Guardians of the Galaxy Vol. 2 – Kritik

Guardians of the Galaxy Vol. 2 - Kritik

Das Marvel Cinematic Universe hat in den fast zehn Jahren seines Bestehens einige Höhen und Tiefen hinter sich, erschöpft ist es jedoch noch lange nicht. Wenngleich regelmäßig Stimmen laut werden, dass die aktuelle Flut an Superhelden-Filmen unlängst zu einer Übersättigung des Markts geführt hat, gibt es immer wieder einzelne Vertreter der Gattung, die es schaffen, aus der Masse herauszustechen, indem sie ihre eigenen Akzente setzen. Logan aus dem Hause Fox/Marvel unterwanderte etwa im März dieses Jahres jegliches Erwartungen und offenbarte sich als endzeitlicher Western und mitreißende Meditation über die Konsequenzen der Gewalt. Auch unter dem Dach von Disney/Marvel gibt es diese Ausreißer, die dank einer frischen, aufgeweckten Einstellung für Abwechslung sorgen. Guardians of the Galaxy gehört zweifelsohne dazu.

Nicht nur öffnete James Gunns aufregendes Weltraumabenteuer das Tor in ungeahnte Welten des MCU. Nein, der Film überraschte mit einer selbstbewussten Art, die sich ausgeglichen zwischen verspielten Referenzen und unhandlichen Eigenheiten bewegte, von einem perfekt harmonierenden Ensemble ganz zu schweigen. Die große Kunst des Film war es, eine Gruppe im Grunde unsympathischer Figuren zu den coolsten Helden eines Franchise zu machen, das mit Iron Man und Co. nicht arm an ebenjener Sorte ist. Wirkten die Guardians of the Galaxy auf dem Papier sperrig und weird, verwandelte James Gunn eine vergleichsweise unpopuläre Marvel-Marke in einen kurzweiligen Sommer-Blockbuster sondergleichen, der darüber hinaus mit seinem frechen Tonfall und einem hervorragenden Mixtape punktete. Es sollte ein Fest werden, wenn diese Wellenretter zurückkehren.

Ein Fest, das ist Guardians of the Galaxy Vol. 2 schlussendlich auch geworden, allerdings bloß ein oberflächliches voller selbstgefälliger Best-Of-Montagen, die in den seltensten Fällen daran anschließen können, was das Sub-Franchise vor drei Jahren groß gemacht hat. War der Trupp rund um Peter Quill aka Star-Lord (Chris Pratt), Gamora (Zoe Saldana), Drax (Dave Bautista), Rocket (Bradley Cooper) und Groot (Vin Diesel) auf dem besten Weg, ganz natürlich zum MCU-Äquivalent der Fast & Furious-Familie zu avancieren, schreibt sich die Fortsetzung diesen Status übereifrig selbst auf die Fahne, ohne das notwendige Grundwerk dafür zu legen. Natürlich gibt es weiterhin einige spannende Missionen zu bestaunen, die das Team gemeinsam erfüllen muss, um die Galaxie erneut vor dem Untergang zu bewahren. Gleichzeitig taucht stets eine Nebensächlichkeit auf, die unangenehm vom eigentlichen Geschehen ablenkt.

Bereits die erste große Action-Sequenz steht geradezu beispielhaft für dieses Missverständnis, wenn es Peter Quill und Co. mit einem gigantischen Monster aus dem All zu tun bekommen. Es folgt ein gigantisches Spektakel – allerdings nur im Schatten der Sidekicks, die im ersten Teil etabliert wurden. Zu diesen gehört in erster Linie Baby Groot, die wiedergeborene Version des sprechenden Baumes, der nach wie vor ausschließlich einen Satz über die Lippen bringt: „I am Groot.“ Es ist fast traurig zu sehen, wie all die liebevollen Momente des letzten Einstands plötzlich nur noch als Steilvorlage eines Running Gags genutzt werden, der das eigentliche Highlight der Szene völlig in den Hintergrund drängt. Anstelle ein Update hinsichtlich des Status quo der Figuren und ihren gegenseitigen Beziehungen zu geben, präsentiert James Gunn ein durchaus amüsantes Hin und Her, das sich aber völlig grundlos in übertriebenen Posen ohne Tiefgang verliert.

Ein unbefriedigender Spaß, der beweist, dass James Gunn bei der Inszenierung von Guardias of the Galaxy Vol. 2 jegliches Gefühl für die Größenordnung seines Films verloren gegangen ist. Über weite Strecken entpuppt sich die Fortsetzung dabei als äußerst unkonzentrierte Angelegenheit, die von einem Set Piece zum nächsten springt, viel zu selten jedoch beginnt, das Vorgestellte auszukosten und auszunutzen. Insbesondere die Vertiefung der eigenen Mythologie hat darunter zu leiden. Mit Ego (Kurt Russell) und Yondu (Michael Rooker) stehen Peter Quill plötzlich zwei Vaterfiguren gegenüber, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Bei solchen offensichtlichen Kontrasten bleibt das Drehbuch aber stehen und lässt die großen Motive unüberlegt aufeinandertreffen, ohne sich eine dynamische Form dafür zu überlegen und tatsächliche Verbindungen zu erschaffen.

Zwischenzeitlich gleicht Guardians of the Galaxy Vol. 2 mehr einer schlechten Seifenoper als dem aufregenden Weltraumabenteuer, das von spannenden Figuren bevölkert wird. Fängt ein Gesprächsteilnehmer mit lange ersehnten Enthüllungen an, würgt ein unglücklicher Schnitt die Szene ab, ehe das Gesagte – sprich Behauptete – vertieft werden kann, und wendet sich dem nächsten Konflikt zu, als müsse der straffer Zeitplan zwischen zwei Werbeblöcken eingehalten werden. Es ist eine enttäuschende Angelegenheit, bewies James Gunn, der bereits den ersten Film als Regisseur und (Co-)Autor stemmte, zuvor ein großartiges Gespür für Timing auf allen Ebenen. Diese gelassene Ausgeglichenheit existiert in Guardians of the Galaxy Vol. 2 leider nicht mehr. Holprig geht die Space Odyssey vonstatten und wäre lieber eine Mischung aus Firefly und The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy, ohne das Genie dahinter zu verstehen.

Im obligatorischen Stan Lee-Cemao ereignet es sich schließlich, dass der Schöpfer unzähliger Marvel-Helden auf einem fremden Planeten sitzt und seinen Zuhörern von den unglaublichen Dingen erzählt, die er in seinem Leben erlebt hat. Unermüdlich packt er eine Anekdote nach der anderen aus, doch plötzlich kehrt ihm das Publikum den Rücken und zieht von dannen. Jetzt sitzt er ganz alleine da, obwohl er noch tausende Geschichten auf Lager hat. Niemand will ihm aber mehr zuhören. Es mag verblüffen, dass sich dieser Einschub ausgerechnet in einem Film wie Guardians of the Galaxy Vol. 2 befindet, der felsenfest von seiner Geschichte überzeugt ist, wenngleich er kaum etwas Richtiges zu erzählen hat. Tragische Ironie – und trotzdem wäre es zu einfach James Gunns Bemühungen, eine ordentliche Fortsetzung zu drehen, so leicht zu verurteilen. Denn tief im Herzen weiß der Film durchaus, wo er hinwill. Das große Tohuwabohu außenrum macht es ihm nur größtenteils unmöglich.

Wenn Guardians of the Galaxy Vol. 2 endlich die Barrikaden der Ablenkung überwunden hat und – im Finale des Films sogar sprichwörtlich – zu seinem Kern vorgedrungen ist, offeriert James Gunn einen überaus vielversprechenden Ausblick auf die Figurenentwicklung und wie sie die ganze Zeit über funktionieren hätte können und sollen. Zum Schluss stimmt wenigstens für einen kostbaren kurzen Augenblick alles – Farben und Formen vereinen sich mit den Klängen eines vorzüglichen Mixtapes, als hätten die Beschützer der Galaxie nie ihren Verve verloren. Dann ist Guardians of the Galaxy Vol. 2 wirklich ein Fest, das allen leeren Versprechungen zuvor entsagt und etwas schafft, das Gewicht hat. Bleibt zu hoffen, dass James Gunn diesen raren Moment nicht vergisst, sodass Guardians of the Galaxy Vol. 3 nicht bloß mit einem exzellenten Soundtrack punktet, sondern ebenfalls einer packenden Geschichte, die die (Marvel-)Welt verändert anstelle sie nur zu retten.

Guardians of the Galaxy Vol. 2 © Walt Disney Studios Motion Pictures

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.