Joker – Kritik

Joker

Arthur Fleck (Joqauin Phoenix) ist am Ende. Immer tiefer fällt er in ein Loch aus Verzweiflung. Frustriert von der Gesellschaft und dem eigenen Leben schleppt er sich durch die dreckigen Straßen von Gotham City, das nicht nur zufällig dem qualmenden New York der späten 1970er und frühen 1980er gleicht, wie wir es aus Taxi Driver und The King of Comedy kennen. Ganz offensiv nannte Regisseur Todd Phillips die Werke von Martin Scorsese als Inspiration für seine ungewöhnliche Comicverfilmung Joker, die sich dem ikonischsten aller DC-Bösewichte in Form einer niederschmetternden Charakterstudie annimmt und damit einen willkommenen Kontrast zum aktuellen Superheldentreiben auf der großen Leinwand schafft.

Nun beobachten wir Arthur Fleck, wie er sich von einer Niederlage zur nächsten schleppt. Als Clown und Stan-up-Comedian will er die Menschen zum Lachen bringen, schlussendlich ist es aber bloß er, der auf der Bühne steht und über seine eigenen Witze lacht. Ein Lachen, das so ungeheuerlich wie verstörend ist, quälend in die Länge gezogen. Da steht er nun im Scheinwerferlicht, isoliert von all den Menschen um sich herum und unfähig, aus dem verführerisch wie bedrohlichen Lichtkegel auszubrechen. Am eindrücklichsten gestaltet sich jedoch ein anderes Bild: Eine riesige Treppe, die sich Arthur jeden Abend hochschleppt, um nach Hause zu seiner Mutter zu kommen, mit der er in einem trostlosen Apartment lebt.

Nachdem er den ganze Tag von den Menschen der Stadt getriezt wurde, wirkt diese gewaltige Treppe wie die letzte Hürde, die ihm das System täglich vor die Füße legt und hofft, dass er daran zugrunde geht. Monumental ragt sie in die Höhe – keiner der gewaltigen Wolkenkratzer von Gotham City wird auch nur ansatzweise so einschüchternd inszeniert wie dieser letzte Bußgang auf dem harten Stein für Sünden, die Arthur niemals begonnen hat. Todd Phillips, der gemeinsam mit Scott Silver ebenfalls das Drehbuch zu Joker schrieb, zeichnet ein auswegloses Bild für seinen Protagonisten, der schließlich mit dem Kopf voraus in eine Sackgasse rennt, ehe er im Wahnsinn und Chaos der urbanen Apokalypse seine Erfüllung findet.

Diese Konsequenz ist bemerkenswert, zumal sich Joker in den letzten Minuten tatsächlich in ein Inferno verwandelt, das sich nicht mehr kontrollieren lässt, und die Distanz zu seiner Hauptfigur verliert. Joaquin Phoenix spielt die Transformation seiner Figur mit unglaublicher Hingabe und verschmilzt wahrlich mit seiner Umgebung. Eine Umgebung, die uns Todd Phillips stets in erlesenen Aufnahmen präsentiert, ihr allerdings viel zu selten die Möglichkeit gewährt, sich zu entfalten und zu atmen. All der Dampf in den Straßen gleicht streckenweise mehr einer sorgfältigen Nachbildung spezifischer Erinnerungen. Nur manchmal kommen die Ratten zum Vorschein, wie sie sich ihren Weg durch die Großstadt fressen, bis die Löcher zu groß sind, um sie zu ignorieren.

Meistens fokussiert sich Joker aber zu verbissen einzelnen Stationen, die der Film abgehakt wissen möchte, bevor er auf sein großes Finale zusteuert. Obgleich Arthur Fleck als unzuverlässiger Erzähler porträtiert wird, sind die Lücken in seiner Vergangenheit nicht vage genug, um die Ambivalenz, die sich im Kern der Joker-Figur versteckt, komplett auszureizen. Von dem flüchtigen Gespenst, das Heath Ledger in The Dark Knight mit verblüffenden Nuancen verkörperte, ist Todd Phillips Version des Clown Prince of Crime ein ganzes Stück entfernt. Trotz gewisser Überraschungen und der Variation vertrauter Motive aus der Batman-Mythologie erweist sich Joker gerade im Mittelteil als Film, der nicht aus seiner eigenen Durchschaubarkeit ausbrechen kann.

Auf jede furiose Passage folgt eine lähmende Erklärung, wodurch sich Joker niemals komplett in die düstere Großstadtsymphonie verwandeln kann, die der Film mit jeder weiteren Einstellung heraufzubeschwören versucht. Todd Phillips hat für jede Frage eine Antwort parat, bevor sie überhaupt gestellt werden kann – als würde ihm die Fantasie für die Ungewissheit des Abgrunds fehlen, auf den Joaquin Phoenix mit seiner herausragenden Performance als Ausgestoßener zusteuert. Sogkraft besitzt Joker dennoch, vor allem in seiner aufwühlenden Traurigkeit und Einsamkeit, selbst wenn am Ende etwas Enttäuschung zurückbleibt, dass dieser Film nicht ungeheuerlicher ausgefallen und mit mehr feinen Zwischentönen ausgestattet ist.

Joker © Warner Bros.