Murder on the Orient Express – Kritik

Murder on the Orient Express - Kritik

Nachdem sich Christopher Nolan dieses Jahr bereits im Rahmen von Dunkirk um eine möglichst umfangreiche 70-mm-Auswertung bemühte, offenbart sich zum Ende des Jahres ein zweiter Film, der das Kino mit solch glorreichen Bildern beehrt: Murder on the Orient Express. Ausgerechnet die vierte Adaption des gleichnamigen Kriminalromans von Agatha Christie wurde mit 65-mm-Kameras gedreht und erobert nun – zumindest in ausgewählten Kinos – in dem Format die Leinwand, in dem einst Monumentalfilmen wie Lawrence of Arabia, Ben Hur und Cleopatra erstrahlten. Doch was könnte ein Mordfall, der sich zudem auf engstem Raum ereignet, für dermaßen große Bilder bereithalten? Die Antwort liegt bei Regisseur und Hauptdarsteller Kenneth Branagh verborgen. Nachdem dieser zuletzt mit Superhelden, Geheimagenten und Prinzessinnen hantierte, wagt er sich mit Murder on the Orient Express an eine prächtige Umsetzung der vertrauten Literaturvorlage und entpuppt sich einmal mehr als visionärer Filmemacher, der nicht unterschätzt werden sollte, wenngleich der letztendliche Film alles andere als perfekt ist.

Dass Kenneth Branagh vor und hinter der Kamera nicht schüchtern ist, sollte kein Geheimnis sein. Gerne schlüpft er in die Rolle der selbstverliebten Männer, die sich für das Zentrum des Universums halten, und inszeniert sich unter Umständen sogar selbst in diesen Rollen. Wenn Kenneth Branagh nun den wahrscheinlich größten Detektiv der Welt verkörpert und auch noch selbst auf dem Regiestuhl Platz nimmt, dann dürfte es nur noch wenig verwundern, dass der in einer vorherigen Verfilmung von Agatha Christie als zu unscheinbar bemängelte Schnurrbart von Hercule Poirot zum zweiten Hauptdarsteller avanciert. Kenneth Branagh stolziert durch die vier Wagons des ausgebuchten Orient-Express, als wäre seine alleinige Präsenz ein Segen für alle Fahrgäste, und liefert eine faszinierende Interpretation des genannten Detektivs ab, die durch und durch von seiner Handschrift geprägt ist, womöglich aber zu sehr im Mittelpunkt steht. So reich das Ensemble an tollen Schauspieler_innen sein mag: Hercule Poirot dient als emotionaler Kern der Geschichte und macht das Verbrechen zur persönlichen Angelegenheit.

Ein kurzer Prolog in Jerusalem vereint die drei Weltreligionen und Hercule Poirot als denjenigen, der sich im Angesicht des Verbrechens zusammenführt. Kurze Zeit später fährt Haris Zambarloukos’ Kamera durch ein aufwendiges Bahnhof-Set, stellt jeden einzelnen Fahrgast vor und labt sich an der Weite des bevorstehenden Abenteuers. Es wird kalt und eisig, dann folgt eine Montage voller Bewegung, ehe eine Lawine und zwölf Messerstiche für Stillstand sorgen. Lediglich die Lichter der einzelnen Abteil sorgen für ein warmes, hoffnungsvolles Licht in dieser düsteren Stunde, in der plötzlich jede Frau und jeder Mann an Bord des Zuges in den Kreis der Verdächtigen rückt. Der Mörder ist unter uns, lautet die Erkenntnis der sichtlich aufgebrachten Anwesenden. Trost spenden lediglich Patrick Doyles Kompositionen, die sich wie eine warme Decke über die schockierenden Geschehnisse legen, während sich die Inszenierung in erlesenen Einstellungen verliert und den minimalen Raum als Bühne zahlreicher Vieraugengespräche bestmöglich zur Geltung bringt. Die Wahrheit schlummert aber weiter im Verborgenen.

Kenneth Branagh, der bereits bei seiner Hamlet-Adaption von 1996 keine Kosten und Mühen scheute, um seine Vision in 70mm auf die Leinwand zu bringen, strebt auch mit Murder on the Orient Express nichts geringeres als ein majestätisches Epos an, das sich einerseits die raffinierte Auflösung der Vorlage zu eigen macht, andererseits seine größte Stärke in den moralischen Konflikten des vermeintlich unbesiegbaren Hercule Poirot sieht. Darüber hinaus interessiert sich Kenneth Branagh vorrangig an der Gemächlichkeit und Eleganz der Erzählung, anstelle auf seinen starken Spannungsbogen inklusive nervenaufreibender Suspense-Momente zu setzen. So wie der Zug im Schnee stecken bleibt, wirkt auch Murder on the Orient Express etwas aus der Zeit geworfen – und dennoch ist von diese kostbaren Gut nicht genug vorhanden, um sämtlichen Nebenfiguren die Aufmerksamkeit entgegenzubringen, die sie verdienen. Während Hercule Poirot routiniert im Zuge der einzelnen Verhöre an Facetten gewinnt, bleibt den meisten Charakteren nicht mehr als zwei, drei große Augenblicke, um bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Das ist durchaus ärgerlich, immerhin reihen sich hier Michelle Pfeiffer und Willem Dafoe an Penélope Cruz und Daisy Ridley, während ums nächste Ecke bereits Judi Dench, Johnny Depp und Olivia Coleman warten, um die versammelte Gesellschaft im Orient-Express mit ihrer Schilderung des Verbrechens zu bereichern. Das ungenutzt Potential kommt allerdings erst zum Schluss zu tragen, wenn sich langsam, aber sich das Täterprofil herauskristallisiert. Dann stellt sich heraus, dass den ganzen Film über ein großes Ungleichgewicht in der Figurenzeichnung herrschte. Wie effizient und produktiv Murder on the Orient Express als erneute Verfilmung des altbekannten Ausgangsstoffs ist, sollte unter diesen Gesichtspunkten vorzugsweise nicht in Frage gestellt werden. Stattdessen gibt es Kenneth Branaghs ungefilterten Größenwahn, der nicht einmal vor der mehr oder weniger sinnigen Integration von Leonardo da Vincis Abendmahl zurückschreckt und für aufmerksames Poirot-Porträt verantwortlich ist, das hingebungsvoll in den Details der Zugfahrt sowie den romantischen Panoramaaufnahmen der schneeweisen Landschaft aufgeht.

Murder on the Orient Express © 20th Century Fox

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.