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The Odyssey – Kritik

Eine der größten Heldengeschichten als endzeitlicher Albtraum: Immer wieder führt uns Christopher Nolan im Zuge seiner Odyssey in den stickigen Bauch des trojanischen Pferdes, wo Männer dicht an dicht gequetscht ausharren. Sie stehen nebeneinander, aufeinander. Knien, klammern, zittern. Schweiß im Gesicht, kaum Luft zu atmen – erst recht, wenn die Flut den Strand erreicht und sich das Innere des vermeintlichen Opfer- und Friedensgeschenks in eine Todesfalle verwandelt. Später bohren sich Lanzen und Schwerter durch die Hülle, um sicherzustellen, dass nichts Böses darin lauert.

Erst beim dritten Mal der kreisenden Erzählung rückt Odysseus mit der Wahrheit heraus und verrät, was in jener Nacht passiert ist, als sein brillanter Plan Früchte trug. Als zehn Jahre angestauter Hass eine schlafende Stadt überrollte und Fackeln die Dunkelheit der Straßen in brennendes Höllenmeer stürzten. Mehrmals haben wir die Sage an diesem Punkt gehört, vorgetragen von Barden und Veteranen, stets mit eigenen Schwerpunkten und Ausschmückungen. Odysseus‘ Version ist jedoch keine Heldengeschichte, sondern eine Beichte, die er mit bebender Stimme vor dem Sprechgitter ablegt.

Selbst nach zwei Dekaden spürt er dieses Grauen, obwohl er sich eine halbe Ewigkeit an einem Ort jenseits der Karten befand. Befreit von jeglicher Erinnerung, eingesperrt in ein Gefängnis des Vergessens: Das ungeheuerliche Beben in seinen Gliedern, gezeichnet von der Zeit, kann er nicht verdrängen. Sein Körper weiß um den Schmerz, den er angerichtet hat. Ein Beben aus Trommeln, Schreien und Klingen, die erbarmungslos aufeinandertreffen. Köpfe rollen – von Menschen, Statuen und Göttern. Zeus‘ Gesetz weicht einem rastlosen Plündern, während die Erschöpfung den Geist betäubt.

Plötzlich reißt ein pechschwarzer Abgrund auf, als Odysseus ins Angesicht von Agamemnon blickt und in einem dunklen Ozean des Verderbens versinkt. Verschwunden ist das warme Licht der untergehenden Sonne am Horizont. The Odyssey entfaltet sich als kalter Kriegsfilm, der von den tosenden Fluten des Meeres berichtet, von unfreundlichem Gestein einer fremden Insel und knarzenden Schiffen, die wie die zersplitterte Seele des Protagonisten in Einzelteilen an Land gespült werden. Hier warten rauschende Echos des Blutvergießens. Ein Dröhnen in Ungewissheit.

Im Bauch des Pferdes war Odysseus von seinen Männern umgeben. Jetzt verfolgt ihn nur noch die unheimliche Ahnung, wozu sie fähig sind. Er hat ihre Gesichter gesehen – angsterfüllt, blutverschmiert. Hungernd, durstig. Bis zur Unkenntlichkeit verformt. Trotz aller Irrwege und Fehlentscheidungen hat er den Impuls der Loyalität nicht vergessen. Die Sehnsucht nach Heimat und Liebe. Der Thronsaal auf Ithaka erweist sich allerdings als weiterer glühender Kerker auf seiner Überfahrt ins Jenseits, als wäre er der Enge seiner eigenen Schöpfung nie entkommen. Die Zerstörung der Welten geht weiter.

Mit The Odyssey schließt Nolan nahtlos an Oppenheimer und die Weltuntergänge an, die er seit Interstellar auf die Leinwand bannt. Aus einem Dystopie-Regisseur, der von Verfolgung, Überwachung und Kontrolle erzählt, wurde ein Apokalypsen-Regisseur, der sich dieses Mal im Grollen der Naturgewalten verliert und an kolossalen Monstern vorbeizieht, vor allem aber gebannt ins Angesicht der Ungeheuer in Menschenform blickt. Sie hinterlassen eine Schneise der Zerstörung und waten schließlich durch ein karges Niemandsland, in dem sie von ihren gefallenen Gefährten verfolgt werden.

Der Drang, nach Hause zurückzukehren und endlich wieder – nach all dem Leid, Tod und Verderben – eine Normalität zu finden, lässt die Männer zu noch rücksichtsloseren Kriegern werden. Nolan schildert ihre lange Heimreise fernab der verblüffenden Eleganz, mit der er sogar durch einen abstrakten Sci-Fi-Thriller wie Tenet führt – einer Eleganz aus singender Poesie und messerscharfer Präzision. Stattdessen stolpern die Figuren durch ein gebrochenes, harsches Versmaß. Jeder Rückschlag verzehrt ein Stück von dem, was sie menschlich macht, ehe sie komplett verschwinden. Spurlos.

Nolan rudert in den zerstörerischen Wogen eines Monumentalfilms, den er gleichzeitig zu dekonstruieren und neu aufzubauen versucht. Ohne die leuchtenden, satten Farben der Technicolor-Epen aus den 1950er Jahren stürzt er sich in die Finsternis eines zermürbenden Films, der wenig Grund zur Hoffnung gibt und uns trotzdem immer weiter in die Konflikte der Figuren hineinzieht, weil abseits der überwältigenden Verzweiflung ein Funken aufrichtigen Verlangens nach Wiedergutmachung glimmt. Bis die Reue auf brutalste Weise am Kliff verschwimmender Zeitebenen zerschellt.

The Odyssey ist ein zutiefst trauriger Film, der sich seinen stärksten Moment bis kurz vor Schluss aufhebt, um ein emotionales Inferno zu entfesseln, das alles Vorherige infrage stellt – auch die Erwartung an das Spektakel eines solchen Blockbusters. Schonungslos führt der Blick in das verborgene, tiefste Innerste eines Epos, das sich plötzlich klein, intim und zerbrechlich anfühlt, obwohl zuvor alle Elemente in Bewegung gesetzt wurden, um ein überlebensgroßes Bild nach dem anderen zu beschwören. Wasserströme so weit das Auge reicht, doch am Ende ist es nur eine Träne, die über Athenes Wange rollt.

Beitragsbild: The Odyssey © Universal Pictures