Rogue One: A Star Wars Story – Kritik

Rogue One: A Star Wars Story - Kritik

Unter tosendem Beifall ging sie unter, die Demokratie in Star Wars: Episode III – Revenge of the Sith. Seitdem herrscht Chaos, obgleich eine neue Ordnung aus der Asche der Republik entstanden ist. Das Imperium spaltet die Galaxie, überall breiten sich Unruhen es. Es ist eine Zeit der absoluten Unsicherheit, in der sich niemand über Freund noch Feind im Klaren sein kann. Genau in dieser Zeit treffen zwei Männer aufeinander, beide unheimlich ehrgeizig in ihren Ambition. Ehe sie sich jedoch versehen, werden sie von etwas Gewaltigem überschattet, das viel größer ist, als sie es je sein werden.

Rogue One: A Star Wars Story, der erste Anthologie-Film im Star Wars-Universum, entführt exakt in diese Zeit, in der ein ungewisser Nebel über den Feldern von Lah’mu liegt. Weit ab des Zentrums der Galaxie soll an einem windigen, regnerischen Tag das Schicksal seine ersten Spuren hinterlassen, wenn sich die Wege der eingangs erwähnten Männer gleichermaßen kreuzen wie trennen. Das Resultat ist der Grundstein einer Odyssee, die aus der Distanz betrachtet wohl nie mehr sein als eine Randnotiz sein großen Gefüge wird. Dennoch hat Gareth Edwards mit der Bebilderung dieser noch so unscheinbaren Notiz ein unfassbar mitreißenden Weltraummärchen geschaffen, das spätestens im finalen Akt alle Dimensionen sprengt.

Fühlt sich der Einsteig von Rogue One: A Star Wars Story nach dem mächtigen Prolog ein bisschen überstürzt, geradezu umrhythmisch an, fügt sich das beständige Zittern schnell der Grundstimmung der Geschichte. Erzählt wird eine Parabel der Hoffnung, die – wie binnen kürzester Zeit im Film festgestellt – auf keinen nachvollziehbaren Argumenten basiert. Stattdessen gleicht die Hoffnung vielmehr jener sagenumwobenen Macht, die seit Anbeginn durch die sämtliche Winkel von George Lucas’ Schöpfung geistert. Die Macht ist allgegenwärtig, sie umgibt die Figuren in all ihrem Handeln, genauso wie die Hoffnung, wenngleich diese auf Seiten der Rebellen-Allianz (vorerst) erloschen ist.

Ein bedeutend größeres System mit nahezu unerschöpflichen Ressourcen hat die Macht an sich gerissen und unterdrückt seitdem jeden aufkeimenden Schrei nach Freiheit. Jede Bemühung, gegen diese Macht anzutreten, endet in einer verheerenden Niederlage. Rogue One: A Star Wars Story entführt in eine Welt, in der es ausschließlich ums nackte Überleben geht. Den Luxus von Vertrauen oder gar einer Wahl kann sich kaum jemand leisten. Dennoch gibt es da eine Figur, die entgegen aller vorherrschenden Gesetze eine Entscheidung trifft und somit ihr eigenes Schicksal besiegelt: Jyn Erso (Felicity Jones).

Sie ist die Tochter Galen Erso (Mads Mikkelsen), dem Architekt des Todessterns. Wie alle Star Wars-Protagonist_Innen hat ihre Geschichte unlängst begonnen, bevor Jyn selbst zum ersten Mal gehandelt hat. Erst Jahre später, als die Erinnerung an die Eltern fast verblasst ist, wird sie von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. Ihr Vater hat sich dem Druck des Imperiums – in persona Director Orson Krennic (Ben Mendelsohn) – ergeben und eine todbringende Waffe geschaffen, die unzähligen Lebewesen das Leben kosten wird. Dank einer Verkettung schicksalhafter Ereignisse erfährt Jyn allerdings, dass ihr Vater einen letzten Schönheitsfehler im Herzen des von ihm kreierten Monstrums hinterlassen hat.

Wo ein Knopfdruck genügt, um einen gesamten Planeten zu vernichten, braucht es nicht mehr als eine vergleichbar simple Geste, um entsprechenden Zerstörer der Erde gleich zu machen. Entgegen aller Wahrscheinlichkeiten genügt Jyn jener kleine Hoffnungsschimmer am düsteren Horizont des bevorstehenden Weltuntergangs, um der Übermacht den Kampf anzusagen: Es beginnt eine Reise ins Herz der Finsternis, ohne die Gewissheit, den Dschungel aus Laserstrahlen und Sturmtruppen je wieder lebend zu verlassen.

Mit der Entdeckung dieser Hoffnung findet auch Gareth Edwards den Kern seines Films. Nachdem die Inszenierung anfangs noch etwas verloren durch die einzelnen Schauplätze stolperte und mit der schieren Informationsflut überfordert war, pendelt sich mit zunehmender Laufzeit ein ausgeglichener Takt ein. Das Pacing nimmt Form an und die einzelnen Sequenzen verschmelzen zu einem dynamischen Abenteuer, das sich fortwährend steigert – wie ein tosender Tornado, der sich zuerst langsam aus Geröll formt, bis er schließlich als unbändige Urgewalt ganze Landstriche von der Bildoberfläche fegt.

Wenn Rogue One: A Star Wars Story diesen Punkt erreicht hat und dem Einzug in den letzten Akt nichts mehr im Wege steht, entfesselt Gareth Edwards sein gesamtes Können im Einklang mit Komponist Michael Giacchino, Kameramann Greig Fraser und seinen drei Cuttern Jabez Olssen, John Gilroy und  Colin Goudie. Ein unvergleichliches Finale, das entgegen eintöniger Blockbuster-Konventionen ein konsequentes Ende heraufbeschwört, wie es so schon lange nicht mehr im Kino zu sehen war. Es ist unbeschreiblich, in welch eine Furie sich Rogue One: A Star Wars Story in den finalen Minuten verwandelt; schlicht und ergreifend atemberaubend!

Abseits der Skywalker-Saga haben Chris Weitz und Tony Gilroy nach den Ideen von John Knoll und Gary Whitta ein Script entwickelt, das dermaßen vielschichtig in den bestehenden Kosmos des Star Wars-Franchise eintaucht, dass es wahrlich eine Freude ist, zu sehen, wie sich die einzelnen Themen und Motive in Rogue One: A Star Wars Story entfalten. Auf der einen Seite ist da etwa der Generationenkonflikt und eine Erzählung über die Fehler von Eltern, die nun von deren Kindern verhandelt werden müssen. Eine überaus emotionale wie intime Geschichte, die auf mikroskopischer Ebene die Gewalt des gigantischen Imperiums widerspiegelt.

Auch auf der anderen Seite findet diese Gewalt statt, allerdings im größeren Rahmen, der nicht zuletzt eine ganze Rebellion mit einschließt. Hier geht es um bedeutend mehr als das Individuum – Opfer müssen gemacht werden. In Star Wars sind diese beide Seiten schon immer miteinander verbunden gewesen und dementsprechend vermischt sich ebenfalls in Rogue One: A Star Wars Story das Familiäre mit dem Politischen, bis es irgendwann untrennbar voneinander ist. Aber genau diese Magie ist es, die das Weltraummärchen zum Märchen macht und klare Linien verschwimmen lässt, als würden sich aufbrausende X-Wing-Fighter in furiosen Manövern durch die Schluchten einer Raumstation schlängeln. Ein nahtloser Übergang, der eine neue Hoffnung zum Leben erweckt. Es ist wunderschön!

Rogue One: A Star Wars Story © Walt Disney Studios Motion Pictures

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.