Passengers – Kritik

Passengers - Kritik

Was wäre, wenn es auf der Erde keinen Platz für dich mehr gäbe? Eine beängstigende Vorstellung, von der auch Jim Preston (Chris Pratt) seit einiger Zeit verfolgt wird. Der Maschinenbauingenieur aus Denver befindet sich an Bord der Avalon, einem gigantischen Raumschiff, das sich auf den Weg zur menschlichen Kolonie Homestead II befindet. 120 Jahre dauert die Reise an jenen Ort, der ein neues Leben in einer unvoreingenommenen Welt verspricht. Eine risikoreiche Unternehmung, doch das Wagnis soll sich auszahlen. Denn blickt Jim auf sein altes Leben zurück, so entdeckt er weder Chancen noch Optionen zur Selbstverwirklichung. Sämtliche Möglichkeiten wurden ihm bereits genommen.

Auf Homestead II hingegen kann er seiner Schaffenskraft als erster Siedler freien Lauf lassen und all die Dinge verwirklichen, für die auf der Erde kein Platz mehr war. Ein utopisches Denken lenkt den Protagonisten in die unendlichen Weiten des Weltraums, der sich schnell als ambivalenter Weggefährte entpuppt: Auf der einen Seite existiert Jim als der anständige Mann, der erschaffen und kreieren will, ohne sich in seinem Ehrgeiz einschränken zu müssen. Auf der anderen Seite offenbart er sich allerdings als Feigling, der sich lieber an einen anderen Ort flüchtet, anstelle sich den Herausforderungen der Heimat zu stellen. Damit einhergehend plagt Jim der Umstand, dass er Teil einer Generation ist, die entweder zu früh oder zu spät geboren wurde, um ihr ganzes Potential im Geist der Vorstellungskraft auszuleben, die ihr in die Wiege gelegt wurde.

In Passengers, dem neuen Film von The Imitation Game-Regisseur Morten Tyldum folgen wir also der Odyssee eines vom Schicksal gebeutelten Mannes, der sich zwischen vielen Fronten wiederfindet, und versucht, irgendwo dazwischen seinen eigenen Weg zu gehen. Ob er sich große Gedanken machen muss? Erst einmal nicht. Denn der Kälteschlaf soll ihn sicher bis ans Ziel seiner Reise bringen, ohne, dass ihm die Spuren der Zeit zu Lasten fallen sollen. Blind machen sich Crew und Passagiere auf den Weg ins Ungewisse. Lediglich die Avalon, in den ersten Minuten des Films als eigener Charakter eingeführt, waltet über die Schlafenden und geleitet sie durch ewige Kälte und Dunkelheit. Gänzlich wortlos eröffnet Morten Tyldum seinen Science-Fiction-Film, der ab der ersten Minute mit einem ausgefüllten Design verblüfft.

Egal zu welch unwirtlichem Ort sich die Erde verwandelt haben mag: An Bord der Avalon ist von all diesem Unheil keine Spur zu entdecken – zumindest ungeachtet der Tatsache, dass sich 5000 Erdenbürger auf den Weg in eine neue Welt befinden. Elegant kreist das Raumschiff durch den Weltraum und lässt dabei durchaus ein faszinierendes Gefühl von Unendlichkeit aufkommen. Das Innere der Avalon zeugt derweil von überschwänglicher Eleganz, als wäre das gesamte Konstrukt aus einem Guss. Keine einzige Schraube ragt aus dem Boden, keine Schweißnaht säumt die Außenhülle des dahingleitenden Wunderwerks technologischer Errungenschaften. Doch dann passiert sie, die Katastrophe, und eine Fehlfunktion sorgt dafür, dass Jim aus dem Kälteschlaf erwacht – 90 Jahre vor der Ankunft auf Homestead II.

Auf einmal verwandelt sich die aalglatte Oberfläche des Raumschiffs in einen puren Albtraum. Was auch immer Jim unternimmt: Sämtliche Versuche, in das abgeschlossene System einzugreifen, bleiben ohne Erfolg. Buchstäblich setzt er in einer Szene den Bohrer an, um die ewigen Metallwände zu durchdringen. Niedergeschmettert hinterlässt er allerdings nichts weniger als ein paar klägliche Kratzer; die Avalon bleibt maximal unbeeindruckt. Ohne Mühen bringt Drehbuchautor Jon Spaihts die Tragik seiner Figur auf den Punkt: Die einzige egoistische Entscheidung seines Lebens führt Jim in die absolute Verdammnis. All sein Wissen, all sein Können, all seine Ambitionen sind nun verloren. Niemand wird jemals von seinen Wünschen und Träumen erfahren. Die Einsamkeit treibt ihn an den Rand der Verzweiflung.

Wäre da nicht der Barkeeper Arthur (Martin Sheen), ein Androide mit menschenähnlichem Oberkörper und Gesicht, hätte Jim womöglich längst den Verstand verloren. Fortan gestaltet sich Passengers als eine Mischung aus Will Fortes FOX-Comedy The Last Man on Earth und den unbehaglichen Vieraugengesprächen in Stanley Kubricks The Shining, die Jack Nicholson mit einem Produkt seiner eigenen Vorstellungskraft führt. In mehreren Montagen transportiert Morten Tyldum die verschiedenen Stimmungsphasen seines Protagonisten, verpasst jedoch den entscheidenden Punkt, an dem Jim zum Mensch aus Fleisch und Blut wird. So bleibt Chris Pratts Maschinenbauingenieur eine weitere Variation seines etablierten Rollentypus: Das Kind im Mann, das niemals erwachsen werden will; Gutgelaunt, niedergeschlagen, aber viel zu selten greifbar.

Wenngleich Chris Pratts Leinwandpräsenz – insbesondere im Zusammenspiel mit Martin Sheen, der trotz beschränktem Bewegungsradius mit jeder Regung seiner Mundwinkel tiefschürfende Akzente zu setzen mag – stets eine willkommene Zugabe ist, vereint sich seine Performance nie mit der zerstörerischen Geschichte, die sich tief im Inneren von Passengers versteckt und weitestgehend auf den kleinsten gemeinsamen Nenner ohne Ecken und Kanten zurechtgestutzt wurde. Die Charakterentwicklung seiner Figur fußt alleine auf Behauptungen und den üblichen Konventionen, die in einem solchen Szenario der Isolation greifen. Im Kern von Passengers hat Jon Spaihts eine unfassbare Geschichte über fatale Entscheidungen verankert, die problemlos einen der aufregendsten wie abgründigsten Science-Fiction-Filme des Jahres zutage hätte fördern können. Ausleben darf Passengers diese düstere Fantasie jedoch zu keinem Moment.

Als sich Jim entschließt, die wunderschöne Aurora Dunn (Jennifer Lawrence) ebenfalls aus dem Kälteschlaf zu wecken, um nicht länger alleine durch die trostlosen Gänge der Avalon zu gehen, die ihren anfänglichen Glanz und Zauber mittlerweile fast komplett verloren hat. Morten Tyldum inszeniert diesen Akt, als wäre es der erste Sündenfall der neuen Welt. Ein Bewusstsein für das moralische Dilemma entwickelt Passengers dabei erschreckenderweise nicht. Bedeutungsschwangere Gesten im luftleeren Raum: Ständig verlaufen sich die Figuren in unterschiedlichste Ecken der Avalon und müssen eine schwammige Andeutung nach der anderen über sich ergehen lassen, sodass zum Schluss keine einzige Entscheidung mehr von Gewicht ist – und das, obwohl Passengers in seinem Herzen nichts dringlicher betonen möchte, als das Gewicht von Entscheidungen und deren (verheerende) Folgen.

Wo eben noch der romantische Aspekt der Liebesgeschichte zwischen Jim und Aurora im Vordergrund stand, legt Morten Tyldum urplötzlich einen anderen Gang ein, um etwas von Ridley Scotts Alien und Steven Soderberghs Solaris-Remake abzubekommen. Ab einem gewissen Punkt wirft Passengers jedoch bloß noch mit verschiedenen Genre-Bausteinen um sich, ohne sich je Gedanken um die eingangs betonten Formen und Strukturen zu machen. Viele Dinge passieren, nur wenige davon sind von Belang. Irgendwie gelingt es Thomas Newman dennoch all diese Verschwendung mit seinen musikalischen Kompositionen in einem musikalischen Rahmen zu bündeln. Die Frage ist nur, ob dieser ultimativ betäubend oder sphärisch verblassend wirkt. Den Abgrund der Geschichte hat Passengers zu diesem Zeitpunkt allerdings schon lange passiert. Ein  tragisches Missverständnis.

Passengers © Sony Pictures

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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