I, Tonya – Kritik

I, Tonya - Kritik

Die Wahrheit ist relativ, sehr sogar, wenn es um die ehemalige Eiskunstläuferin Tonya Harding und das Attentat auf ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan geht. Im Rahmen der damaligen Ermittlungen kollidierten die unterschiedlichsten Aussagen, sodass eine exakte Rekonstruktion der Ereignisse mittlerweile geradezu unmöglich ist. Stets gibt es da ein neues, ungeklärtes Detail, das im Nachhinein die zuvor etablierte Geschichte auf den Kopf stellt, zuletzt geschehen, als Tonya Harding selbst Anfang des Jahres – und somit über zwei Dekaden nach jenem verhängnisvollen wie bizarren Zwischenfall – ihre bisherige Haltung zu den Geschehnissen um ein Eingeständnis erweiterte.

Wie sieht sie also aus, die ultimative Wahrheit? Da ist sich I, Tonya-Regisseur Craig Gillespie auch nicht sicher. Dennoch hat er sich gemeinsam mit Drehbuchautor Steven Rogers an ein entsprechendes Biopic gewagt, das sich dem Leben der eigensinnigen Eiskunstläuferin widmet und dabei vor allem ein Hauptaugenmerk auf das eingangs erwähnte Attentat legt. Herausgekommen ist eine Groteske voller grausamer Menschen, die in ihrer Rastlosigkeit gar nicht merken, wie sie sich immer tiefer in einem Labyrinth des Unglücks verlaufen, ehe sie sich (zu spät) eingestehen, dass sie hoffnungslos verloren sind. Im Zuge von gestellten Interviews blicken sie nun auf das Vergangene zurück und präsentieren ihre Sicht der Dinge.

Da wäre etwa Allison Janney als Tonyas strenge Mutter LaVona Golden, die komplett von sich eingenommen über die unfassbaren Enttäuschungen redet, die sie aufgrund ihrer Tochter ertragen musste. Kein Blatt nimmt sie vor den Mund, aus dem nichts als giftige Worte kommen, die so kalkuliert polarisiert, dass es später schwerfällt, mehr als eine Karikatur ihrer Figur zu sehen. Dann wäre da noch der von Sebastian Stan verkörperte Jeff Gillooly, Tonyas Ex-Mann, der beherzt die Fronten der Sympathie wechselt. Einerseits weiß er von den glücklichen Tagen seiner Ehe mit Tonya zu berichten. Andererseits entpuppt er sich als gewalttätiger wie unbeherrschbarer Ehemann, der seine Frau schlägt und ihre Karriere zerstört.

Zwischen all diesen Unannehmlichkeiten, die Sorgen und Ärgernisse provozieren, sticht sie aber mit deutlichem Abstand hervor: Margot Robbie, die die spätere Olympia-Teilnehmerin auf der großen Leinwand hingebungsvoll zum Leben erweckt und in ihrer Darstellung der Figur mehr Facetten abgewinnt, als es der Film in seiner Inszenierung über weite Strecken zulassen will. Während Craig Gillespie vorwiegend am satirischen Blickwinkel seines Films interessiert ist, der das White Trash-Milieu vorführt und im Spiel mit der Wahrheit seinen größten Gefallen findet, versteht es Margot Robbie ihrer Tonya Harding eine unweigerlich faszinierende Persönlichkeit einzuhauchen, da sich in einem ewigen Konflikt mit dem Amerikanischen Traum befindet.

Ständig findet sie sich zwischen den Fronten wieder und muss sich gegenüber anderen beweisen, während sie es ist, die unter physischem wie psychischem Missbrauch leidet und versucht, gegen das Trauma anzukämpfen. Nur auf dem Eis vergisst sie die Welt um sich herum und beginnt, für wenige kostbare Minuten zu schweben. Wenn sich die Musik steigert und die Kamera sowohl die Geschwindigkeit als auch die Bewegung dieses furiosen Schauspiels einfängt und imitiert, beginnt I, Tonya wahrlich zu fliegen und atemberaubende Schönheit zu offenbaren. Ewig währt er aber nicht, dieser Traum. Denn sobald das Unmögliche geschafft ist, zerschellt er am Kliff der Hässlichkeit.

I, Tonya © DCM

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.