Days – Kritik

Days - Kritik

Mit seinem ersten Spielfilm seit dem 2013 erschienen Straw Dogs meldete sich Regisseur Tsai Ming-liang auf der Berlinale zurück. Zuletzt beschäftigte er sich mit Kurzfilmen, Dokumentationen und einem VR-Projekt. In Days – im Original Rizi – erzählt er nun die Geschichte zweier Männer, die sich in ihrer Einsamkeit begegnen. Zuerst sind da jedoch zwei getrennte Leben in zwei getrennten Städten und nur die Montage vermag es, die Figuren auf filmischer Ebene zusammenzuführen. Eine stille Meditation voller intimer Aufnahmen, die fraglos zu den besten Filmen des Festivals gehört.

In den Regen starrt Kang (Lee Kang-sheng) in der ersten Einstellung, die eine Ewigkeit in Anspruch nimmt und trotzdem keine Sekunde zu lang geraten ist. Beruhigend wirken die zu Boden fallenden Tropfen, die im Hintergrund auf der Tonspur zu vernehmen sind. Kangs Blick jedoch erzählt eine andere Geschichte, nämlich die von einem Schmerz, der tief in seinem Inneren schlummert und ihn nach und nach verzehrt. Mitunter wirkt es so, als würde dieser unbeschreibliche Schmerz seinen ganzen Körper lähmen, sodass jede Bewegung zur Anstrengung wird, obgleich äußerlich keine Leiden sichtbar sind.

Tsai Ming-liang gestaltet seine Bilder so vorsichtig, dass er auch ohne aufwirbelnde Bewegung in das Innere seiner Figuren eindringen kann, wobei eindringen ein viel zu aggressiver Begriff für seine Inszenierung ist. Vielmehr ermöglicht es Tsai Ming-liang den Schauspielern, sich vor der Kamera zu entfalten, sodass wir Facetten ihrer Figuren kennenlernen, die für gewöhnlich versteckt bleiben oder vergessen werden. In Days sind die Schauspieler jedoch komplett da, mit Leib und Seele, unweigerlich im Zentrum des Films, der ihre Präsenz förmlich einatmet und uns an ihrem Alltag teilhaben lässt.

So beobachten wir später Non (Anong Houngheuangsy), der im Gegensatz zu Kangs großer Hongkong-Wohnung in einer kleinen Behausung in Bangkok lebt, viele Minuten dabei, wie er sein Essen vorbereitet. Eine denkbar unspektakuläre Szene, der Tsai Ming-liang dennoch seine gesamte Aufmerksamkeit schenkt und in dieser Langsamkeit, die ebenfalls eine Zerbrechlichkeit ausdrückt, etwas Besonderes und Poetisches entdeckt. Dahinter schlummert mitunter auch ein radikaler Film, doch Days entfaltet sich in erster Linie als ein ruhiges Gedicht, das seine Figuren schließlich in einem Hotelzimmer zusammenführt.

Anonym und kalt wirkt der Ort – und anfangs geht es nur um ein Geschäft und eine Leistung. Kang bezahlt Non für eine Massage und anschließenden Sex. Entgegen der Trostlosigkeit, die diese Begegnung auf den ersten Blick mit sich bringt, dokumentiert Tsai Ming-liang einen erhabnen Moment voller sorgfältiger Berührungen und Verbundenheit, die kein Dialog jemals fassen könnte. Fast ohne Worte kommt der gesamte Film aus, so stark sind die Bilder komponiert. Immer näher rücken Kang und Non zusammen, bis sie schließlich wieder getrennt voneinander sind und nur der Klang einer Spieluhr in Erinnerung eint.

Eine Erinnerung, die noch viel weiter in der Filmgeschichte zurückreicht: Terry’s Theme aus dem Charlie Chaplin-Film Limelight von 1952 erklingt, wenn Non gefühlvoll am kleinen Rädchen dreht und der schlichten Schönheit lauscht, die der natürlichen Geräuschkulisse des Films etwas Magisches entgegensetzt. Ein wundervoller Augenblick, den Tsai Ming-liang am Ende dieser sinnlichen, zutiefst menschlichen Reise gar nicht mehr loslassen will und so lange wie möglich mit ihm verweilt. Days ist ein behutsamer Film, voller ungewisser Momente. Ein Film, dem man vertrauen kann.

Days © Homegreen Films