Transit – Kritik

Transit - Kritik

Christian Petzold interessiert sich sehr für die Identitäten seiner Figuren, was zuletzt sogar so weit geführt hat, dass er diese in seiner Vertigo-Hommage Phoenix komplett miteinander verschwimmen hat lassen. Auch in Transit, seinem jüngsten Werk, das Anfang des Jahres im Wettbewerb der Berlinale seine Premiere feierte und von Anna Seghers’ gleichnamigen Roman inspiriert wurde, stellt sich schnell die Frage nach der Identität und wie sich diese verändern und adaptieren lässt, ohne ihre überzeugende Wahrheit zu vergessen. Wenn der deutsche Flüchtling Georg (Franz Rogowski) gerade noch rechtzeitig das von deutschen Truppen besetzte Paris verlassen kann, um in Marseille den nächsten Akt seiner Flucht zu planen, ist es ein Missverständnis, das ihn zum Schriftsteller Weidel werden lässt, der vom mexikanischen Konsulat ein Visum inklusive Transit ausgestellt bekommt. Der echte Weidel ist längst tot, hat sich umgebracht. Seine Geschichte soll dennoch ein weiteres Kapitel erhalten.

Ohne es zu wissen, profitiert Georg von der Verwechslung, die nach und nach größere Ausmaße annimmt, spätestens wenn die geheimnisvolle Marie (Paula Beer) in den sonnigen Straßen der Hafenstadt trifft, die ihn vorerst immer nur auf die Schulter tippt, ehe sie sich später als Weidels Ehefrau zu erkennen gibt. Auf der Suche nach einem Toten jagt sie einem Geist durch die Straßen, der eben noch von allen gesehen wurde. Kaum hechtet sie aber hinein oder hinaus in die filmischen Räume, steht da nur Georg, der sich selbst nicht sicher ist, was er mit seiner unerwartet erlangten Identität anfangen soll, zumal er aus der Not heraus zunehmend die eigene Vita mit dem Werdegang des Schriftstellers vermischt. Auf einmal sprechen seine Gefühle aus der Identität eines anderen, sodass sich eine völlig neue Person formt, die trotzdem weiterhin erkannt wird, obgleich sie innerlich kaum zerrissener sein könnte. Wohl kaum ein anderer Schauspieler ans Franz Rogowski hätte diese Figur, die sich so schwer fassen lässt, verkörpern können.

Generell spielt Christian Petzold in Transit mit den verschiedenen Facetten von Wahrnehmung. Auf der einen Seite wäre da die Wahrnehmung der Figuren im Film, die von Sirenen in der Ferne und dem Klackern von Schuhen auf dem Kopfsteinpflaster verfolgt werden. Auf der anderen Seite wird aber auch die Wahrnehmung von uns Zuschauern auf die Probe gestellt, da Verwirrung bewusst provoziert wird und die Umgebung meistens die Situation im ungewohnten, dafür aber umso sorgfältiger ausgewählten Bildern verzerrt. Trotz der unangenehmen Endzeitstimmung im Hintergrund, entpuppt sich Marseille als verträumtes Paradies, in dem die Hitze des Sommers spürbar ist, während die Einwohner mit gespaltener Zunge reden. Der Alltagstrott will sich trotz der drohenden Gefahr nicht einstellen und dennoch herrscht an jeder Straßenecke die Unsicherheit ob der zu erwartenden Begegnung, wenn man noch drei unüberlegte Schritte weitergeht. Überall offenbaren sich eine Gelegenheit, eine Chance, eine Möglichkeit – im schlimmsten Fall verirrt man sich aber in diesem ungewissen Übergangsort und findet nie wieder zurück.

Transite, Visa: Wenn die Welt im Begriff ist, auseinander zu brechen, sind es die Papiere, die als letzte Instanz Ordnung im Chaos schaffen und die Menschen in einer gemeinsamen Sprache, einer gemeinsamen Sehnsucht vereinen. Gleichzeitig sind sie es, die schlussendlich aber auch wieder dafür verantwortlich sind, dass die Menschen auseinandergetrieben werden und ein Schatten am Fenster vorbeieilt, der an das Vergangenen erinnert, vor dem Gegenwärtigen flüchtet, aber zu unentschlossen ist, um jemals das zu erreichen, was in der Zukunft liegt. Verloren in den Übergängen, den Identitäten und den Spiegelbildern fasziniert Christian Petzold dabei vor allem die Ungeduld des Menschen, der sich unabhängig seiner Zeit bewegt, stolpert und trotzdem irgendwo ankommt. Ein Gefühl von Sicherheit begleitet in Transit niemanden. Lediglich die Stimme von Matthias Brandt weiß von einer fremden Geborgenheit zu berichten, denn er hat das Ende der Geschichte als stummer Beobachter bereits erlebt und den Überblick über die Identitäten behalten, obwohl ihn das zu einem der Parasiten macht, denen Georg entkommen will.

Transit © Piffl Medien GmbH

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.