Avengers: Age of Ultron – Kritik

Avengers: Age of Ultron - Kritik

Da geht sie schon wieder unter, die Welt. Superhelden vereint euch! Avengers assemble! Zum zweiten Mal kollidieren die Egos der Übermenschen im Rahmen eines Klassentreffens, zum zweiten Mal geht eine Phase des Marvel Cinematic Universe mit einem exzellenten Schlussakt zu Ende, Nachzügler wie Ant-Man außen vor gelassen. Joss Whedon, der bereits im Sommer 2012 die Avengers vereinte, zeichnet auch drei Jahre später die zweite Rächer-Zusammenkunft als Regisseur verantwortlich, wenngleich Avengers: Age of Ultron sein (vorerst) letzter Ausflug ins genannte Franchise ist. Joss Whedon ist müde und braucht eine Auszeit – dabei scheint das Publikum selbst nach einer unterdessen zweistelligen Anzahl an Kinofilmen immer noch nicht genug zu haben. Nicht einmal ergänzende One-Shots sowie die Expansion in Serie kann der Nachfrage Einhalt gebieten und so legte Marvel/Disney  vor ein paar Monaten gleichermaßen stolz wie selbstbewusst einen Roadmap vor, die bis 2019 Comic-Blockbuster en masse verkündet.

Die daraus resultierende Krise erklärt sich von selbst, droht das MCU mit jedem weiteren Eintrag zu platzen. Diese Gefahr ist natürlich besonders groß, wenn Joss Whedon ein letztes Mal die (alle) Register ziehen darf. Entgegengesetzt der fulminanten Marketingmaschinerie versteckt sich in Avengers: Age of Ultron dann doch kein Kalkül überbordender Überwältigung, sondern ein – in dieser Liga geradezu intimes – Weichenstellen, als würde die Gemeinschaft des Rings erneut zerbrechen und die Gefährten ihre eigenen Wege gehen. Schon nach wenigen Minuten ist klar: Als einfaches Sequel funktioniert Avengers: Age of Ultron auf keinen Fall. Zu groß ist mittlerweile die Welt, in der das Superhelden-Stelldichein angesiedelt ist, zu umfangreich ist das Netz an losen Fäden, die nun alle logisch miteinander verknüpft werden wollen. Insofern fällt Joss Whedon eine denkbar knifflige Aufgabe in den Schoß, nämlich das Zusammenführen von weit mehr als sechs Superhelde, wie es noch in The Avengers der Fall war. Infolgedessen wandelt das Sequel stets auf einem schmalen Grat zwischen zweckdienlichem Bindeglied und eigenständigem Abenteuer – und das mit Bravour.

Preis und Reiz des „shared Universe“: Mit jeder Minute wächst hier etwas zusammen, mutiert zu einer beeindruckenden Bestie. Anstelle dem Ungeheuer großspurig den Schlund zu füllen, übt sich Joss Whedon mit Bedacht. Obwohl das Opening weder in auffällige Plansequenzen, noch an einem Hero Shot nach dem anderen geizt, gliedert sich neben dem Tosen auch eine unheimliche Stille ins Gesamtkunstwerk ein. Schon alleine die Entstehung des titelgebenden Antagonisten entpuppt sich als kleiner Geniestreich im sonst eher öden Reigen der MCU-Unruhestifter. Ultron (eigenwillig: James Spader), seines Zeichens eine von Tony Stark (cool: Robert Downey Jr.) erschaffene K.I., definiert sich zuerst nur durch seine Stimme. Noch bevor der Bösewicht konkrete Form annimmt, teilt er die Ekenntnis seiner selbst mit Jarvis (sympathisch: Paul Bettany), jenem Charakter, der bereits seit Iron Man zum besten Bestandteil des Franchises gehört und trotzdem noch nie zu sehen war. Und genau in diesem Moment schlägt sie zu, die unheimliche Stille, denn Ultron ist in den ersten Sekunden seiner Existenz auch nur ein verunsichertes Kind, das allerdings mit unfassbarer Geschwindigkeit sämtliche Informationen absorbiert und schließlich seine eigenen Schlüsse zieh: Die Avengers sind das eigentliche Problem dieser Welt.

Kurz darauf präsentiert sich Ultron seinem eigenen Schöpfer. Gänsehaut. Wo eben noch unbeschwerte Partystimmung herrschte, tut sich plötzlich ein düsterer Abgrund auf, sich gleich auf mehrere Ebenen ausdehnend. Die Gefahr droht nicht mehr von außen – sei es durch die Verlogenheit einer Institution wie S.H.I.E.L.D. oder den Einfall einer kriegerische Alienrasse wie den Chinauri. Nein, die Avengers selbst entpuppen sich als tickende Zeitbombe, provoziert durch jemanden, der sich als Erlöser versteht. Missverständnis. Bevor der Konflikt in eine theoretische Versuchsanordnung umkippt, bleibt der Film konzentriert auf dem Boden der Tatsachen, obgleich sich regelmäßig die Versuchung offenbart, Avengers: Age of Ultron in eine Universalmetapher zu verwandeln. Joss Whedon versteht seine überlebensgroßen Figuren aber wie kein zweiter und lässt sie dermaßen ausgeglichen miteinander interagieren, dass von ihrer vermeintlichen Unantastbarkeit letztendlich nur noch ihre physische Unverletzbarkeit übrig bleibt. Denn abseits von Heldentaten versteckt sich in Black Window (mega: Scarlett Johansson) ein vergleichbares Monster, wie es der Hulk für Bruce Banner (super: Mark Ruffalo) darstellt.

Spätestens wenn Mutantin Scarlet Witch (ordentlich: Elizabeth Olsen) von ihren Fähigkeiten Gebrauch und Tony Stark in die (oder besser formuliert: eine mögliche) Zukunft katapultiert, spielt Avengers: Age of Ultron mit dem Schatten seiner Figuren. Captain America (sicher: Chris Evans), Thor (routiniert: Chris Hemsworth) und Co. liegen tot auf einer Anhöhe – wie tapferer Kämpfer, die in einer martialischen Schlacht ihr Leben gelassen haben. Um sie herum verschlingt die Dunkelheit des Universums jegliches Gefühl von Raum und Zeit; ein unendlicher Augenblick. Lediglich am Horizont erblickt Tony Stark, nachdem er mit Schrecken die leblosen Körper seine Freunde entdeckt hat, ein Portal Richtung Erde. Friedlich liegt es in nahezu unerreichbarer Distanz, gleichwohl die Chinauri ihre Invasion aus The Avengers unaufhaltsam fortsetzen. Die Welt ist dem Untergang geweiht. Und dem Eisenmann bleibt nichts anderes übrig, als tatenlos zuzusehen, da er am Ende selbst Verursacher des vonstattengehenden Weltuntergangs ist. Eiskalt läuft es Tony Stark den Rücken hinunter und Joss Whedon arrangiert eindrucksvoll den wohl bängstigenden Teil seines monströsen Superhelden-Gemäldes.

Immer wieder taucht dieses Motiv der Selbstzweifel in Avengers: Age of Ultron auf, gerade im direkten Kontrast zum Antagonisten. Wenngleich die Maschine in ihren ersten Minuten vergleichbare Unsicherheit versprüht, entwickelt sie in Windeseile ein Selbstbewusstsein respektive eine Selbstverständlichkeit, die sogar der Coolness des sonst so wortgewandten Tony Starks oder der gottgleichen Erscheinung von Thor in die Beine zwingt. Die Unsicherheit spaltet die Gruppe, eben weil nicht mehr deutlich erkennbar ist, wer auf welcher Seite steht. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen und selten war die Grundstimmung im MCU eine bedrohlichere. Gerade in diesem Momenten findet Joss Whedon unglaublich starke Bilder für die (Dialog-)Schlachten seines feinen Drehbuchs, das sehr wohl zwischen überwältigendem Bombast und einfühlsamer Heldenodyssee unterscheiden und balancieren kann. In eine Tristesse, wie sie gegenwärtig bei DC der Fall ist, verwandelt sich Avengers: Age of Ultron trotzdem nie. Denn ein gewisser Teil dieses Superhelden-Aufeinandertreffen wird immer ein lebendiger, magischer sowie verträumter bleiben, vorgetragen mit der grenzenlosen Fantasie keines Kindes. Und das ist auch gut so.

Avengers: Age of Ultron © Walt Disney Studios Motion Pictures

Matthias

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Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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