La La Land – Kritik

La La Land - Kritik

Zuletzt war da der Druck, das Elend, das Verderben. Ein unerbittlicher Überlebenskampf nach unmenschlichen Parametern: Am Ende von Whiplash gab es nur einen Ausgang – und zwar den mit verheerenden Folgen für alle Beteiligten, besonders den Protagonisten, der sich komplett dem Gebot des Teufels unterworfen hatte, nur, um ihn für den Bruchteil einer Sekunde auszutricksen. Ein Streben nach Perfektion, das vom ständigen Konkurrenzdenken bestimmt und in bloßer Extreme erstickt wurde. Abartig, dieses krampfhaft verklemmte Treiben nach vermeintlicher Vollkommenheit, während sich Schweiß und Blut vibrierend auf dem Trommelfell vereinen.

Whisplash war in all seinen perversen Überzeichnungen durchaus eine beeindruckende, mitreißende, aber eben auch abstoßende Tour des Force, die auf vielen Ebenen etwas zu sagen glaubte, die wichtigste jedoch komplett verfehlte: die Musik. Von all den wundervollen Dingen, die Musik auslösen kann, verstand sich Whiplash lediglich im Schmerz und Leiden eines Scheiternden an der hohen Kunst. Ausgerechnet mit seinem Nachfolgewerk, La La Land, macht Regisseur und Drehbuchautor Damien Chazelle allerdings eine unerwartete Kehrtwende und schafft einen Film, der nur so vor Liebe, Begeisterung und positiver Energie strahlt; ein verblüffendes wie verzauberndes Musical-Märchen.

Irgendwo in Los Angeles stehen die Autos auf der Straße im Berufsverkehr. Die Kamera fährt den Highway entlang, inzwischen im Cinemascope-Format, nachdem sich das Bildverhältnis von 4:3 als viel zu einengend für die folgenden Farbenpracht entpuppte. Bereits in diesen ersten Minuten reißt La La Land die Leinwand förmlich auf und öffnet das Tor in eine faszinierende, womöglich sogar vergessene Welt. Obgleich die Liebesgeschichte rund um die junge Schauspielerin Mia (Emma Stone) und Jazz-Pianisten Sebastian (Ryan Gosling) sichtlich in der Gegenwart angesiedelt ist, sehnt sich der Film nach einer längst vergangenen Ära.

Eine Ära, in der Gene Kelly im Regen hingebungsvoll um eine leuchtende Laterne tanzte und Catherine Deneuve mit unendlicher Lebensfreude eine französische Küstenstadt in Aufregung versetzte. Ja, eine Ära, in der James Dean als Rebel Without a Cause eine ganze Generation inspirierte. La La Land verliert sich in der Sehnsucht nach dieser Welt und schlendert verliebt durch die Kulissen der Warner Bros.-Studios, wie es erst kürzlich Joel und Ethan Coen in Hail, Caesar! getan haben. Dabei versteht sich La La Land gleichermaßen als Hommage wie Neuinterpretation eines Mythos der Filmindustrie, die in ihrer eigenen Historie den besten Stoff für Erzählungen in Form bewegter Bilder liefert.

Neben der unwiderstehlichen Kinoliebe bildet die Jazz-Musik in all ihrer Vielfalt und Variation den zweiten großen Grundpfeiler von La La Land. Sie erklingt sowohl auf diegetischer als auch nicht-diegetischer Ebene, aber stets mit dem Bewusstsein, Puls- und Herzschlag dieses Musicals zu sein. Dann beginnt ein wilder Tanz, der zwei Stunden lang nicht enden soll – und selbst in seinen finalen Zügen mit einer furiosen Drehung nach der anderen aufwartet. Damien Chazelle erschafft mit Komponist Justin Hurwitz, Kameramann Linus Sandgren und Cutter Tom Cross ein virtuoses Liebeslied, das immer dann am besten ist, wenn es sich in seiner eigenen Geschichte verliert.

So sehr La La Land ein Film über das Filmemachen und ein Song über die Musik sein will: Ein weiterer, essentieller Bestandteil des Motors dieses intensiven Sinnesrauschs sind die Wünsche und Träume seiner Protagonisten. Es ist eine naive, aufrichtige Suche nach der Liebe und der Selbsterfüllung im Leben, gesäumt vom gnadenlosen Scheitern und lästigen Niederlagen. Mia und Sebastian gehören zu der Sorte Träumer, die sich in einer Idee von Hollywood verloren haben, wie sie magischer und vielleicht auch realitätsferner kaum sein könnte. Dennoch brechen sie aus, aus den Grenzen ihrer Welt und entschwinden in der Unendlichkeit des Sternenhimmels.

Nicht zufällig trägt eines der großen Leitmotive dieser L.A.-Odyssee den Titel City of Stars: Verträumt sucht die Kamera die Ferne, den Horizont. Dort existiert die Hoffnung, der erfüllte Traum. Wagemutig lässt La La Land die Fantasie mit der Wirklichkeit verschwimmen und hebt vom Boden ab. Zum Schluss herrschen allerdings Wehmut und das Eingeständnis, dass aller Magie zum Trotz, selbst das schönste Märchen früher oder später seine Schattenseiten nicht mehr verstecken kann. Entgegen der vernichtenden Attitüde von Whiplash findet Damien Chazelle dieses Mal jedoch poetische Blicke, die sich nicht in einer Nische des Untergangs verkeilen, sondern optimistisch aus dem Kinosaal gehen lassen.

Ob La La Land perfekt ist? Diese Frage stellt sich im Epilog gar nicht mehr, denn es gibt so viel mehr in all den Bruchstücken und ungedeckten Augenblicken zu entdecken, als ein schnörkelloses Bilderbuch zu bieten hat. Gerade in puncto Inszenierung wandelt der Film auf einem schmalen, aber spannenden Grat: Aufwendige Plansequenzen und einstudierte Choreographien laden verführerisch dazu ein, jedes Detail in Kontrolle zu ertränken. Doch dann blitzt da immer wieder der ganz natürliche Makel durch, etwa so, wie Mia verstohlen durch die Tore einer riesigen Studiohalle blickt. Für einen kurzen Augenblick offenbart sich Atemberaubendes. Dann ist der Moment jedoch schon wieder vorbei, ehe man ihn für die Ewigkeit festhalten kann.

La La Land © Studiocanal

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.