Marriage Story – Kritik

Marriage Story

Die ersten Minuten von Marriage Story sprühen vor Liebe und Zuneigung. Auf die Frage, was der jeweils andere an seinem Partner schätzt, antworten Nicole (Scarlett Johansson) und Charlie (Adam Driver) mit einer Montage glücklicher, kostbarerer Momente, die alle heimlich im Alltag ihrer jungen Familie verborgen sind. Unscheinbare Gesten, die niemand anderes registrieren würde, doch für Nicole und Charlie bilden sie das Fundament ihrer Beziehung – ein Fundament, das in den nachfolgenden Minuten von Noah Baumbachs jüngstem Werk gewaltig erschüttert wird. Denn wie sich kurz darauf herausstellt, sind die einleitenden Worte der Protagonisten Teil eines aufwühlenden Trennungs- und schlussendlich auch Scheidungsprozesses.

Gemeinsam mit ihrem achtjährigen Sohn Henry (Azhy Robertson) leben Nicole und Charlie in New York. Sie ist eine geschätzte Theaterschauspielerin, während er als aufstrebender Regisseur sämtliche Stücke inszeniert, in denen Nicole dem Publikum den Atem raubt. Ihre jüngste Produktion, eine Neuinterpretation von Elektra, soll als Nächstes am Broadway aufgeführt werden, doch Nicole entscheidet sich dafür, den Piloten einer Fernsehserie in Los Angeles zu drehen, womit Noah Baumbach den zweiten großen Schauplatz seines Films etabliert: Fortan schwankt Marriage Story zwischen zwei Metropolen, die mal wie ein verträumter Ort von Familie und Geborgenheit wirken, dann aber auch als Schlachtfeld einer zerbrechenden Ehe in Erscheinung treten.

Noah Baumbach inszeniert die Orte als Spiegel der Zerrissenheit von Nicole und Charlie. Sind in New York die Wohnungen und Räume mit Erinnerungen und einem warmen Licht gefüllt, sprechen die überwältigend schönen 35mm-Aufnahmen in Los Angeles eine ganz andere Sprache. Selbst die strahlende Sonne kann hier eine stechende Kälte im Hintergrund ausstrahlen, während sich die von allen mit Begeisterung angepriesene Weite der Stadt schnell als trostlose Leere entpuppt. Keine Bilder an den Wänden, nur die große Fläche, der jegliche Identität fehlt: In jedem niederschmetternden Bild findet Noah Baumbach allerdings auch Hoffnung oder zumindest die Möglichkeit der Veränderung, denn am Ende erzählt Marriage Story von keinem Schlusspunkt.

Selbst wenn Nicole und Charlie anfangs an der Idee einer unkomplizierten Trennung festhalten, die es ihnen ermöglicht, fortan ihre eigenen, getrennten Leben zu führen, geraten sie im Lauf des Films immer wieder aneinander, nicht zuletzt aufgrund ihres gemeinsamen Sohnes, für den beide – da sind sie sich einig – nur das Beste wollen. Im Zusammenspiel mit den abgeklärten Scheidungsanwälten Nora (Laura Dern) und Jay (Ray Liotta) verwandelt sich dieses Beste aber auch schnell in eine hässliche Angelegenheit, in einen bürokratischen Prozess und vor allem das erbarmungslose Feilschen um Worte. Die Dialoge, ebenfalls aus der Feder von Noah Baumbach, sind so mitreißend wie intensiv – und geben den Schauspielern sehr viel Material, um ihre Rollen ergreifend zu vertiefen.

Wie Scarlett Johansson und Adam Driver in Marriage Story aufeinander zugehen, ehe sie sich wieder trennen, gehört zu den niederschmetterndsten Schauspielbewegungen des Kinojahres. Facettenreich entfalten sie ihre Figuren, die sich trotz all der anfänglichen Vernunft ab einem gewissen Punkt in puren Emotionen auflösen und Grenzen überschreiten, die sie eigentlich gar nicht überschreiten wollen. In den verzweifeltsten Minuten von Marriage Story erscheinen diese Grenzüberschreitungen jedoch als einziger Weg, um gesehen, um gehört zu werden – und um dem inneren Chaos Ausdruck zu verleihen. „I don’t know how to start“, erklärt Charlie nur wenige Sekunden, bevor er sich mit Nicole in einem wuchtigen Streit verliert und alles außer Kontrolle gerät.

Eine erschütternde Szene, die aber in einem der menschlichsten Augenblicke des Films mündet und neben dem absolut herausragenden Schauspiel Noah Baumbachs eindrückliches Verständnis der Figuren demonstriert. Seine Inszenierung steht stets im Zeichen der emotionalen Konflikte und bringt im entscheidenden Moment ebenfalls einen unerwarteten Humor mit, der Marriage Story um eine weitere Ebene feinfühliger Einblicke in das Innenleben von Nicole und Charlie bereichert. Am schönsten ist dieser Film allerdings dann, wenn er die Leere seiner Räume nicht als das Ende einer Beziehung begreift, sondern den Anfang, um etwas Neues zu schaffen. Das ist schwer, erfordert unfassbar viel Kraft, doch hier kann eine völlig neue Zukunft gestaltet werden – gemeinsam.

Marriage Story © Netflix