The Hunger Games: Mockingjay – Part 2 – Kritik

The Hunger Games: Mockingjay - Part 2 - Kritik

„I’ve been watching you… and you watching me.“ Nicht zum ersten Mal gleitet President Snow (Donald Sutherland) ein Satz mit derartig bedrohlichem Unterton über die Lippen. Bereits im Rahmen seiner ersten Begegnung mit Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) hat er durchblicken lassen, dass ihm nichts im Staate Panem entgeht. Seine Augen und Ohren sind überall – das totalitäre System hat keine Lücken. Trotzdem markiert The Hunger Games: Mockingjay – Part 2 nach drei aufregenden Abenteuern den Punkt, an dem das Kapitol dem Aufbegehren der unteren Distrikte nicht mehr standhalten kann.

Nachdem der Funke der Revolution entfacht wurde, haben sich die Unterdrückten unter der Führung von President Coin (Julianne Moore) zusammengeschlossen, um im Herzen Panems einzumarschieren und den Feind endgültig zu vernichten. Obgleich sich President Snow dabei als willkommenes Feindbild erweist, steht spätestens seit den finalen Minuten des Vorgängers, Mockingjay – Part 1, die Frage im Raum, wer der wirklich Feind in der Welt der Hungerspiele ist. Coins Motive sind nicht weniger fragwürdig als die ihres Widersacher, denn nicht nur er beobachtet, sondern auch sie.

Im Mittelpunkt dieses Konflikts befindet sich nach wie vor Katniss, die traumatisierte Protagonistin der Hungerspiele, die mittlerweile zum strahlenden Symbol einer gigantischen Bewegung geworden ist. Gleichzeitig wurde sie in ihrer Eigenschaft als Mockingjay zu Propagandazwecken instrumentalisiert und missbraucht. Die anfänglich heitere Mediensatire in Form von Caesar Flickermans (Stanley Tucci) TV-Moderationen hat sich endgültig in eine düstere Dystopie verwandelt, deren Abgründe unfassbar sind. Wo in The Hunger Games noch frei nach dem Credo „panem et circenses“ eine Rechtfertigung für das Töten gesucht wurde, stellt sich die unbequeme Frage in Mockingjay – Part 2 gar nicht mehr. Absolution erteilt der Krieg, das moralische Dilemma bleibt den Außenseitern.

Coin hat jeglichen Skrupel unter den Trümmern des letzten Bombardements durch das Kapitol vergraben und ist schlussendlich sogar dazu bereit, Snow mit seinen eigenen Waffen zu schlagen – von ihrer manipulativen Ader ganz zu schweigen. Die Opfer ihres tödlichen Schachspiels interessieren Coin nur, wenn sie sich als nützliches Mittel zum Zweck erweisen. Ansonsten sterben die Menschen einfach, völlig unabhängig, auf welcher Seite sie eigentlich stehen. Das Fußvolk, die Bauern werden ohne mit der Wimper zu zucken auf dem Schlachtfeld geopfert und der Ausnahmezustand legt den wenigen Puppenspielern jegliches dazu benötigte Werkzeug in die Hand.

Selbst das einst so unschuldige (und trotzdem komplexe) Liebesdreieck zwischen Katniss, Peeta (Josh Hutcherson) und Gale (Liam Hemsworth) bleibt von den Entwicklungen nicht unberührt. Während Peeta mit den verheerenden Auswirkungen seiner Gehirnwäsche kämpft und wie fremdgesteuert durch die Ruinen der Welt stolpert, entpuppt sich Gale als kriegswütiger Soldat, der seine Befehle weit weniger hinterfragt als er sollte. Dazwischen befindet sich Katniss, die sich zu Beginn des Films widerstandslos Coins Propaganda verschreibt, bis sie auf eigene Faust losmarschiert, um President Snow persönlich den Garaus zu bereiten.

Hass, Wut und Liebe: Auch ein Rachemotiv, das in seiner Konstruktion nicht ambivalenter sein könnte, fädelt Mockingjay – Part 2 in die Handlung. Dennoch verbindet das Trio eine enge Freundschaft, für die es sich zu kämpfen lohnt, wenngleich sie mittlerweile aus mindestens genauso vielen Gefühlen wie Lügen besteht. Immer wieder fragt Peeta nach der Wahrheit, kann sich aber selbst kaum sicher sein, diese je zu erfahren – sei es, weil sein Gegenüber weiterhin lügt, oder er selbst die Antwort nicht mehr ohne Verzerrung wahrnehmen kann. Schon in den ersten Hungerspielen stand die Vertrauensfrage im Vordergrund. Nun scheint kein Mensch mehr übrig zu sein, dem Katniss vertrauen kann.

Zwischen Freund und Feind zu unterschieden ist nahezu unmöglich. Bestenfalls gesellen sich Teilzeitverbündete in den Kreis der Protagonistin. Plutarch Heavensbee (Philip Seymour Hoffman) gehört zum Beispiel zu ihnen. Eingeführt als Architekt der letzten Hungerspiele offenbarte er sich auf der Zielgerade von Catching Fire als Architekt der Revolution und spielt seitdem Coin in die Karten. Loyal steht er allerdings nur einer Sache gegenüber: Der Idee des Größeren. Obwohl seine Figur in Mockingjay – Part 2 nur noch die Größe einer Randnotiz einnimmt, mindert dieser Umstand keineswegs den Effekt seines Handelns, sondern potenziert selbigen auf ungeheuerliche Weise.

Es sind genau diese kleinen Details, unbeabsichtigt oder nicht, die das Finale von Suzanne Collins Geschichte zur facettenreichen sowie einnehmenden Angelegenheit machen. Klar, viele Motive werden plakativ in den Vordergrund gespielt. Doch bereits in den vorherigen Kapiteln fanden regelmäßig unbehagliche bis nachdenkliche Zwischentöne ihren Weg ins Spektakel, was bei Mockingjay – Part 2 nicht anders ist. In solchen Augenblicken treten James Newton Howards sagenhafte Kompositionen an die Stelle von Worten und geben eine ungeahnte Gefühlswelt frei. Inmitten unerbittlichen Kriegstreibens dominiert plötzlich der emotionale Kern einer Coming-of-Age-Geschichte – unfassbar, überwältigend.

Wie sich schon Harry, Hermine und Ron nach sieben Schuljahren in Hogwarts eingestehen mussten, dass aus ihren Kinderaugen die von Erwachsenen geworden sind, befindet sich Katniss am Ende eines (steinigen) Pfades und wird mit dem unbeschreiblichen Moment der Neuordnung konfrontiert. Ein gewaltiges schwarzes Loch öffnet sich und droht, alles zu verschlingen. Die ganze Welt bricht zusammen und was bleibt, ist das hässlichen Lachen jenes Mannes, der sie von Anfang an beobachtet hat. Doch Katniss hat sich entschieden, welchen Platz sie im Leben einnehmen will und so der blutverschmierten Fratze des Antagonisten ertrinkt in Verzweiflung und Wahnsinn.

Mit Mockingjay – Part 2 findet also nicht nur eine herausragende Young-Adult-Verfilmung ihren krönenden wie erfüllenden Abschluss, sondern beweist einmal mehr, wie unglaublich vielschichtig – und weitläufig unterschätzt – ihre Gattung doch ist. Francis Lawrence bannt erwartungsgemäß ein mitreißendes Feuerwerk auf die große Leinwand, das besonders zwischen den Zeilen zur packenden Angelegenheit avanciert und es schafft, die ruhigen Töne das Laute übertönen zu lassen. Ach ja, und Jennifer Lawrence ist und bleibt umwerfen.

The Hunger Games: Mockingjay – Part 2 © StudioCanal

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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