Was ist wahrhaftiger? Die Wellen, die an den schwarzen Felsen von Teneriffa zerschellen, oder die Sprünge durch einen virtuellen Würfelkosmos, in dem alles eng aufeinandersitzt und sich trotzdem nichts wirklich berührt? Der Sonnenuntergang, der den Himmel in ein glühendes Licht taucht, oder die verpixelten Aufnahmen von Erinnerungen, die verschwommen aus dem digitalen Unterbewusstsein ihren Weg in die echte Welt finden? Eine Welt, die von Einstellung zu Einstellung unwirklicher und befremdlicher wirkt, losgelöst von allem, was sich greifen lässt – ein freier Fall ins Nirgendwo.
Immer wieder wandert in Everytime der Blick in endlose Stockwerke von Plattenbauten, streng getrennt durch gerade Linien. Aufgeteilt in Balkonschachteln, die genauso klaustrophobisch wie das kubistische Videospiel wirken. Ein Labyrinth aus unheimlichen Oberflächen, eingenommen von einem goldenen Leuchten, als würde genau hier, in diesem Moment, etwas Magisches passieren. Etwas, das den Figuren selbst im freien Fall Halt gibt. Sie klammern sich an Controller und Smartphones. Die brummende Drohne bekommen sie nicht zu greifen. Sie lockt nur tiefer in ein geheimnisvolles Bildrauschen.
Mehr noch als in The Trouble with Being Born fängt Sandra Wollner in ihrem neuen Film eine existenzielle Angst ein, die sich irgendwo zwischen dem Hitzeflimmern auf dem Tempelhofer Feld und drei in einem Chatverlauf aufblitzenden Punkten wiederfindet. Das Tippen aus dem Jenseits lässt den Atem stocken, doch die Antwort verschwindet in Kratzern und Narben, wenn die Realität aufspringt und Sehnsucht mit Gleichgültigkeit verschmilzt. Plötzlich strahlt die Sonne als kryptisches Quadrat und will nicht mehr untergehen – geglitcht, eingefroren. Gepresst von einer Eiswürfelmaschine.
Das System wird rebootet, das Leben neu geladen. Menschen verschwinden und kehren zurück. Dennoch fehlt der alte Spielstand. Gregory Okes Kamera sucht die Umgebung aufmerksam nach Logdateien ab. Sie folgt Figuren mit ruhigen, eleganten Bewegungen durch S-Bahn-Stationen und ganze Wohnblöcke. Ein Beobachten, das trotz größter Distanz eine Intimität erzeugt, die sich viel zu intensiv anfühlt, als dass man sie aushalten könnte – besonders dann, wenn die elektronischen Impulse dem unmittelbaren Gefühl niemals endender Sommerferien weichen. Unbeschwert. Quälend.
Wie kann ein Film so kühl und warm zugleich sein? So aufwühlend und tröstend? Wollner denkt über Verlust, Schmerz und Trauer nach, indem sie die beunruhigenden Textnachrichten aus Personal Shopper mit kriseligen Homevideo-Aufnahmen, wie sie Okes bereits bei Aftersun eingefangen hat, zu einem grausam-verträumten Geistermärchen zusammenführt. Und dann beginnt sie, diese Bilder zu hinterfragen, sodass sich der Film vor unseren Augen wieder und wieder aufbaut, bis er eine Sprache für das Verborgene, das Wahrhaftige findet, wie sie vermutlich noch nie im Kino zu vernehmen war.
Everytime © Eksystent Filmverleih

