Intrige – Kritik

Intrige

Kühl und trostlos sind die Bilder von Paris, wenn der Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus (Louis Garrel) im Jahr 1985 gedemütigt und degradiert wird, nachdem ihn das Militärgericht ein Jahr zuvor unter Ausschluss der Öffentlichkeit wegen Landesverrat verurteilt hat. Auf der Teufelsinsel soll er den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen – weit weg von Frankreich, damit niemand mit ihm reden kann. Denn Alfred Dreyfus beteuert seine Unschuld. Verzweifelt schreit er seine Wahrheit den um ihn herum aufgestellten Soldaten ins Gesicht. Im Angesicht des korrupten Systems hat das Individuum jedoch keine Chance: Die Worte verklingen in der Weite. Was bleibt, ist ein Mann, der sich nicht einmal ansatzweise gegen die vor ihm versammelte Übermacht wehren kann und daraufhin einfach verschwindet.

Erst als Oberstleutnant Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin) zum Chef des Geheimdienstes Section Statis­tique ernannt wird und erneut auf die sogenannte Dreyfus-Affäre aufmerksam wird, kristallisiert sich heraus, dass der Verurteilte tatsächlich unschuldig ist. Wie Picquart, der keinen Hehl aus seinem Judenhass macht, im Zuge seiner Ermittlungen feststellen muss, war Dreyfus dem Generalstab ein Dorn im Auge – nicht, weil er ein Verräter, sondern weil er ein Jude ist. Dennoch geht Picquart seiner Pflicht nach und stellt die unangenehmen Fragen, die ihn schon bald selbst zur Zielscheibe werden lassen. Die folgenden Ereignisse inszeniert Roman Polanski in Intrige als konzentriertes Thriller-Drama, das sich langsam, dafür aber umso behutsamer aufbaut.

Als Grundlage dient ihm der gleichnamige Roman von Robert Harris. Roman Polanski hat sich mit dem Journalisten und Schriftsteller zusammengeschlossen, um das Drehbuch von Intrige zu entwickeln. Herausgekommen ist eine aufmerksame Studie, die ihren Fokus auf den institutionalisierten Antisemitismus im Frankreich des ausklingenden 19. Jahrhundert richtet, den Bezug zur Gegenwart jedoch keineswegs vergisst. Intrige – im Original J’accuse, benannt nach dem offenen Briefs des französischen Schriftstellers Émile Zola an den damalige Präsidenten der Französischen Republik – erweist sich als eloquente Aufarbeitung der Vergangenheit und identifiziert zielsicher all jene Konflikte, die auch über ein Jahrhundert später im gesellschaftlichen Gefüge deutlich zu erkennen sind.

Besonders spannend gestaltet sich der Blick auf Picquart als Protagonisten, der die Wahrheit seiner eigenen Gesinnung überordnet und damit die Entscheidungen der Mächtigen Frankreichs infrage stellt. Ein Land, das er wiederum als Soldat mit seinem Leben verteidigen würde. Je mehr Picquart über die Dreyfus-Affäre herausfindet, desto brenzliger wird die Situation für ihn. Anstelle von Unsicherheit und Enttäuschung nimmt bei ihm bloß das Selbstverständnis zu, die Angelegenheit endlich richtigzustellen. Aus der anfangs ambivalenten Figur formt Intrige zunehmend einen Helden, der für Ideale eintritt, selbst wenn es wehtut. Speziell ist Roman Polanski an der Geduldsprobe interessiert, der sich Picquart im Rahmen seiner Nachforschungen stellen muss.

Ein paar tapfere Worte genügen nicht, um sofort als Whistleblower gefeiert zu werden. Stattdessen beobachten wir, wie sich Picquart mühsam durchs Labyrinth der Macht quält und jeden Hinweis zwei Mal überprüft. Von spektakulären Enthüllungen, wie sie Roman Polanski zuletzt in dem deutlich Genre-orientierteren The Ghostwriter mit Ewan McGregor in Szene setzte, ist in Intrige lange Zeit nichts zu entdecken. Geradezu trocken wirkt der Film über weite Strecken – und das ist in diesem Fall nur positiv gemeint. Picquart kann die einzelnen Dokumente nicht oft genug umdrehen und mustern. Die Sorgfalt ist es, die ihn am Ende von seinen Kontrahenten unterscheidet. Diese versuchen, schnell eine Lösung des Problems zu finden, was noch mehr Lügen zur Folge hat.

Picquarts Ausdauer erweist sich als mächtiger Schlüssel: Intrige setzt sich ein für den langen, unbequemen Weg und trotzt den Grautönen der Umgebung. Jean Dujardin versteht es derweil, die Bürde, die sich Picquart auflädt, glaubhaft zu transportieren. Von seiner Präsenz geht eine tiefe Ruhe und Besonnenheit aus. Eindrucksvoll ist die Mischung aus Beharrlichkeit und Respekt, die er bis zum Schluss bewahrt, um keines der wichtigen Details in Vergessenheit geraten zu lassen. Nur so kann die differenzierte Neubewertung der Vergangenheit eine bessere Zukunft ermöglichen. Intrige erzählt diese Geschichte mit entsprechendem Bedacht und aufschlussreichen Perspektiven. Als irritierend entpuppt sich der Film lediglich im Bezug auf Roman Polanskis eigenen Werdegang.

Auf der einen Seite ist da der Sohn jüdischer Eltern, der den Schrecken des Holocausts am eigenen Leib erfahren hat. Auf der anderen Seite steht Roman Polanski selbst als Missbrauchstäter da, der 1977 in den USA eine 13-Jährige unter Drogen setzte und mit ihr Sex hatte. Trotz Geständnis floh er vor der Urteilsverkündung nach Europa, da sich abzeichnete, dass der zuständige Richter die im Verfahren getroffenen Absprachen nicht einhalten würde. Offensichtlich scheinen nun die Bezüge zu seinem Leben. Schlussendlich vermeidet Roman Polanski aber eine allzu penetrante Parallelisierung. Denn der brisante Historienfilm, den er mit Intrige vorlegt, ist das eindeutig bessere Werk als die Spiegelung seiner umstrittenen Person.

Intrige © Weltkino Filmverleih