A Beautiful Day in the Neighborhood – Kritik

A Beautiful Day in the Neighborhood

Lloyd Vogel (Matthew Rhys) eilt ein gewisser Ruf voraus: Wenngleich er für seinen investigativen Journalismus geschätzt wird, findet sich am Ende seiner Reportagen meist ein niederschmetterndes Fazit. Hat Lloyd sich erst einmal in ein Thema eingelesen, ruht er nicht, ehe sämtliche Perspektiven erkundet und ausgeleuchtet sind. Das gilt insbesondere für die unangenehmen Seiten, die er im Zuge seiner Recherche aufgedeckt. Lloyd ist jemand, der zur Wahrheit vordringt und anderen Menschen zeigt, was sie nicht sehen. Unmöglich, dass sich solch ein kritischer Geist von dem allseits beliebten Fred Rogers (Tom Hanks) verzaubern lässt.

Der Fernsehmoderator gehört Ende der 1990er Jahre zu den beliebtesten TV-Persönlichkeiten Amerikas. Seit 1968 moderiert er die Kindersendung Mister Rogers‘ Neighborhood und ermutigt darin all seine jungen Zuschauer*innen, an sich selbst zu glauben. Extrem freundlich und einfühlsam tritt Fred Rogers vor der Kamera auf, als würde das Gute in unantastbarer Gelassenheit nur so aus ihm heraussprudeln. Für das Esquire-Magazin soll Lloyd in A Beautiful Day in the Neighborhood ein Porträt über dieses Nationalheiligtum verfassen. Allein der Gedanke an ein solches „fluff piece“, wie er es verächtlich nennt, sorgt bei ihm für Würgereiz und Schwindelgefühle.

Ale berührendes Drama erzählt Regisseurin Marielle Heller in ihrem dritten Spielfilm die Begegnung der zwei grundverschiedenen Männer. Trotz der wahren Begebenheiten, auf denen A Beautiful Day in the Neighborhood basiert, haben wir es hier allerdings mit keinem konventionellen Biopic zu tun, das sich am Werdegang einer Berühmtheit abarbeitet. Zwar lädt uns der bravourös von Tom Hanks verkörperte Fred Rogers gleich zu Beginn des Films in seine Fernsehsendung ein und schafft damit eine Rahmung, die dem echten Vorbild verblüffend ähnlich sieht. Schlussendlich ist er eine Nebenfigur, mal greifbar und dann doch wieder unerreichbar.

Marielle Heller denkt in diesem Zuge sehr geschickt über den Einfluss und die Wirkung jener großen Vorbilder nach, denen wir für gewöhnlich nicht begegnen, manchmal aber näher sind, als wir es bemerken. Mit Lloyd als Protagonisten findet sich eine faszinierende Schnittstelle: Als Journalist ist er dabei, wenn Geschichte geschrieben wird. Trotzdem taucht sein Name darin nicht auf. Vielmehr ist er ein aufmerksamer Beobachter und hat Zugang zu den unbekannten Zwischenräumen, ehe ein Artikel in gedruckter Form das Licht der Welt erblickt. Je weiter der Film voranschreitet, desto mehr wird A Beautiful Day in the Neighborhood jedoch zu seiner eigenen Geschichte.

Das Ungleichgewicht zwischen Lloyd und Fred Rogers ist offensichtlich. Marielle Heller hat es allerdings nicht darauf abgesehen, sie gegeneinander auszuspielen. Stattdessen erweist sich A Beautiful Day in the Neighborhood als behutsamer Film, der auf der Suche nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den Menschen ist, die er porträtiert. Daraus entsteht ein Dialog, der es ermöglicht, über die Dinge zu reden, die selbst Lloyd trotz seiner sonst so messerscharfen Fragen nicht zu adressieren wagt. Im Verborgenen, im Verschlossenen verstecken sie sich. Marielle Heller findet durch ihre kluge, feinfühlige Inszenierung aber auf vielfältige Weise einen Weg in die komplexe Gefühlswelt ihrer Figuren.

Besonders faszinierend gestaltet sich das Spiel mit den Stilmitteln von Mister Rogers‘ Neighborhood. Angefangen beim Wechsel der Bildformate über das Auftreten von Puppenfiguren wie King Friday XIII. und Daniel Striped Tiger bis hin zu den Establishing Shots von Städten, die ausschließlich aus Modellhäusern bestehen: A Beautiful Day in the Neighborhood fühlt sich mitunter so an, als wäre der Film direkt einer Episode aus der Sendung entsprungen. Gleichzeitig entführt die Kamera immer wieder hinter die Kulissen, erkundet das Filmstudio und die heimlichen Prozesse, die im Fernsehen nicht zu sehen sind. Dadurch eröffnen sich viele verschiedene Blickwinkel auf die gezeigten Ereignisse.

Als Zuschauer kann man tief in A Beautiful Day in the Neighborhood versinken. Nicht aufgrund der blinden Feel-Good-Elemente, sondern der Menschlichkeit, die Marielle Heller zu keinem Zeitpunkt vergisst. Wenngleich der von ihr in Szene gesetzte Fred Rogers nicht selten einem Heiligen gleicht, schlummert da – genauso wie bei Lloyd – ein zermürbender Schmerz, der nur langsam zum Vorschein kommt, aufgrund seiner stillen Tragik aber umso länger im Gedächtnis bleibt. So verträumt Fred Rogers‘ Miniaturwunderland wirkt, so hoch ist der Preis dafür. Es erfordert einiges an Mut, sich dieser Wahrheit zu stellen. Genau in diesen Momenten ist A Beautiful Day in the Neighborhood am stärksten.

A Beautiful Day in the Neighborhood © Sony Pictures