Jason Bourne – Kritik

Jason Bourne - Kritik

Obwohl wir in einem Zeitalter der absoluten Vernetzung leben, scheint die Welt komplett aus den Fugen geraten. Oder: Weil wir im Zeitalter der absoluten Vernetzung leben, scheint die Welt komplett aus den Fugen geraten. Gerade im Agentenfilm ist der Mythos bereits ein überlebensgroßer: Die, die irgendwo in dunklen Räumen hinter Bildschirmen sitzen, wissen alles, kontrollieren alles, bestimmen alles. Schon 2002 in The Bourne Identity war die CIA ein übermächtiger Gegner, wenngleich die damalige Hauptzentrale aus einer rückblickenden Perspektive anno 2016 nicht nur veraltet, sondern regelrecht antiquiert aussieht.

Wo nun gigantische Bildschirme ganze Wände füllen und ihre Umgebung ins verschwörerisch leuchtende Blau tauchen, starrten die Analytiker zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch in unförmige Klötze – die genauen Vorgänge sind damals wie heute kaum nachvollziehbar, was Funktion und Effizienz jedoch kaum keineswegs beeinträchtigt. Und dennoch gibt es da einen Fremdkörper in diesem System, das im Bruchteil einer Sekunde alles und jeden erreichen kann. Ein Fremdkörper aus Fleisch und Blut, der nicht zu fassen ist. Dreckig, kantig, echt. Und jetzt kehrt er zurück in die Welt, die trotz aller Kontrolle aus den Fugen geraten ist, denn Vernetzung ist Bewegung – und diese lässt sich nicht so einfach einfangen.

Seit dem ersten Teil ist die Bewegung ein zentrales Leitmotiv der Bourne-Reihe und so verwundert es kaum, dass Regisseur Paul Greengrass im Rahmen seiner Franchise-Rückkehr genau daran anknüpft. Keinen Augenblick lang herrscht Stillstand in Jason Bourne, obgleich die Wiederholung bestimmter Muster nicht zu verleugnen ist. Die erneute der Agenten-Hatz ist alles andere als ein innovativer Vertreter ihrer Gattung und markiert dennoch einen atemberaubendsten Höhepunkte dieser – eben, weil der von Matt Damon verkörperte Jason Bourne niemals stehen geblieben ist. So trifft das neue Abenteuer exakt den Puls der Zeit, ohne sich allerdings als bedeutungsschwanger als Kommentar zu verstehen.

Vielmehr ist es der ewige Kreislauf des Kommens und Gehens, der Jason Bourne wieder aus dem Exil zurückholt. Für das Individuum ist es unmöglich, diesen Pattern zu entkommen, und dennoch existiert in Jason Bourne die Vorstellung, dass der Einzelne etwas verändern kann, solange er nicht in der Vergangenheit, jenem verhängnisvollen Stillstand, in dem sich etwa Tommy Lee Jones als Grumpy-CIA-Direktor verloren hat, hängen bleibt. Ein faszinierender Gedanke, insbesondere mit dem Wissen um die vorherigen Filme, die recht unentschlossen dieser Fragestellung gegenüberstehen. Nicht, weil sie es nicht versucht haben, eine Antwort zu finden, sondern weil sie an den Punkt gelangt sind, an dem eine eindeutige wie allgemeingültige Antwort unmöglich ist. Der Ausweg ist das Ungewisse.

Aufgrund seiner Amnesie trägt Jason Bourne seit Anbeginn den Kampf gegen die Ungewissheit aus. Sicher ist nur, dass sich das Puzzle selbst im Endstadium stets um eine neue, ungeahnte Ecke erweitern lässt. Entgegen jeglicher Illusion findet das gesamte Bild niemals statt. Dementsprechend ist es kein Zufall, dass Paul Greengrass in puncto Inszenierung dermaßen intensiv (wie bravourös) auf die allseits verschriene Shaky-Cam zurückgreift. Wo auch immer sich Jason Bourne gerade befindet, wir bekommen lediglich Fetzen davon auf der großen Leinwand zu sehen; Bruchstücke des Geschehens, die nie ein endgültiges Maß an Vollständigkeit erreichen. Aber das ist überhaupt nicht die Ambition.

Stattdessen verfolgt Paul Greengrass einen anderen Weg, nämlich den der Eindrücke und Erinnerung an selbige. Wo eben noch die extraordinäre Kamera durch die nächtlichen Straßen von Athen raste, imitiert der – als wäre er eine Zeitbombe – tickende Score jeden einzelnen Schritt der Figuren, die sich durch urbane Berge und Schluchten bewegen, vom ausgefeilten Sounddesign ganz zu schweigen. Auf so unfassbar vielen Ebenen transportiert der Film Informationen und schafft dadurch eine Umgebung, die in ihrer Komplexität geradezu die Dimensionen des Kinos sprengt und einen Sinnesrausch sondergleiche erschafft.

Jedes Blaulicht im Hintergrund, jeder Schrei in der Menschenmenge und jeder Atemzug des Protagonisten ist ein Ereignis, so unscheinbar am Rande es auftauchen mag. Unter Umständen kann diese Informationsflut auch unsere Wahrnehmung überfordern. Doch dann kommt Alicia Vikanders CIA-Agentin Heather Lee ins Spiel. Aus unzähligen Daten, die in Echtzeit analysiert werden, fischt sie das entscheidende Detail heraus, um eine assoziative Brücke zu schlagen. Ähnlich macht es Paul Greengrass, der alleine durch eine nuancierte Fokussierung zwischen schwindelregenden Schnitten und dem unübersichtlichen Gewusel der Menge ein unglaubliches Gespür für den Moment entwickelt – und wie wir ihn begreifen/erleben können.

Das Resultat gleicht einem unendlichen Bewusstseinsstrom der vernetzten Welt, der dank feiner wie präziser Akzentuierungen Unbeschreibliches wie Mitreißendes schafft. Alles ist lebendig in Jason Bourne, alles ist in Bewegung. Dann spielt es keine Rolle mehr, auf welchem Level des Fortschritts das ekstatische Tohuwabohu vonstattengeht. Am Ende sind es wieder die Körper aus Fleisch und Blut, die sprichwörtlich im Schlamm und Matsch aufeinandertreffen. Das Lichtermeer von Las Vegas ist auch nur eine Oberfläche; der wahre Kampf findet im Untergrund statt, wo weder echtes noch künstliches Licht seinen Weg hinfindet. Und in dieser faszinierenden Schattenwelt (des Kinos) bewegt sich Jason Bourne, die überwältigende Schönheit zwischen den Bildern offenbarend.

Jason Bourne © Universal Pictures

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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