ende eine Ära ein. Der Druck, der auf den Schultern von Anthony und Joe Russo lastet, muss enorm sein. Bevor es jedoch so weit ist, erwartet uns mit Black Panther ein Solofilm, der einerseits inmitten dieses komplexen MCU-Gefüges geboren wurde, andererseits aber entschlossen fremdes Territorium betritt.

Inszeniert von Fruitvale Station– und Creed-Regisseur Ryan Coogler entführt der Film in die geheimnisvolle Welt von Wakanda und beschäftigt sich mit den verheerenden Auswirkungen von Captain America: Civil War. Gleichzeitig besinnt er sich auf die Erschaffung einer eigenen Mythologie, einer eigenen Identität. Dabei offenbart sich Black Panther als aufregende wie geistreiche Erweiterung des MCU, nachdem zuletzt wieder Routine und Enttäuschung Einzug in das Franchise erhalten haben.

Die Erzählung beginnt mit T’Challa (Chadwick Boseman), der infolge des schicksalhaften UN-Anschlags in Wien, bei dem sein Vater ums Leben kam, wieder in seine Heimat Wakanda zurückgekehrt ist. Abgeschirmt vom Rest der Welt hat sich im Herzen Afrikas ein hochtechnologisierter Staat entwickelt, der einer futuristischen Utopie zu gleichen scheint. Tief im Inneren dieser verborgenen Welt herrscht jedoch ebenfalls Unruhe und Unzufriedenheit.

Von den fünf Stämmen Wakandas hat sich einer in die Berge zurückgezogen und dem Gebrauch von Vibranium abgeschworen, während der Rest dank des extrem seltenen wie mächtigen Metalls im Geheimen zur fortschrittlichsten Nation des Erdballs aufgestiegen ist. Sich öffnen – das steht allerdings außer Frage. Wakanda bleibt ein in sich geschlossenes System. Niemand kommt hier rein oder raus. T’Challas erste politische Entscheidungen stoßen im Angesicht dieser Stimmungslage folglich auf gespaltete Gemüter. Selbst im Kreis der engsten Vertrauten gilt es, hinsichtlich der Loyalität und der eigenen Überzeugung abzuwägen.

Zwischen Traditionen und dem Streben nach Fortschritt entspringt ein mitreißender Superhelden-Film, der sich mit diplomatischem Geschick seinen Figuren nähert und diese zum treibenden Motor der Geschichte werden lässt. Es geht nicht darum, stumpf die Erde zu erobern bzw. sie zu beschützen. Stattdessen finden die Konflikte auf einer viel persönlicheren Ebene statt, ohne das große Bild aus den Augen zu verlieren. Selten war ein MCU-Film dermaßen vielschichtig, was die unterschiedlichen Positionen der verschiedenen Gesprächsteilnehmer angeht, die innerhalb der nachfolgenden Diskussion die Seite wechseln.

Wo sich T’Challa anfangs im Kompromiss übt, wird der mysteriöse Erik Killmonger (Michael B. Jordan) gekonnt als Gegenentwurf des Protagonisten eingeführt. Der lässige Bösewicht genießt es förmlich, vor allem in Zusammenarbeit mit dem hemmungslosen Waffenhändler Ulysses Klaue (Andy Serkis), das Bestehende aufzumischen und nach Jahren des schweigsamen Mitansehens endlich die eigenen Stimme zu erheben. Je weiter Black Panther aber voranschreitet, desto mehr verschwimmen beiden Figuren.

Ryan Coogler, der gemeinsam mit Joe Robert Cole das Drehbuch schrieb, vergisst die steifen Fronten aus Captain America: Civil War und ermöglicht zahlreiche, mitunter sogar unerwartet berührende Zwischentöne. Da wäre etwa Okoye (Danai Gurira), die Anführerin der königlichen Leibgarde, die sich dem Dienst ihres Landes verschrieben hat, wenngleich sie mit den Ansichten der führenden Person nicht übereinstimmt. Oder Königsmutter Ramando (Angela Bassett), die über den Verlust ihres Gatten trauert, während sie ebenso bemüht ist, ihren Sohn in seinem Handeln als neuer König zu beraten.

Dazu gesellt sich W’Kabi (Daniel Kaluuya), ein Freund und Vertrauter, der an den Auswirkungen traumatischer Ereignisse zu zerbrechen droht, ganz zu schweigen von einem der Stammesältesten, Zuri (Forest Whitaker). Dieser hütet mit ganzer Hingabe die Tradition des Panther-Kults, wird jedoch von den Dämonen seiner Vergangenheit eingeholt. Gleich mehrmals muss er sich überlegen, was das Vorenthalten von Wissen und Erinnerungen wert ist, um den Status quo zu erhalten – stets verbunden mit dem Risiko des Rückschritts in einer Welt voller Möglichkeiten, um die Zukunft zu bestimmen.

Black Panther gelingt es leider nicht, jede dieser tiefschürfenden Wunden so ausgiebig zu versorgen, da sich das tolle Ensemble weiterhin um Figuren wie die brillante Prinzessin Shuri (Letitia Wright) und T’Challas ehemalige Freundin Nakia (Lupita Nyong’o) erstreckt, die sich als toughe Undercover-Agentin ihre Screentime ebenfalls verdient hat. Dennoch ist es Ryan Coogler hoch anzurechnen, wie es ihm gelingt, sein Interesse für jede dieser Figuren einigermaßen ausgeglichen  und strategisch auf dem Schachbrett des Films zu arrangieren.

Während etwa M’Baku (Winston Duke), Anführer des abtrünnigen Bergstammes der Jabari, und CIA-Agent Everett K. Ross (Martin Freeman) stellvertretend für das geopolitische Ausmaß des Gezeigten stehen, spielt sich Erik Killmongers Geschichte in einem deutlich intimeren Rahmen ab. Wie kaum ein anderer MCU-Film beschäftigt sich Black Panther mit den ambivalenten, tragischen Facetten seiner Figuren, die weniger als Superhelden denn als Menschen dastehen und versuchen, die richtige Entscheidung zu treffen. Ohne die Verantwortung, die aus großer Kraft resultiert, in jeder möglichen Szene allzu offensichtlich zu formulieren, erfasst der Film das, was die Figuren lebendig macht.

Keine der Figuren liegt von Beginn an mit ihrer Einschätzung richtig, sondern muss erst herausfinden, welcher der nächste Schritt in die richtige Richtung ist. Ryan Coogler verpackt diese Odyssee in eine überaus kompetente Inszenierung, die sich überraschend angenehm den Meriten des MCU-Formel entziehen kann. Während Rachel Morrison, die erst kürzlich für ihre fantastische Kameraarbeit bei Mudbound eine Oscar-Nominierung erhalten hat, dermaßen bewusst auf den Einsatz von Farben zurückgreift, wie schon lange kein MCU-Film mehr, verleiht die Musik dem Film eine eigene, faszinierende Dynamik. 

Ludwig Göransson, Ryan Cooglers Stammkomponist, erweckt die kräftigen, mitunter sogar verträumten Bilder der afrikanischen Landschaft mit den gleichen Fanfaren zum Leben, wie sie schon in Creed zu hören waren. Sich stetig steigernde und dann wieder abflachende Trommelbewegungen geben zudem den Pulsschlag vor. Nicht einmal die doch recht standardisierten – sprich: schwachen – Actionsequenzen können diesem Film seinen Ehrgeiz, seine Überzeugung nehmen. Getragen wird Black Panther von einem entschlossenen Regisseur und seinem umwerfenden Ensemble. Dieser Freiheitsschlag war notwendig. 

Black Panther © Walt Disney Studios Motion Pictures

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.