Ready Player One – Kritik

Ready Player One - Kritik

Das Erschaffen von Welten spielte bei Steven Spielberg schon immer eine große Rolle und so ist es kein Wunder, dass sich Ernest Cline im Rahmen seiner dystopischen Zukunftsvision Ready Player One, die unheimlich viel Inspiration aus dem Kulturgut der 1980er Jahre zieht, auch vor jenem Meister des Kinos verbeugte, der nicht nur die unheimliche Begegnung der dritten Art auf die große Leinwand brachte, sondern ebenfalls einen verloren gegangenen Außerirdischen dabei half, nach Hause zu telefonieren, von all den anderen denkwürdigen Abenteuern mit Dinos, Haien und Archäologen ganz zu schweigen. Steven Spielbergs reiches Œuvre beflügelt die Fantasie anderer und fördert dadurch weitere, fantastische Geschichten zutage. 

Anno 2018 tritt dabei jedoch eine unerwartete wie absehbare Anomalie auf, denn plötzlich sitzt niemand Geringeres als Steven Spielberg selbst auf dem Regiestuhl der Adaption von Ready Player One und verfilmt gewissermaßen, das, was er bereits geschaffen hat. Die Schatten der Nostalgie haben das Gegenwärtige endgültig eingeholt, sodass sich diese Entscheidung gleichermaßen folgerichtig wie unnatürlich anfühlt; im schlimmsten Fall aber wie ein Armutszeugnis für einen der letzten großen Träumer Hollywoods. Entgegen der durchaus nachvollziehbaren Befürchtungen entpuppt sich Steven Spielbergs jüngstes Werk allerdings als aufregendes Unterfangen, das sich der Magie der bewegten Bilder bewusst ist und erneut in eine jener Welten entführt, wie sie nur Steven Spielberg zum Leben erwecken kann.

Um das Erschaffen von Welten geht es auch Programmierer James Donovan Halliday (Mark Rylance), der zu Beginn des 21. Jahrhundert mit seinem besten Freund und Kollegen Ogden Morrow (Simon Pegg) das Multiplayer-VR-Spiel OASIS erfindet und damit den Lauf der Geschichte nachhaltig verändern soll. Nachdem sich die Erde in den darauffolgenden Jahre zunehmend in einen dystopischen Ort verwandelt hat, flüchten im Jahr 2045 die meisten Menschen in die stetig expandierende OASIS, um der Tristesse ihres echten Lebens zu entkommen. „People come to the Oasis for all the things they can do, but they stay because of all the things they can be“, erklärt Protagonist Wade Watts (Tye Sheridan) im einleitenden Voice-over, ehe sich im virtuellen Raum ein Meer aus Popkultur und Kindheitsfantasien offenbart, das wahrlich mit unbegrenzten Möglichkeiten lockt.

Als Halliday stirbt, hinterlässt er der Menschheit ein letztes Rätsel, das nebenbei über die Zukunft seiner Schöpfung entscheiden soll. Dabei handelt es sich – ganz in der Tradition eines waschechten Videospiels – um ein Easter Egg. Wer dieses als Erster findet, erbt nicht nur Hallidays gesamtes Vermögen von einer halben Billion US-Dollar, sondern erhält ebenfalls die Kontrolle über die OASIS, jenem letzten Rückzugsort der Menschen, mit dem aber auch eine gewisse Abhängigkeit verbunden ist. Schnell avanciert die Suche nach besagten Ei zum ultimativen Wettbewerb, der Spieler rund um den Globus im gleichen Atemzug vereint, wie er sie als Konkurrenten gegenübertreten lässt. Besonders Nolan Sorrento (Ben Mendelsohn), der Kopf des zwielichtigen Unternehmens Innovative Online Industries, hat es auf Hallidays Easter Egg abgesehen und schreckt vor keinen Mitteln zurück, um es sich zu holen.

Selbst für einen komplexen Science-Fiction-Film wie Ready Player One ist das sehr viel Prämisse, sodass Steven Spielberg mit seinen Drehbuchautoren Zak Penn und Ernest Cline, dem Autor der Vorlage höchstpersönlich, vor der Herausforderung steht, einen dynamischen Einstieg in die Geschichte zu kreieren. Auf der einen Seite gilt es, das heruntergekommene Columbus, Ohio mitsamt eines in den Himmel ragenden Trailerparks zu etablieren, während auf der anderen Seiten der überbordende Wahnsinn der OASIS wartet und entdeckt werden will. Dazu kommen diverse Regeln und Gesetze, die das Geschehen bestimmen, von Wade jedoch geschickt umgangen und somit aus einer zweiten Perspektive beleuchtet werden. Ready Player One mag anfangs mit Eindrücken überwältigen. Sobald sich der Film aber erst einmal bewegt, ist er unwiderstehlich mitreißend, magisch geradezu.

Steven Spielberg beschwört futuristische Panoramen, die gekonnt das Gewicht der Erzählung balancieren und trotzdem nie verlegen sind, sich im Gezeigten auszutoben und das Abenteuer mit hemmungsloser Begeisterung auszuleben. Ungeachtet all der Referenzen hinsichtlich popkultureller Meilensteine aus vergangenen Dekaden fasziniert Steven Spielberg vielmehr die Verlagerung der kostbaren Güter in die Gegenwart und Zukunft. Sein Film bleibt von den verklärenden Posen nostalgischer Erinnerungen unbeeindruckt. Dafür benutzt er die Verweise auf das Altbekannte als Bausteine, um seine eigene Vision der Geschichte voranzutreiben. Diese Vision beschäftigt sich etwa auch mit der Idee des Kinos selbst und wie sich diese im digitalen Zeitalter wandeln und verändern lässt – vorzugsweise mit waghalsigem CGI-Einsatz, der mitunter an das undurchschaubare Gefühl des in bläulichen Lichtern schwimmenden Minority Report erinnern.

Bereits mit seiner kühnen wie verspielten Motion-Capture-Unternehmung The Adventures of Tintin: The Secret of the Unicorn lotete Steven Spielberg die Grenzen des Digitalen aus, ehe er vor zwei Jahren Jahr Mark Rylance als freundlichen Riesen durch eine faszinierend künstliche Märchenlandschaft spazieren ließ. Dem Fortschritt nie abgeneigt gehört Steven Spielberg zu den wenigen Regisseuren, die in Anbetracht der unbegrenzten Möglichkeiten nicht die Fassung verliert, die nicht nur für die Spieler in der OASIS gelten, sondern ebenfalls sämtliche Filmschaffenden im digitalen Zeitalter betreffen. Steven Spielberg konzentriert sich auf das Wesentliche und versteht den Einsatz von Spezialeffekten stets als unterstützendes Element, um zum Kern des Geschehens vorzudringen, der das Echte und Unechte beispiellos verschmelzen lässt.

Wenn in Ready Player One die Massen auf einem virtuellen Schlachtfeld aufeinanderprallen, findet sich fortwährend ein roter Faden im packenden Getöse, der Orientierung gibt. Hier dominieren Abwechslung und die wie gewohnt federleichte Inszenierung umfangreicher Actionszenen – inklusive einer gesunden Portion Selbstbewusstsein. Dass Steven Spielberg mit seinen eigenen Werken die Entstehung des Romans von Ready Player One maßgeblich beeinflusst hat, ist ihm als Regisseur der Umsetzung völlig klar – und so denkt er das Spiel einfach weiter und bedient sich der Dinge, die ihn inspiriert haben. Dadurch weicht die Verfilmung zwar durchaus von der Vorlage ab, entwirft dadurch jedoch neue, hervorragend Momente, die anders wohl kaum möglich gewesen wäre und Ready Player One um ungeahnte wie einfallsreiche Facetten bereichern.

Dazu gehört etwa Steven Spielbergs Vertrauen, dass Max Steiners King Kong Theme von 1933 immer noch den Ansprüchen eines Blockbusters im Jahr 2018 standhalten kann. Oder die herrliche Variation der Themen und Motive von Stanley Kubricks The Shining, die es ihm nicht zuletzt ermöglicht, ein persönliches Mini-Remake des ikonischen Grauens im Overlook Hotel zu inszenieren und über das Verhältnis der kreativen Kräfte im Angesicht einer Adaption nachzudenken. Auch ein DeLorean, der sich auf den ersten Blick einer routinierten Geste in puncto Fanservice gleichkommt, wird von Steven Spielberg als persönliche Verbeugung vor den Kollegen in den Film integriert, mit denen er das Kino der 1980er Jahre geprägt hat. Mit Alan Silvestri ist sogar einer dieser als Komponist bei Ready Player One an Bord und begleitet Wades Heldenreise mit den prächtigen bis verträumten Klängen seines Orchesters.

Begleitetet von lebendigen Zitaten hat Steven Spielberg eine Hymne aus Spezialeffekten geschaffen, die eindeutig im Zeichen des Erzählten stehen und atemberaubende (Kino-)Welten eröffnen. Zum Staunen verleitet die Schönheit, Vielfalt und Universalität dieses gigantischen  Abenteuers, das unerschütterlich nach Idealen strebt. Wenn Wade und seine geheimnisvolle Mitstreiterin Art3mis (Olivia Cook) alles daran setzen, um diese Welten zu retten, ermöglicht es uns Steven Spielberg die unendlichen Weiten dieser sich ständig in Bewegung befindenden Räume auf der großen Leinwand zu erfahren. Perfekt muss Ready Player One dafür gar nicht sein, denn der Rausch entsteht von ganz alleine, sobald wir in die OASIS eintauchen und uns für die Zeit einer Kinokarte in Steven Spielbergs Träume begeben. Dann können wir mit Batman den Mount Everest besteigen und mit weit geöffneten Augen staunen.

Ready Player One © Warner Bros.

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.