A Hidden Life – Kritik

A Hidden Life

Majestätisch ragen die Berge in den Himmel und verankern die Welt im Lauf der Zeit. Eine gewisse Unendlichkeit geht von ihnen aus, so unerschütterlich wie erhaben prägen sie die Landschaft. Ein mächtiger Anblick, der den Mensch klein und unbedeutend wirken lässt. Trotzdem interessiert sich Terrence Malick in seinem neuen Film ausschließlich für das Individuum in einer riesigen Welt, die sich im Umbruch befindet und droht, vom Bösen verschlungen zu werden. A Hidden Life erzählt die Geschichte von Franz Jägerstätter, der aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigerte und dafür 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde.

Damit taucht Terrence Malick an einem sehr konkreten Punkt in der Vergangenheit ein, nachdem es zuletzt assoziative Bilderströme waren, die sein Schaffen bestimmt haben. A Hidden Life markiert seinen geradlinigsten Film seit The New World, der sich ebenfalls einem historischen Stoff mit nachdenklichen Aufnahmen von Natur und Menschen annäherte. Nun rückt Terrence Malick den österreichischen Widerstandskämpfer in den Vordergrund, dessen Geschichte  erstmals von dem US-amerikanischen Soziologen Gordon C. Zahn in der Biografie Er folgte seinem Gewissen. Das einsame Zeugnis des Franz Jägerstätters ausführlich festgehalten wurde.

Franz Jägerstätter avanciert zur greifbarsten Malick-Figur seit langer Zeit, waren die letzten Protagonisten seiner Filme für gewöhnlich Chiffren, die einzelne Ideen und Gefühle transportierten, jedoch mitunter in den verblüffenden Montagen verschwunden sind. Sie gleichen Körpern, die durch eine Welt im Licht der aufgehenden Sonne schweben, sich vorsichtig berühren, jedoch nie zu fassen kriegen. Zerbrechliche Spiegelbilder und intime Schatten – Franz Jägerstätter bringt da etwas deutlich Konkreteres, wenn auch nicht weniger Komplexes mit. Die geschichtlichen Hintergründe lassen seine Motivation erahnen, noch eindrücklicher gestaltet sich aber sein Schweigen.

Mit überwältigender Besonnenheit spielt August Diehl den widerständigen Bergbauern, der sich immer wieder an einem steilen Abhang wiederfindet. Mitunter wirkt es so, als hätten sich selbst die mächtigen Berge im Angesicht der aufsteigenden Übermacht und dem giftigen Gedankengut, das sie in den Köpfen der Menschen verbreitet, aus ihrer Verankerung gelöst. Das idyllische St. Radegund, in dem Franz Jägerstätter mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt, könnte nicht weiter abgelegen von den Schrecken des Krieges sein und trotzdem sind die Auswirkungen in jedem unfreundlichen, misstrauischen und schlussendlich verängstigenden Blick zu spüren.

Während die Stimmen aus dem Off einen unmittelbaren Einblick in die Gedankenwelt der Figuren gewährt, sind es vor allem die atemberaubenden Bildkompositionen, die zum Ausdruck ihrer Gefühle werden. Andächtig beobachtet die Kamera die Felder, Bäume und Gräser, während das Licht selbst bis in das dunkelste Verließ fällt und Franz Jägerstätter Hoffnung spendet. Unbeirrt leistet er selbst dann Widerstand, wenn er vom kalten Stein umzingelt und alle Menschlichkeit vergessen ist. Mehr als eine Unterschrift wäre nicht vom Nöten, um ihm die Freiheit zu schenken, doch mit der Tinte auf dem Papier würde er seinen gesamten Glauben verraten.

Einen Glauben, den weder Terrence Malick noch sein Protagonist ausformuliert. Die Überzeugung sitzt tief in Franz Jägerstätter, so tief sogar, dass die aus ihr entstehende Stille ein ganzes Regime bedroht, das verzweifelt versucht, den Wert des Einzelnen zu eliminieren. Was kann ein einziger Mensch ausrichten, wenn sich das gesamte System gegen ihn verbündet hat? Wenn sein Leiden nie die Öffentlichkeit erreichen wird und sein Opfer vergessen ist, bevor es überhaupt geschehen ist? A Hidden Life entfaltet diesen kräftezehrenden Konflikt in drei Stunden voller Niederlagen, die genug Anlass bieten, um an Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu zerbrechen.

Aufgefangen wird die Grausamkeit aber von der Musik, die sich niemals verbannen lässt, auch nicht dann, wenn Franz Jägerstätter an seiner eigenen Einsamkeit zerbrechen soll. James Newton Howards Kompositionen finden in seiner Einsamkeit eine versteckte Schönheit und Geborgenheit. Wie üblich bei Terrence Malick vereinen sie sich außerdem mit einem reichen Schatz an bestehenden Werken (besonders stark: Auszüge aus der 3. Sinfonie von Górecki). Wieder soll er sein Unterschrift gegen die Freiheit eintauschen, doch Franz Jägerstätter er ist längst frei, wie die Musik erzählt – freier als jeder andere Mensch, der ihn für seinen Widerstand in die Dunkelheit verbannt.

Mit A Hidden Life schafft Terrence Malick ein zutiefst bewegenden Zeugnis für Menschlichkeit, das nicht nur ein verborgenes Leben auf die große Leinwand bringt, sondern durch seine universelle Sprache und zeitlose Geschichte begeistert. Vermutlich hätte niemand diese Geschichte besser erzählen können als Terrence Malick mit seinem außergewöhnliche Gespür für Bilder und Musik, für Natur und Menschen. Alles fließt zusammen, die ganze Welt, in einem poetischen Strudel, der auch A Hidden Life in eine jener transzendenten Erfahrungen verwandelt, wie sie Malicks Schaffen auszeichnen. Ein wahrlich meisterhafter Film, in dem die Form endgültig mit dem Inhalt verschmilzt. 

A Hidden Life © Pandora Filmverleih