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The Moment – Kritik

Als Charli xcx vor zwei Jahren beim Primavera Sound auf die Bühne trat, befand sich das Festival bereits in seinen letzten Atemzügen. Um drei Uhr nachts spielte die britische Singer-Songwriterin abseits der Mainstage ein energiegeladenes Set und enthüllte das neongrüne Banner mit jenem Wort, das kurz darauf mit dem Release ihres gleichnamigen Albums die gesamte Welt erobern sollte: Brat. Ein Jahr später war sie zurück – und zwar als Headlinerin.

An diesem Punkt hatte sich Brat längst als popkulturelles Phänomen in den Geschichtsbüchern verewigt, auch wenn niemand sagen konnte, was sich dahinter genau verbarg. Entweder man hat es verstanden – oder eben nicht. Doch wie hält man etwas dermaßen Genuines am Leben, das sich weder beziffern noch kategorisieren lässt? Diese rastlose Unsicherheit fungiert als Motor der Mockumentary The Moment, ein im Strobolicht flackernder Albtraum.

Aufreibend, chaotisch und brutal: Aidan Zamiri, der mit Charli xcx zuvor bei den Musikvideos zu 360 und Guess zusammengearbeitet hat, liefert mit The Moment nicht nur sein Regiedebüt ab, sondern einen Stresstest. Schonungslos folgt er mit verwackelter Kamera einer Blase aus unerträglichen Menschen, die sich pausenlos gegenseitig ins Wort fallen, um die Hoheit bei der Umsetzung eines Konzertfilms zu erlangen, der den Brat Summer verlängern soll.

Unzählige Eindrücke prasseln auf Film-Charli ein, die in einem niemals endenden Gewitter aus Ansagen und Absagen herumirrt, sodass The Moment zu einem persönlichen filmischen Hadern mutiert – gefüllt mit Liebe und Verachtung für die eigene Schöpfung. Und dann ist da dieses unbehagliche Wissen, etwas Besonderes geschaffen zu haben, das so genial ist, dass man sich selbst nicht sicher ist, wie es entstanden ist und ob man es wiederholen kann.

Gefangen zwischen Möglichkeiten und Ausschlachtung, zwischen Autorenschaft und Erwartungen: Der plötzliche Mega-Stardom öffnet in The Moment das Tor in eine faszinierende Zwischenwelt, in der nervige Notifications mit pulsierenden Electrobeats verschmelzen, das grelle Licht der Scheinwerfer direkt in laut knackende Bildglitches übergeht und sich ein digital rauschender Film aus Fehlern, Abstürzen und Störungen formt – kratzig, pixelig und verzerrt.

The Moment kanalisiert zwei Jahre Diskurs und Bewegung und liefert dabei die Bizarro-Antwort auf Taylor Swifts sorgfältig kuratierte Stadiontour The Eras Tour, die tatsächlich mit zwei Konzertfilmen und einer sechsteiligen Behind-the-Scenes-Doku ein zweites Leben in Kino und Streaming gefunden hat. Brat auf der Leinwand soll jedoch kein nostalgisches Schwelgen in Erinnerungen sein, sondern ein raues, entfesseltes Ungetüm. Absolut unapologetisch.

Zamiris Inszenierung bringt dieses Gefühl mit stechender Präzision herüber und saugt uns in einen Strudel aus Black Swan, All That Jazz und This Is Spinal Tap. Dennoch würde man sich manchmal wünschen, dass The Moment noch eigenwilliger und idiosynkratischer wäre. Einfach ein purer Stream of whatever Brat is – besonders dann, wenn der Film mit David Lynchs surrealem Grauen und den Körperzersetzungen von David Cronenberg liebäugelt.

Trotz der krawalligen Attitüde bleibt The Moment in seinen Grundzügen überraschend konventionell. Umso treffsicher sind die introspektiven Augenblicke, in denen Charli xcx zitternd ins Tosen des Brat-Sturms blickt und mehr Verletzlichkeit als kühle Berechnung offenbart. Die Angst, die letzte Person auf der Party zu sein, entfaltet sich wie ein lähmender Schmerz, der sich auf Augenhöhe mit der Melancholie von I might say something stupid bewegt.

Ausgerechnet der tonale Ausreißer des Albums wird zum Seelenverwandten des Films, sodass The Moment schlussendlich von dem einen Gefühl erzählt, das vermutlich niemand mit dem Brat Summer assoziiert: Einsamkeit. Ein unerwarteter, herzzereißender Gedanke als Nachtrag zur Hyperpop-Ekstase. Der finale Needle Drop könnte sich kaum besser zwischen die kratzigen Bilder von Sean Price Williams schleichen. It’s a bittersweet symphony.

Beitragsbild: The Moment © Universal