Phantom Thread – Kritik

Phantom Thread - Kritik

Verträumt eröffnen die ersten Töne des Soundtracks eine magische Welt, in der Wunder möglich sind und vor allem die Schönheit im Vordergrund steht. Jonny Greenwood, der im Rahmen seiner bisherigen Kollaborationen mit Paul Thomas Anderson aus dem eigenwilligen Zusammenspiel von Harmonien und Disharmonien unvergleichliche Musikwelten erschaffen hat, setzt in Phantom Thread auf ungewohnt melodische Klangbewegungen, die schwärmerisch aus dem London der Nachkriegszeit erzählen und das House of Woodcock gleichermaßen elegant wie erhaben zum Leben erwecken. Gerahmt in Bildern, die schlicht und prächtig zugleich unendliche Räume des Kinos entwerfen, folgt ein Drama, das ganz gefangen ist vom Anblick seiner Figuren und keinen Moment versäumen will, um tiefer in ihre Psyche einzudringen, die sich vorzugsweise hinter der Fassade höflicher Umgangsformen versteckt. Ein Film voller Regeln, doch die Gefahr, das Ungewisse schwebt über allem: Zusammen mit seinem eingespielten Team, darunter Oscar-Preisträger Daniel Day Lewis, der mit Phantom Thread seine Abschlussvorstellung vor der Kamera gibt, hat Paul Thomas Anderson erneut ein meisterhaftes Werk geschaffen.

Für Reynolds Woodcock (Daniel Day Lewis) ist der Umgang mit Menschen der High Society ein täglicher. Immer wieder stehen die feinen Damen der britischen Gesellschaft in der Tür des Schneiders ihres Vertrauens und hoffen auf ein textiles Wunder, das sie aus der Menge herausstechen lässt. Aufmerksam und ruhig mustert der Meister von Nadel und Faden die Kundschaft, der er sich stets zuvorkommend präsentiert, vorausgesetzt, sie hält sich an jene unsichtbaren Regeln, die wie schwere Balken durch die Zimmer, Gänge und Treppen seines von Licht durchfluteten Hauses ragen. Ein unantastbarer Mann, der unter Umständen aber auch zum Monster werden kann: Herablassend und voller Missgunst steht er gewissen Menschen und Dingen gegenüber. Von einem verunglückten Frühstück erholt er sich im schlimmsten Fall den ganzen Tag nicht mehr, attestiert Cyril (Lesley Manville), seine Schwester und Verbündete. Es dauert nicht lange, da stolziert ein unausstehliches Genie durch Phantom Thread und genießt die eigene Exzentrik mit einschüchternder Bestimmtheit. Es ist geradezu furchteinflößend, wie Daniel Day Lewis die Gliedmaßen seines wählerischen Teufels mit bedrohlichen Gesten ausbreitet, selbst wenn er sie nur beiläufig vom Körper hängen lässt.

Als Reynolds zum ersten Mal der gutherzigen Alma (Vicky Krieps) über den Weg läuft, offenbart er sich jedoch als charmanter Gentleman, der mit Geheimnissen um sich wirbt und dennoch eine einladende Zuversicht ausstrahlt, deren Geborgenheit sich niemand entziehen kann. Alma verfällt dem großen Mann, der da so makellos durch die Gegend stapft und nicht einmal im Angesicht einer stürmischen Wetterlage den Glanz seines beeindruckenden Auftretens einbüßen muss. Regelrecht plump wirkt Almas auftreten dagegen: Wo er eloquent wohl überlegte Worte aneinanderreiht, antwortet sie mit kurzen Sätzen, die sowohl eine gewissen Unschuld als auch eine gewisse Naivität erahnen lassen. Für Paul Thomas Anderson gibt es in diesem Augenblick trotzdem nichts Faszinierenderes, als diese beiden konträren Figuren aufeinandertreffen zu lassen und dabei zu beobachten, wie sie sich gegenseitig in den Bann ziehen. Auch Jonny Greenwod gesteht dieser unerwarteten Beziehung die wunderschöne Schwerelosigkeit des Verliebtseins zu, ehe diese sich als fatale Mischung aus Sehnsüchten, Hoffnungen und (falschen) Versprechen entblößt. Daraufhin erzählt ebenso die Musik in ihren Brüchen vom Ungleichgewicht der Verliebten, das immer deutlicher wird.

Und dennoch: Paul Thomas Anderson hält seine Figuren gefangen, an überschaubaren Orten und in überschaubarer Gesellschaft. Es gibt kein Entkommen aus diesem unsichtbaren Pakt, wenngleich Alma alle Türen offen stehen. Vorerst unerklärliche Kräfte treiben das ungleiche Paar nach unangenehmen Minuten des Schweigens wieder zusammen. Nicht einmal fragende oder gar warnende Blicke von außerhalb lösen den Bund zwischen den Begehrenden, die sich im erschreckenden Unterbewusstsein des Films als kühle, kalkulierende Wesen entblößen. Auf einmal ringen die erlesenen Aufnahmen nach jener Schönheit, die am Anfang noch so umwerfend wie selbstverständlich war. Finster wird es, wenn das Messer mit kratzenden Geräuschen über den Toast fährt und das Gleichgewicht, die perfekte Ordnung stört. Ein Gefühl dafür transportiert Paul Thomas Anderson in seiner Inszenierung, indem er die filmischen Räume bis auf die letzte Faser untersucht und sich insbesondere vom sinnlichen Aspekt der Geschichte berauschen lässt. Der seidene Stoff ist förmlich fühlbar, wenn er gekonnt auf dem Tisch ausgerollt, von der Nadel durchstochen oder der Schere durchtrennt wird.

Es fühlt sich beinahe so an, als würde Phantom Thread das Material tatsächlich atmen – und dieses Materialbewusstsein spiegelt sich ebenso in der Paul Thomas Andersons Handwerk wieder,  der mit wissender und trotzdem aufregender wie interessierter Gelassenheit seinen Figuren folgt, sodass sich diese in und mit den einzelnen Szenen entfalten können. Plötzlich ist es das Kratzen vom jenem Messer auf dem Toast, das die Erzählung übernimmt, bevor sich später der feine Unterschied zwischen Butter und Olivenöl in den Vorboten des Untergangs verwandelt. Phantom Thread entfacht tief in seinem Inneren eine rasende Wut, endlich über das Offensichtliche zu reden, ehe in verblüffenden Momenten der Sprachlosigkeit das Offensichtliche komplett infrage gestellt wird und erschütternde Unsicherheit herrscht. Daniel Day Lewis und Vicky Krieps treffen in dieser Welt feiner Beobachtungen mit elektrisierender Dynamik aufeinander, verurteilen sich gegenseitig bis zum verstörenden Finale und strahlen genauso erbarmungslose Härte wie versöhnende Milde aus. Mit solch einnehmender Kraft fesselt nur das Kino von Paul Thomas Anderson, der unerschütterlich im körnigen Filmmaterial nach der großen Schönheit sucht.

Phantom Thread © Universal Pictures

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.