Chi-Raq – Kritik

Chi-Raq - Kritik

„Police sirens, everyday. People dyin‘, everyday. Mommas cryin‘, everyday. Fathers tryin’, everyday.“ Nick Cannons Stimme erhebt sich im Hintergrund, während das Bild im Prolog von Chi-Raq weiterhin von beängstigender Dunkelheit erfüllt ist. Nur einzelne Worte finden ihren Weg ins bedrohliche Schwarz, um die gesprochenen Textzeilen zu untermauern. Eine Hymne am Abgrund einer Stadt, voller Tod und Verderben. „This is an emergency“, hallt es unmittelbar im Anschluss durch Spike Lees jüngste Regiearbeit; ein Aufschrei, zornig und wütend. Auf keinen Fall will er sich jetzt zähmen lassen, denn dazu hat er zu lange auf sich warten lassen. Die Situation ist außer Kontrolle geraten, nun bedarf es eines kühlen Kopfs, um eine neue Ordnung herzustellen. Chicagos Straßen gleichen einem Kriegsgebiet. Eskalation. Pure Eskalation. Und dennoch bewahrt Spike Lee einen kühlen Kopf, völlig unabhängig davon, mit welch emotionaler Kraft er seine Geschichte durch die Windungen eines Labyrinths aus Satire und Musical peitscht. Chi-Raq vermag es, den hektischen Ausnahmezustand in ein poetisches Inferno zu verwandeln – voller Liebe, Sex und Sinnlichkeit.

In einer Zeit, in der in Chicago mehr Menschen durch Waffengewalt sterben als amerikanische Soldaten im Irak, entpuppt sich der entsprechend betitelte Chi-Raq nicht nur als konfliktgeladendes, sondern auch überaus aktuelles Unterfangen. Dabei basieren die Grundzüge des Films auf der griechischen Tragödie Lysistrata, die aus der Feder von Aristophanes stammt und im Jahr 411 vor Christus ihre Uraufführung erlebte. Weit über 2000 Jahre später ist das grundlegende Schriftwerk hinsichtlich seiner Brisanz um keinen Deut gealtert. Ganz im Gegenteil sogar: Die Methoden jener Frauen im antiken Griechenland, die den Männern aus Athen und Sparta ihr Geschlecht verwehrten, um den Krieg zu beenden, inspiriert in Chi-Raq ebenfalls eine stetig wachsende Gruppe an Frauen, die verzweifelt den x-ten Tod eines unschuldigen Kinds in der Nachbarschaft beklagen, das unglücklicherweise in die Schusslinie des ewig andauernden Bandenkriegs geraten ist. Angeführt von Demetrius Dupree (Nick Cannon), einem Rapper, der sich Chi-Raq nennt, kämpfen mit lilaner Flagge die sogenannten Spartans gegen die Trojans, die sich gänzlich in Orange kleiden und den Befehlen von Cyclops (Wesley Snipes), der tatsächlich nur ein Auge hat, unterstehen.

Die Lage ist ausgesprochen angespannt: Wo eben noch die Kamera elegant eine einfahrende Metro verfolgte und danach in die Tiefen eines Clubs entführte, bricht noch beim ersten Song das totale Chaos aus, ausgelöst von unüberlegten Schüssen, die auf der Stelle zwei Opfer in der tanzenden Menge fordern. Während sich Demetrius mit seiner Freundin Lysistrata (Teyonah Parris) in Sicherheit bringen kann, beschließt diese spätestens nach dem zweiten Überfall in kurzer Folge, dass sich etwas ändern muss. Die Nachbarin Miss Helen (Angela Bassett) ebnet als Orakel dem weiteren Verlauf der Handlung den Weg, denn sobald es bei Lysistrata Klick gemacht hat, gibt es kein Zurück mehr. Es muss sich etwas ändern – und zwar nicht nur im Rahmen einer eingeschworenen Gemeinschaft, wie sie der temperamentvolle Prediger Fr. Mike Corridan (John Cusack) jeden Sonntag in seiner Kirche versammelt. Nein, Lysistrata will die Welt ins Wanken bringen, sucht sich verbündete und führt unter dem Motto „No peace, no pussy.“ binnen kürzester Zeit die vollkommen gewaltlose Übernahme der National Guard Armory an. Ungläubig und fassungslos, so reagieren die Autoritäten.

Der Bürgermeister ist sichtlich überfordert mit der Lage und weiß immer noch nicht, ob es sich bei der friedlichen Okkupation um einen schlechten Scherz handelt, den er nur nicht versteht. Sobald sich die Bewegung allerdings über die Grenzen der Vereinigten Staaten von Amerika in der gesamten Welt verbreitet, sorgt ein Anruf des Präsidenten für Druck. Der Schlamassel soll bereinigt werden – immerhin brechen mittlerweile ganze Infrastrukturen zusammen. Selbst der einfache Mann auf der Straße ist langsam frustriert: Nicht einmal im Stripclub kann er seine Gelüste befriedigen, weil schlicht keine Menschenseele an der Stange tanzt, um für Stimmung zu sorgen. Was tun? Die Lösung des Problems wäre eine Leichte. Das Ärgerliche ist nur: Jemand müsste über den eigenen Schatten zu springen. Dass Spike Lee sowie sein Co-Autor Kevin Willmott bei dieser Debatte auf Lysistrata Seite stehen, ist kein Geheimnis. Regelrecht offensiv sekundiert das Drehbuch den Protest und lässt sich alleine vom überwältigenden Drang leiten, den momentanen Status Quo zu verändern, was am einfachsten dadurch passiert, indem man ihn in Frage stellt – wenngleich man sich dabei ungedeckt im konservativen Hoheitsgebiet bewegt.

Dementsprechend treffen in Chi-Raq die Fronten frontal aufeinander. Für Intrigen und Machtspielchen hat Spike Lee keine Zeit, denn es handelt sich immer noch um einen Notfall. Auch das Tempo muss angezogen werden, ansonsten verläuft anfängliches Temperament in niederschmetternder Müdigkeit, denn die Provokation ist kräftezehrend. Bevor Chi-Raq aber zur trockenen wie theoretischen Angelegenheit verkommt, wird der Hammer auf den Tisch geknallt und ein gewaltiges Beben erschüttert die Welt. Eine Auswirkungen wird es schon haben – und dank der durchgängigen Musical-Elemente befinden sich die Geschehnisse stets im Fluss, stets in Bewegung. Egal, ob in einer Massenszene Arme und Beine in Parallelbewegungen einen tosenden Orkan auslösen, oder, ob in einer intimen Sequenz alleine Blicke und Schrittwechsel zwischen zwei Figuren ein atemberaubendes Duett heraufbeschwören. Gerahmt im sporadischen Auftreten von Dolmedes (Samuel L. Jackson), der in seiner Eigenschaft als allwissender Erzähler den Film nicht nur durch sein Vertrauen in die Geschichte mit neuen Impulsen am Leben hält, sondern ebenfalls in puncto Mode unheimlich bereichert.

Nicht nur Samuel L. Jackson bleibt mit engagierten Auftritten in Erinnerung, denn eigentlich gehört die Bühne, die er gleichermaßen eloquent wie hingebungsvoll vorbereitet, einer anderen Persönlichkeit, nämlich Teyonah Parris. Zuletzt saß sie noch artig als Sekretärin in den Räumen von Sterling Cooper & Partners, jetzt erobert sie die große Leinwand geradezu im Alleingang. Eine energiegeladene Performance, die alles sprengt: Teyonah Parris hat eine unglaubliche Ausstrahlung und nimmt sich den Platz, den sie braucht, um Eindruck zu hinterlassen. Und vielleicht ist es gerade dieses „sich einfach etwas nehmen“, das Chi-Raq dermaßen unberechenbar wie großartig macht, denn der Film denkt während keiner einzigen Minute darüber nach, was andere von ihm halten könnten, da er komplett von seiner Sache überzeugt ist. This is still an emergency. Alles seht auf dem Spiel. Ein Kampf für das Leben, um alles Übel zu beenden. Am Ende dieser wilden Odyssee besteht tatsächlich die Chance auf eine bessere Welt. Und Spike Lee will diese einmalige Chance auf keinen Fall verpassen – selbst wenn er dafür ohne Rücksicht auf Verluste am Rad drehen muss. Aber was für gewaltiges Rad!

Chi-Raq © Roadside Attractions

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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