Trotz großer Namen wie Christian Petzold und Fatih Akin war Mascha Schilinski die einzige deutsche Filmemacherin, die dieses Jahr im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes um den Goldenen Löwen konkurrierte. Acht Jahre nach ihrem Debüt, Die Tochter, markiert In die Sonne schauen ihren zweiten Spielfilm. Der geht nun für Deutschland ins Oscar-Rennen und taucht durch die Perspektive von verschiedenen Frauen in 100 Jahre Geschichte ein.
Am liebsten würden sie verschwinden. Verschwinden in diesem Rauschen, das sich jenseits aller greifbaren Elemente aufbaut, immer lauter wird, stärker und unheimlicher. Ein Rauschen, das jedes unterdrückte Gefühl, jedes innerliche Beben in ein unüberhörbares Dröhnen verwandelt, sich in die Köpfe hineinfrisst und nicht mehr verschwindet. Über Generationen hinweg hallt es nach, schwillt an und schwillt ab. Und trotzdem reagiert niemand, geht darauf ein.
Kein Entkommen aus der Strenge, aus den ständig zum Boden gerichteten Blicken, dem Schweigen und der Dunkelheit. Selbst wenn das goldene Licht der Sonne durch ein Fenster in die trostlosen Räume fällt, erzählen die Gesichter von zermürbender Ohnmacht. Aus neugierigen, geradezu unschuldigen Blicken durch den winzigen Spalt eines Schlüssellochs werden Fragmente der Angst, die sich in verschwommene Erinnerungen von Geistern verwandeln.
Bereits beim Aufnehmen der Familienfotos ist das Leben aus ihren Augen gewichen. Unmöglich zu bestimmen, wer noch atmet und wer schon erstickt ist in dieser beklemmenden Welt. Die einzige Flucht geht in die Unschärfe. Wieder und wieder taucht Mascha Schilinski in diese undefinierbaren Zwischenräume des Vierseithofs in der Altmark ein, um das zu schildern, worüber sich niemand zu reden traut. Hier vernetzt sie den stillen Schmerz über ein Jahrhundert hinweg.
Und manchmal ist da dennoch ein geheimnisvolles Knacken auf der Tonspur, das sich dem Rauschen entgegenstellt und sogar die Unschärfe in Schach hält. Als wären wir am Ende einer alten Schallplatte angelangt, deren Musik sich in einem behutsamen, nostalgisch aufgeladenen Rascheln verliert. Fast beruhigend, dieser zerbrechliche Ton, doch die Wahrheit ist, dass er niemals in Geborgenheit mündet. Das knisternde Grauen des Existierens.
In die Sonne schauen ist ein aufwühlendes Mosaik, das sich aus den Bilderfetzen zusammensetzt, die im Familienalbum fehlen. Aus den Löchern, die mit einer Kerze ins Papier gebrannt wurden. Und den vagen Schatten und Silhohetten, die diesem langsam entschwinden. Ein schleichender Horrorfilm im Heuboden, oft illuminiert von einem trügerisch traumhaften Licht. Doch jede Diele knarzt verräterisch und führt nur zu einem Abgrund verschlingender Finsternis.
Nicht selten fühlt sich der Film so an, als hätte Schilinski die glühende Albtraumversion der Heimat-Chroniken gedreht, die Edgar Reitz in den vergangenen Dekaden ins Kino und Fernsehen gebracht hat. Wieder ist da ein ganz bestimmter Ort, ein ganz bestimmtes Gespür für Sprache – eine Vergangenheit, die durch viele feine Beobachtungen lebendig wird. In die Sonne schauen stürzt jedoch tief in eine verdorbene Seele voller stummer Gewalt und Unterdrückung.
Beitragsbild: In die Sonne schauen © Neue Visionen