Uncut Gems – Kritik

Uncut Gems

Schnell reden die Menschen in Uncut Gems. Schnell, viel und laut – ja, es wird geradezu ununterbrochen geschrien. Wild durcheinander, ohne Punkt und Komma. Jeder will das letzte Wort haben, nichts kann zügig genug gehen und trotzdem merkt keiner, dass sich die tosenden Egos nur selbst im Weg stehen, allen voran Howard Ratner (Adam Sandler), der sich von einem Deal in den nächsten rettet. Pausenlos feilscht er um horrende Summen, die meist nur in Worten existieren, was ihm früher oder später zum Verhängnis wird. Ein ewiges Zeitspiel, doch dieses Mal scheint er den großen Coup endlich in der Tasche zu haben: Mit einem Opal aus Äthiopien will Howard mindestens eine Million Dollar erwirtschaften. Kaum hält er den ungeschliffenen Diamanten in Händen, stolpert er jedoch durch ein raues New York, das nur darauf wartet, ihn zu verschlingen.

Spätestens an diesem Punkt sind Josh und Benny Safdie ganz in ihrem Element angelegt. Ihre Großstadtbeobachtungen gehören fraglos zu einem der spannendsten Facetten ihres Schaffens. Nachdem sie zuletzt Robert Pattinson in New Yorks finstere Ecken schickten, verfolgen sie nun einem herausragend aufspielenden Adam Sandler, der sich als Diamantenhändler durch das Diamantenviertel der Metropole hangelt. An jeder Ecke wartet hier entweder ein potentieller Kunde oder die große Versuchung. Howard ist machtlos dem Glücksspiel verfallen und hofft, mit waghalsigen Wetten dem sich anhäufenden Schuldenberg entgegenzuwirken. Am Ende des Tages steht er den Gläubigern und Geldeintreibern allerdings mit leeren Taschen und der nächsten Ausrede gegenüber, ohne jemals aus seinen Fehlern zu lernen: ein verheerender Teufelskreis.

Als Protagonist lässt Howard jegliche Sympathien vermissen, erst recht, wenn Uncut Gems den Blick auf seine Familie erweitert. Mit brüllendem Tonfall bahnt sich Adam Sandler seinen Weg durch den Film und spielt dabei so entfesselt wie schon lange nicht mehr. Sein Howard verliert bereits bei den kleinsten Anzeichen von Stress die Beherrschung und befindet sich damit in bester Gesellschaft. Nahezu alle Figuren in Uncut Gems wandeln auf dem Grat der Unerträglichkeit, befeuert von ihrer Gier und dem Unvermögen, aus dem strengen System ohne Pausen auszubrechen. Wer sich einmal in den engen, stickigen Bürogebäuden auf der Suche nach einem 100-karätigen Furby verloren hat, findet nie wieder aus dem klaustrophobischen Labyrinth heraus. Alle werden sie bei der Jagd nach noch mehr Geld untergehen, gefangen im kalten Neonlicht, das selbst den größten Luxus in etwas abartig Hässliches verwandelt.

Und dann beginnt der Wettlauf gegen die Zeit. Josh und Benny Safdie inszenieren Uncut Gems als pulsierendes Ungetüm, getrieben von Daniel Lopatins nervenaufreibenden Kompositionen, die nicht nur zur Rastlosigkeit des Films beitragen, sondern ebenfalls von einem bedrohlichen Schatten künden. Schon in Good Time ging von New Yorks grauen Flächen ein unheimliches, beklemmendes, regelrecht lähmendes Gefühl aus. Nun lassen die Safide-Brüder diesen Schatten auf ein bläuliches Flimmer treffen, während Adam Sandler mit schwarzer Lederjacke und gelben Hemd als unbändiger Wüterich die vibrierende Szenerie aufmischt. Uncut Gems ist dermaßen stilsicher, ohne die Rohheit und Unmittelbarkeit zu vergessen, die das Schaffen der Safdies bisher ausgezeichnet hat. Selbst die Zusammenarbeit mit einem Hollywood-Star wie Sandler kann ihren Eigensinn nicht brechen.

Im Gegenteil: Uncut Gems erweist ich als kreative Spielwiese, nicht nur für Josh und Benny Safdie, die sich einmal mehr nach Herzenslust in einem ganz speziellen Teil von New York austoben können, sondern auch für Adam Sandler, aus dem ein mitunter furchteinflößendes Monster ausbricht, das nicht weiter von den Persönlichkeiten seiner gemütlichen Netflix-Komödien entfernt sein könnte. Uncut Gems ist purer Stress – ein Film, der niemals zur Ruhe kommt und sich schließlich in einem unfassbaren Crescendo entlädt, das einen weit über den Abspann hinaus zittern lässt. Ein Sturz in urbane Abgründe, in denen nichts außer ein treibender Puls existiert, der direkt ins Verderben führt. Niederschmetternd ist diese Kompromisslosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Gleichzeitig gab es in der jüngeren Vergangenheit nur wenige Filme, die so atemlos und elektrisierend wie diese Jagd nach dem schwarzen Diamant.

Uncut Gems © Netflix