First Cow – Kritik

First Cow

Die Vergangenheit wird gleich in den ersten Minuten von First Cow ausgegraben, wenn eine junge Frau (Alia Shawkat) mit ihrem Hund in der Nähe eines Flusses spazieren geht. Wir befinden uns im Oregon der Gegenwart, doch die Skelette, die sie in der Erde findet, künden von einer anderen, längst vergangenen Zeit. Eng liegen die Gebeine beieinander und lassen eine unheilvolle Geschichte erwarten. Entgegen dem stillen Tod, der First Cow zu Beginn begleitet, entpuppt sich Kelly Reichardts neuer Film als behutsamer Western, dem peitschende Pistolenschüsse und tödliche Duelle nicht fremder sein könnten. Vielmehr stehen hier eine flüsternde Tragik und eine schlichte Schönheit im Vordergrund.

Kelly Reichardt, die bereits im Zuge von Meek’s Cutoff gleichermaßen ungewohnte wie vertraute Perspektiven wählte, um über den Frontier-Mythos im Kino nachzudenken, entführt nun ins frühe 19. Jahrhundert, wo vor allem Pelzjäger ins Oregon Territory kommen und hoffen, mit ihrer Beute ordentlich Geld zu verdienen. Auch der Koch Cookie Figowitz (John Magaro) findet sich in einer solchen Gruppe wieder, ehe er dem Fremden King-Lu (Orion Lee) begegnet und auf eine andere Geschäftsidee kommt: Mit der Milch der ersten Kuch in Oregon lassen sich Leckereien herstellen, von denen die Menschen gar nicht genug haben können. Plötzlich stehen selbst die gröbsten Zeitgenossen Schlange.

Wie ein Märchen mutet First Cow mitunter an, wobei die titelgebende Kuh die Rolle des Fabelwesens einnimmt, das ungeahnte Dinge möglich werden lässt, während gleichzeitig eine Geschichte über die Menschen und die Zeit, in der sie leben, erzählt wird. Basierend auf dem Roman The Half Life von Jonathan Raymond, der gemeinsam mit Kelly Reichardt ebenfalls das Drehbuch schrieb, nachdem die beiden schon mehrmals im Rahmen diverser Projekte zusammengearbeitet haben, entpuppt sich dieser unscheinbare Western als feines Gedicht, das mit jeder vergehenden Minute reicher an neuen Facetten und Impulsen wird, ohne jemals überzuquellen.

Kelly Reichardt, ihres Zeichens eine besonnene wie einfühlsame Erzählerin, stützt sich auf eine überschaubare Anzahl auftretender Figuren und erweitert durch ihr Zusammenspiel das Spektrum des Films, der sich in erster Linie als Beobachtung einer unwahrscheinlichen, aber nicht weniger aufrichtigen Freundschaft versteht. John Magaro und Orion Lee haben mit ihren Darbietungen zwei faszinierende Charaktere geschaffen, die sich dem unaufdringlichen, sorgfältigen Tonfall der Inszenierung anpassen und gleichzeitig das matschige Oregon mit Leben füllen. Als Außenseiter gelangen sie in die neue Welt, die erst noch im Entstehen ist.

Regeln gibt es trotzdem viele. Es dauert nicht lange, bis Cookie und King-Lu ihren eigenen Weg durch die Gesetze des Grenzlands finden. Dank der ersten Kuh in Oregon, die einen langen Weg vom blühenden San Francisco zurückgelegt hat, tun sich den beiden allerdings nicht nur Möglichkeiten auf: Auch ihr Untergang rückt näher. In First Cow beobachten wir eine Glückssträhne, die jeden Moment zu reißen droht, und zwei Männer, die ihr Glück auf die Probe stellen – aus Neugier, Not und Übermut. Am meisten interessiert Kelly Reichardt dabei die menschliche Seite der Geschichte, mitunter ist sie aber ebenso fasziniert von der Umgebung, durch die sich Cookie und King-Lu schlagen.

In First Cow existiert stets ein Kontrast zwischen den schlammigen Siedlungen der Menschen, die vom Anbruch der Zivilisation künden, jedoch ebenso schnell von Dreck, Geröll und Regen weggespült werden können. Und dann sind da die Wälder mit ihrem nassen Laub und den knackenden Ästen, die mal verräterisch, mal aber auch beruhigend ihren Weg in den Film finden. Eine aufmerksame, reduzierte und in ihrer Einfachheit überwältigende Meditation in der Natur: Die großen Totalen eines epischen Western werden hier nie vermisst. Stattdessen findet Kelly Reichardt ihren eigenen Rhythmus und eröffnet im Academy-Format unverbrauchte Räume, in denen man sich verlieren kann.

First Cow © A24