Three Billboards Outside Ebbing, Missouri – Kritik

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri - Kritik

Wie viel Leid kann Mildred Hayes (Francis McDormand) noch ertragen? Ihr Tochter wurde vergewaltigt und ermordet. Unaussprechlich müssen die Qualen sein, die sie seit Monaten erleidet, vor allem im Angesicht der Ungewissheit hinsichtlich der Identität des Täters. Die Ermittlungen der örtlichen Polizei sind bisher zu keinem Ergebnis gekommen. Chief Willoughby (Woody Harrelson) scheint, den Fall unlängst zu den Akten gelegt zu haben – ein Umstand, der Mildred geradezu in die Verzweiflung treibt, sodass sie sich schließlich dazu entschließt, ein deutliches Zeichen zu setzen. Drei Werbetafeln mietet sie an, um ihr Anliegen genauso knapp wie drastisch zum Ausdruck zu bringen: „Raped while dying / And still no arrests / How come, Chief Willoughby?“ Keine 24 Stunden später hat sich die Kleinstadt gegen Mildred verbündet. Davon und noch viel mehr erzählt Three Billboards Outside Ebbing, Missouri.

Überbordend sind die Themen, die sich Martin McDonagh, seines Zeichens Regisseur und Drehbuchautor von Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, aufgeladen hat und nun – mit bissigem Tonfall – aus den unterschiedlichsten Standpunkten beleuchten will. Während der grundlegende Konflikt schnell erklärt wird, sorgt insbesondere die Figur des Officer Dixon (Sam Rockwell) für dramaturgischen Zündstoff, denn dieser wird nicht müde, sich von seiner rassistischsten wie aggressivsten Seite zu präsentieren. Impulsiv stapft er durch die Gegend und richtet mehr Unheil an, als ihm bewusst ist. Dabei handelt er einerseits im Zeichen seiner hetzerischen Mutter (Sandy Martin), andererseits aus dem eigenen Unvermögen heraus, die Quelle seines Zorns ausfindig zu machen. Dixon ist wütend und lässt seiner gequälten Seele freien Lauf. Opfer davon werden die Menschen in seinem Umfeld, die gleichermaßen überfordert wie eingeschüchtert von seinem Verhalten sind. 

All dieser Hass, all dieser Zorn, der sowohl auf Seiten Mildreds als auch auf Seiten Dixons pulsiert, teilt sich in verschiedene Sorten auf. Dem nachvollziehbaren Schmerz einer Mutter stehen die irrationalen Gewalttaten einen Rassisten gegenüber – und dennoch ist Martin McDonagh bemüht, die Grautöne dazwischen zu finden. In verblüffenden Momenten will er ein Plädoyer für die Menschlichkeit schaffen, die sich irgendwo zwischen Vergebung und Verdammnis befindet. Unangenehm fällt dabei allerdings auf, dass Martin McDonagh ein Gros der Menschen seines Mikrokosmos vergisst, obgleich diese stellvertretend für eine ganze Nation stehen sollen und zugunsten ein paar weniger (Charakter-)Entwicklungen instrumentalisiert werden. Während Mildred und Dixon im Verlauf der Geschichte über ihre Stereotypen hinauswachsen, vernachlässigt das Drehbuch die Figuren des übrigen Ensembles auf schmerzliche Weise.

Gerade im Zusammenspiel mit der angesprochenen, ambivalenten Thematik erweist sich diese Nachlässigkeit als wirkliches Problem. Martin McDonagh will mit Argumenten argumentieren, die er selbst nicht ernst nimmt. Immer wieder flüchtet er sich in ironische Brüche, blickt aus satirischer Perspektive auf das Geschehen und sabotiert mit willkürlichen Wechseln auf stilistischer wie tonaler Ebene munter die dramaturgische Kontinuität, bloß, um einen vermeintlich raffinierten Kommentar in seine Inszenierung zu schleusen. Subtil geht dabei nichts vonstatten, so penetrant und ignorant schmettert Martin McDonagh seine Botschaft zwischen die Zeilen, während er die Schlagfertigkeit seiner One-liner maßlos überschätzt. Trotzdem erweckt Three Billboards Outside Ebbing, Missouri oftmals den Eindruck, gar nicht zu wissen, was eigentlich schief läuft. Eifrig werden die Konflikte ausgerollt, als ginge es darum, jeden Schicksalsschlag in einen grotesken Streich zu verwandeln, der die Menschen erst entblößt und anschließend mit versöhnender Geste zusammenführen soll.

Unter dieser Versöhnung versteht der Film allerdings eine merkwürdige Form der Läuterung, die sich exklusiv auf einen begrenzten Dunstkreis gesellschaftlicher Zirkel bezieht und in der gemeinsamen Abneigung fragwürdige Stärke findet. Wenngleich sich Martin McDonagh mit seinem Ende einem finalen Urteil entzieht, kann sein Film kaum einer der vielen Behauptungen in puncto Facettenreichtum standhalten, die im Rahmen der vorherigen zwei Stunden siegessicher ausformuliert werden. Da können Francis McDormand, Sam Rockwell und Woody Harrelson noch so beeindruckend ihre Präsenz vor der Kamera unter Beweis stellen, gegen das verunglückte Drehbuch können sie nicht anspielen. Irgendwann geht selbst die Hoffnung auf ein großes Missverständnis verloren: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri weigert sich geradezu, der kolportierten Menschlichkeit ins Auge zu schauen. Dafür erweist sich die unangebrachte Karikatur im Hintergrund stets als viel zu dankbarer Fluchtweg.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri © 20th Century Fox

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.