Beauty and the Beast – Kritik

Beauty and the Beast - Kritik

Wir leben in einer Zeit, in der sich die Nostalgie neben Superhelden als profitabelstes Gut des Kino etabliert hat. Da ist es kein Wunder, dass die Verwaltung des eigenen Erbes momentan bei Disney oberste Priorität genießt. Nachdem Tim Burtons Adaption von Alice in Wonderland als überaus erfolgreicher Testballon startete, bringt das US-amerikanische Filmstudio seit Angelina Jolies Maleficent-Inkarnation im Jahr 2014 in regelmäßigen Abständen ein weiteres Werk aus dem sogenannten Meisterwerke-Kanon in Form eines aufwendigen Live-Action-Abenteuers auf die große Leinwand. Als würde sich in Teil der Filmgeschichte noch einmal wiederholen, passt Disney nach und nach das eigene Vermächtnis den modernen Sehgewohnheiten an und entstaubt die Jahrzehnte alten Animationen mittels bahnbrechender Spezialeffekte, sodass wir mittlerweile auch schon die Updates von Cinderella und The Jungle Book im Kino bestaunen konnten. Anno 2017 folgt mit Beauty and the Beast ein weiterer Klassiker, der als Realverfilmung zu neuem Leben erwacht, sich vorrangig aber bloß auf eine Sache fokussiert: die Verwaltung des Erbes.

26 Jahre ist es mittlerweile her, dass der französische Märchenstoff ein zweites Goldenes Zeitalter für Disney einläutete und darüber hinaus als erster Vertreter seiner Art für den Oscar als bester Film nominiert wurde. Ein Meilenstein, der heutzutage Kultstatus genießt und abseits davon über unzählige wie unverkennbare Merkmale verfügt. Alleine das gelbe Kleid von Belle oder die Willkommens-Hymne Be Our Guest sind kaum aus der jüngeren Popkultur wegzudenken. Beauty and the Beast setzt sich aus so vielen vertrauten Bestandteilen zusammen, dass es der neuen Version an keinem Punkt möglich ist, eigene Akzente zu setzen, die bleibenden Eindruck hinterlassen. Wenngleich vereinzelte Nuancen bemüht sind, mit dem Puls der Zeit zu gehen, fungiert Regisseur Bill Condon in erster Linie als Archivar, der eine perfekte, ja, endgültige Version des Zeichentrickfilms anfertigen soll. Jeder Frame des Originals wird mit Samthandschuhen angefasst und als Realfilm übersetzt: Beauty and the Beast imitiert ganze Szenenabläufe, Dialogpassagen und Einstellungen, was faszinierend und frustrierend zugleich ist.

Auf der einen Seite dreht sich das einst so fortschrittliche Märchen über eine junge Frau, die sich gegen die Vorurteilen in ihrem Umfeld richtet und mit dem beschäftigt, was sich hinter der Oberfläche verbirgt, nur noch um die Reproduktion exakt jener Oberfläche. Auf der anderen Seite orientiert sich das das Drehbuch aus der Feder von Stephen Chbosky und Evan Spiliotopoulos aufmerksam am Urtext und versucht sogar, in zusätzlichen Szenen tiefer in die Mythologie der Geschichte einzudringen. Ein zwiespältiges Unterfangen, das sich im Sekundentakt widerspricht und untergräbt, insbesondere, wenn es um ausgehängte Änderungen wie etwa die der der ersten offen homosexuelle Figur geht. Im Gegensatz zu den bisherigen Interpretationen des Materials brüstet sich Disney im Jahr 2017 damit, dass der von Josh Gad verkörperte LeFou ganz offiziell seine sexuelle Identität ausleben kann. Eine Farce, denn der entsprechende Sidekick des Antagonisten darf im Film lediglich im Angesicht überspitzer Klischees agieren – von all der kolportierten Offenheit existiert hier keine Spur, was Ärgerlich, schade und enttäuschend ist.

Dabei beginnt Beauty and the Beast mit einem bravourösen Auftakt: Auf den obligatorischen Prolog folgt eine großartige Musicalsequenz, die sich charmant durch die idyllischen Studiokulisse eines französischen Dorfes bewegt und sowohl in puncto Gesang als auch Choreographie zu überzeugen weiß. Es ist einer der wirklich atemberaubenden, märchenhaften Momente, die in Ausblick stellen, was Beauty and the Beast unter einen Regisseur mit eigener Vision tatsächlich hätte werden können. In diesem Fest der Bewegungen wird nicht nur ein Gros der Figuren spielerisch eingeführt. Nein, insgesamt bewegt sich die Kamera so dynamisch, leichtfüßig und frei durch die Szene, sodass die Kategorisierung als Musical-Märchen alles andere als übertrieben ist. Tritt Emma Watson zum ersten Mal als Belle vor die Tür, strahlt Beauty and the Beast eine unglaubliche Energie aus, wie sie danach leider von Minute zu Minute weniger wird. Zu schnell lässt sich der Film ins Korsett der Erwartungen schnüren, denen sich Bill Condon bedingungslos unterwirft, ohne je wieder ein Gespür für Timing, Dynamik und Bewegung zu finden.

Fortan überwältigt Beauty and the Beast mit Farben und Formen, die ohne gegenseitiges Bewusstsein ineinander übergehen und somit einen überbordenden Gemälde gleichen: Ein Rausch, dem die Ekstase fehlt. Ein Rausch, der sich niemals in die düstere Ecke wagt, in der es wirklich gefährlich wird und der Kontrollverlust zum absoluten Eskapismus verhilft. Alles, was Beauty and the Beast anstrebt, geht in der eigenen formellen Strenge verloren. Dieser Film hat sich eine merkwürdige Bürde der Perfektion auferlegt, die am Ende ein irritierendes Gefühl von Gleichgültigkeit hinterlässt, obwohl es so viele Augenblicke zum Verlieben gibt. „There may be something there that wasn’t there before“, lautet eine der bekanntesten Textzeilen, die nach erstmaliger Aussprache eifrig von verschiedenen Figuren wiederholt wird, als wären diese felsenfest davon überzeugt, dass sich tatsächlich etwas verändert hat. Wie so viele Aussagen in Beauty and the Beast wirkt dieser romantische wie verführerische Gedanke in Anbetracht der obsessive Fixierung auf die Oberfläche jedoch erschreckend emotionslos.

Und trotzdem: Tief in seinem Inneren verbirgt Beauty and the Beast etwas Wertvolles, das die Erfüllung von Sehnsüchten verspricht und sich hingebungsvoll in den naiven Konventionen eines Märchens verliert, in dem verträumter Sonnenschein und bedrohlicher Winterfall nur eine Weggabelung voneinander entfernt sind. Es ist wahrlich bemerkenswert, dass sich der Film entgegen aller erzählerischen wie konzeptuellen Widersprüche dermaßen im Einklang mit sich selbst befindet und vor Selbstvertrauen strotzt. Ein behütetes Abenteuer, in dem Luke Evans problemlos in der überhöhten Karikatur eines Populisten als Bösewicht aufgehen kann, ohne sich für eine einzige Gest seines comichaften Schurken rechtfertigen zu müssen, ehe zum Schluss das Gute und die Liebe gewinnt. Wäre Beauty and the Beast nicht so versessen darauf, sich sklavisch dem Konservierungsgedanken zu unterwerfen, es wäre eine Freude, sich in den Mauern des verwunschenen Schlosses zu verirren, das da brodelt und bröckelt. Ansonsten bleibt bloß ein schöner Traum, dem der wahre Zauber fehlt.

Beauty and the Beast © Walt Disney Studios Motion Pictures

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.