Can you see? – Minority Report

Minority Report (Steven Spielberg, 2002)

Nach dem Traum der Zukunft (Artificial Intelligence: AI) die Realität

Can you see?, fragt Agatha (Samantha Morton) den später zum Outlaw proklamierten John Anderton (Tom Cruise). Dann fällt der Vorhang und eine nervenaufreibende Hetzjagd durch ein Washington D.C. im Jahre 2054 nimmt seinen treibenden Lauf und immer wieder steht die eingangs erwähnte Fragestellung im Raum. Stets mit ängstlicher wie wissender Betonung ausgesprochen, bleibt dem Protagonisten nichts anderes übrig, als dem Blick seiner Begleiterin zu folgen, wenngleich dieser lediglich im unscheinbaren Nichts verläuft: Eine Vision direkt vor Augen, die nahezu ungreifbar scheint, obwohl die Antwort bereits mehrfach gedacht wurde. Kannst du es sehen, dieses unbegreifliche Etwas, diese unfassbare Farce, diese verheerende Verschwörung? Kein Wunder, dass Blicke, Augen und Augenblicke die dominierenden Konstanten in Steven Spielbergs Adaption der Kurzgeschichte The Minority Report von Philip K. Dick sind. Sie definieren das gesamte Geschehen einer Dystopie, die sich in rasender Schnelle fortentwickelt, dem Moment keine Zeit mehr gönnt und darüber hinaus den entscheidenden Zeitpunkt durch prophetische Gedanken vorwegnimmt. Unerbittlich stürmen Menschen in Minority Report durch von Licht überflutete Gebäudekomplexe auf der Jagd nach der Wahrheit oder um selbige niemals Wirklichkeit werden zu lassen. Der titelgebende Minderheiten-Bericht avanciert zum Objekt der Begierde, der Hoffnung sowie des S(ch)eins. Daraufhin setzen sich viele – im entsprechenden Genre zuvor etablierte wie bekannte – Mechanismen in Gang und es beginnt die temporeiche wie moralisch und philosophisch faszinierende Hatz durch einen visionären Zukunftsentwurfs im Gewand eines virtuos inszenierten Science-Fiction-Thrillers.

Eine Welt ohne Verbrechen, eine Welt ohne Mord: Dank PreCrime ist diese Utopie Wirklichkeit geworden – allerdings befindet sich schon im innersten Kern dieser Organisation die Wurzeln des Zwielichts. Für die Gesellschaft unscheinbar, sind es genau diese Fehler, die Danny Witwer (Colin Farrell), seines Zeichens ein Beauftragter des Justizministeriums, im perfekten System zu finden versucht. Im Gegensatz zu John Anderton, dem klassischen Mittelpunkt einer derartig verhängnisvollen Schreckensvision, stellt der junge Nachwuchs die unangenehmen Fragen respektive stellt manifestierte Zustände infrage – als wäre er wie ein Detektiv aus einem 1940er Jahre Film noir in der futuristischen Weltordnung des 21. Jahrhunderts angekommen. Tatsächlich greift Steven Spielberg diese inspirierenden Motive in regelmäßigen Abständen auf und so verschmilzt Minority Report wie bereits Ridley Scotts Philip K. Dick-Adaption Blade Runner zur facettenreichen Symbiose aus (pop)kultureller Einflüsse, zeit- wie weltpolitischer Parabeln und der vielschichtigen Vorstellungskraft des US-amerikanischen Science-Fiction-Autors. An die Stelle des verregneten Molochs Los Angeles treten als düsteres Pendant die urbanen Auswüchse eines dystopischen Washingtons, das in seiner Unart kaum zu übertreffen ist. Klare Formen und Strukturen hinsichtlich der Gebäudearchitektur sowie der Raumgestaltung sind zwar deutlich zu erkennen. Dennoch verschwimmt jedes Set Piece – egal ob im geschlossenen Ambiente oder in der freien Wildbahn – zur undefinierbaren wie unübersichtlichen Anordnung.

Kameramann Janusz Kamiński entwirft eine unruhige Bilderflut sondergleichen, die mitunter konventionelle Sehgewohnheiten auf ihren Kopf stellt. Nicht zuletzt sorgt die überstrapazierte Verwendung des sogenannte Bleach-Bypass-Effekts für befremdliche Eindrücke der für befugte Behörden vollkommen durchsichtigen Metropole. Niemals kehrt Ruhe in dieses überbelichteten Panoptikum aus verblassten Farbspielen ein und letztendlich wenden sich sämtliche Montagen in ihrer konsequenten Ausprägung dem tristen Mantel der blau-grauen Realität im Jahre 2054 zu, der in seiner essayistischen Kombinationen geradezu einer Halluzination der drei Precogs Agatha, Arthur und Dashiell gleichkommt. Zweifelsohne bedarf dieser visuelle Wahnsinn eines kompetenten Regisseur, der die Wucht der bewegten Aufnahmen im koordinierten oder zumindest nachvollziehbaren Verhältnis arrangiert. Doch Steven Spielbergs Inszenierung passt sich mit kontrollierter Unberechenbarkeit und faszinierender Schnittfolge diesem wilden Gemälde an und versteht es gleichzeitig das Monster zu bändigen sowie in seinen Schranken zu weisen. Mit spielerischer Leichtigkeit entsteht ein wahnwitziges Potpourri, das noch heute passagenweise unerreicht ist. Während eben noch Franz Schuberts Symphonie Nr. 7 in h-Moll sowohl als musikalisches als auch als inhaltliches Leitmotiv das Unvollendete offenbarte, sind es im nächsten Augenblick die vertrauten Töne von Henry Mancinis Moon River, die das Szenario unerwartet in Beschlag nehmen und das präzise in Szene gesetzte Versteckspiel in einer Shoppingmall zum surrealistischen Ereignis adeln, das – ähnlich wie die aufgeregte Bebilderun einer Augenoperation – den aufgewühlten Geist eines Terry Gilliams in sich beherbergt.

Das furiose Opening reiht sich ebenfalls in die Riege soeben beschriebener Raffinessen ein, womöglich gehört es sogar zu den komplexesten Szenerien, die Steven Spielberg je auf die große Leinwand gebannt hat. Im dynamischen wie formvollendeten Arrangement führt der knapp vierstelstündige Eröffnungsakt jedoch nicht nur ein Gros der Figuren ein und verewigt frei nach dem Motto Quod erat demonstrandum die Prämisse des Werks mit souveräner Federführung. Nein, Minority Report bietet in seinen ersten Minuten einen umfangreichen Einblick in die bevorstehenden zweieinhalb Stunden Laufzeit, ohne mehr als eine essentielle Menge entscheidender Details preiszugeben. Bereits im Hintergrund drängt sich der Konflikt zwischen des freien Willens im Zusammenspiel mit dem Determinismus auf, der technologische Fortschritt integriert sich organisch ins reißerische Geschehen und im Rahmen der leuchtenden Computer-Interfaces in der PreCrime-Zentrale beginnt der Verwirrspiel des Dilemmas einer Welt ohne Verbrechens. Ein Strudel, der seine auftretenden Spielfiguren nach und nach verschlingt und dennoch verliert Steven Spielberg zwischen all den entstehenden Diskussionsebenen nicht den roten Faden dieses Thrillers, der stetig größere Ausmaße annimmt und schließlich mit Bravour in einem hitchcockian Konstrukt der gnadenlosen Anspannung sowie ungewissen Verfolgung endet – auch weil die superbe Action-Sequenz in der Automobilherstellungsanlage direkt auf einer nie realisierten Idee im Scripts von North by Northwest basiert. Dazu die Variation diverser Cyberpunk-Versatzstücke und dann dringen plötzlich durch die gleichermaßen hässliche wie wunderschöne Lichterflut abseits jeglicher Erinnerung warme Farben in Form einer alten Dame, die lachend und Pfeife rauchend John Anderton am Ort der Entscheidung erwartet, ins Zentrum des Minderheiten-Berichts.

Von Matthias Hopf

Minority Report © 20th Century Fox
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Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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