Twin Peaks: The Return – Kritik

Twin Peaks: The Return - Kritik

„The past dictates the future“, sagt Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan), während zwei Abbildungen seines Gesichts ineinander verschmelzen und somit bildlich das Tor in eine Welt öffnen, die aus mehreren Ebenen, mehreren Schichten zu bestehen scheint. Eine denkbar einfacher Trick, vielleicht sogar einer der ältesten, seitdem es bewegte Bilder gibt. Die übereinandergelegten Aufnahmen eröffnen einen völlig neuen Raum – und genau diese Räume faszinieren David Lynch wie kaum etwas anderes. In Twin Peaks: The Return dreht sich alles um Räume und die Menschen, die sie betreten bzw. versuchen, sie zu betreten/verlassen. Gleich in der ersten Episode des Revivals kehrt der zuvor erwähnte Agent Cooper in den wohl berühmtesten Twin Peaks-Raum zurück, der aufgrund seiner roten Vorhänge und dem schwarz-weiß-gezackten Muster auf dem Boden seinen Weg ins Langzeitgedächtnis der Popkultur gefunden hat.

Hier trifft die beschworene Vergangenheit auf die Zukunft, vermutlich in einem Auszug der Gegenwart. Aber nur vermutlich. Denn was da genau passiert, ist vorerst zweitrangig, vielleicht sogar komplett irrelevant oder zumindest für einen späteren Zeitpunkt bestimmt. Zuerst geht es um die Eroberung der Räume dieser faszinierenden Welt, die vor allem im Vertrauten Abgründe verbirgt. Ikonische Orte wie das Double R Diner, das Great Northern Hotel oder das Roadhouse offenbaren zu gleichen Teilen den Traum der Nostalgie und die Realität des Alterns. Die Welt von Twin Peaks ist gealtert, nicht besonders schlecht und nicht besonders gut, sondern schlicht gealtert. Bei einem solch nüchternen Bruch mit den verwöhnten Sehgewohnheiten bleibt einem nichts anderes übrig, als selbst in die alten (und neuen) Räume zu starren, genauso wie ein junger Mann in den ersten Episoden einen Glaskasten in New York City beobachten soll.

Sprichwörtlich sitzt er vor der aufwendigen Vorrichtung in einem riesigen Lagerraum und wartet darauf, dass etwas passiert. Eine denkbar frustrierende Aufgabe, besonders im Hinblick auf die Pointe, dass er den großen Moment des Geschehens verpassen wird, ehe ihm die bizarre Situation zum Verhängnis wird. Ein Rätsel folgt auf das nächste, gerahmt von hypnotisierenden Aufnahmen, die sonst so strahlende Metropolen wie New York und Las Vegas in ein merkwürdig neutrales Licht trister Unauffälligkeit rücken, während sich heimlich im Hintergrund Alträume in unfassbaren Schreckensbildern manifestieren. Die Sonne strahlt so lustlos wie trocken auf den Asphalt, dass es schwer füllt, eine Idylle in diesem Amerika auszumachen, das schon bald Schauplatz eines Weltuntergangs wird, der unlängst stattgefunden hat. Plötzlich entsteht ein Rauschen und Straßen und Häuser brechen auf, gespalten vom apokalyptischen Blitzlichtgewitter.

Twin Peaks: The Return wagt sich an Orte, die selbst in David Lynchs Schaffen ihresgleichen suchen, als hätte der Filmemacher seinen persönlichen The Tree of Life inklusive verstörender Urknall-Sequenz geschaffen. Ein digitales Monument, das für immer stehen wird, weil jeder, der sich ihm annähert vor Angst erstarrt und es somit niemals erreichen wird. 18 Episoden lang beschwört und formuliert Twin Peaks: The Return diese Suche, diese Hetzjagd, dieses verzweifelte Ringen nach einer Antwort, nach einem Ende, nach einer Endlichkeit. Schlussendlich sind es aber nur zwei Fragen, die mit aller Anstrengung und Kraft über die Lippen des Protagonisten kommen, der sich selbst verlorenen hat, in den Zwischenwelten des Bösen. In mehrfacher Ausführung stolziert der einstige Agent Cooper durch die Welt und verfolgt stets ein anderes Ziel, unter Umständen auch gar keins. Es ist die absolute Entfremdung einer Hauptfigur.

„Where am I?“, lautet die erste Frage, die Twin Peaks: The Return über weite Strecken bestimmt und erneut vom unerschöpflichen Raum-Motiv der Serie Gebrauch macht. Agent Cooper belagert in unterschiedlichen Erscheinungsformen gleich mehrere Twin Peaks-Räume und verhält sich mal mehr, mal weniger wissentlich, aber immer auf der Suche. Am verblüffendsten gestaltet sich dabei sein Doppelgänger Dougie Jones, der sich zwischen Familie und Arbeit wohl in der normalsten Umgebung bewegt – zumindest bis an jenem Punkt, an dem sich die Ereignisse überschlagen. Plötzlich schwankt er zwischen Superheld und Pflegefall, ohne, dass es auch nur eine Menschenseele um ihn herum mitkriegt. Egal, wie oft er die ihm vertrauten Räume betritt, bleibt Dougie jedes Mal wie ein Fremder verunsichert in der Ecke stehen und wartet darauf, die Worte und Sätze seiner Gesprächspartner zu wiederholen und zu adaptieren.

Was für verheerende Missverständnisse in puncto Kommunikation sorgen sollte, fungiert als Startschuss einer amüsanten Odyssee, die schleichend ihre Unschuld verliert, bevor sich zum Schluss ein Graben öffnet, der selbst die letzte Bastion der Hoffnung zum Einsturz bringt. Tief fallen die Figuren in diesen Höllenschlund, bis sie von den Flammen eines unzähmbaren Feuers verschlungen werden. Der finale Schrei kann all den Schmerz dieser Erfahrung gar nicht zum Ausdruck bringen und dennoch hallt er durch die Nacht, mit erschütternder, zerreißender, vernichtender Kraft. „What year is this?“ Die zweite große Frage stellt Twin Peaks: The Return in seiner ungewissesten Stunde. Ein Revival, das erschaudern lässt. Eine Bestie, die mit unberechenbarer Wucht alles in der Luft zerreißt, was sich ihr in den Weg stellt. Vor allem aber eine Rückkehr, die sich entschlossen nichts von ihrer Vergangenheit diktieren lässt.

Twin Peaks: The Return © Showtime/Sky

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.