Annihilation – Kritik

Annihilation - Kritik

Was macht uns menschlich? Diese Frage zieht sich in angenehmer Vielfalt wie ein roter Faden durch Alex Garlands Schaffen. In den abgelegenen Orten dieser Welt, die sich manchmal sogar komplett im Jenseits befinden, spürt er dem Menschsein auf dem Grund und schreckt dabei vor keiner Extremsituation zurück, vorzugsweise im existenzphilosophischen Gewand und für gewöhnlich mit mehr Fragen als Antworten ausgestattet. Mit Annihilation knüpft der Regisseur und Drehbuchautor, der zuletzt mit Ex Machina einen packenden Science-Fiction-Thriller auf engstem Raum ablieferte, nahtlos an seine bisherigen Motive an und liefert vielleicht seine gewagteste Vision von dem, was da kommen mag. Ehe wir uns versehen, legt sich – basierend auf der gleichnamigen Romanvorlage von Jeff VanderMeer – ein eigenartiger, hypnotisierender Schimmer über die Erde und verschlingt alles Leben bis zur endgültigen Auslöschung.

Als Area X wird jener Landabschnitt bezeichnet, den sich besagter Schimmer zu eigen macht, während sich die mysteriöse Gefahrenzone ausgehend von einem Leuchtturm fortwährend ausbreitet. Zwölf Expeditionsteams wurden bereits durch den regenbogenfarbenen Schleier geschickt, der das gefährliche Gebiet markiert, doch bisher ist niemand zurückgekehrt. Erst, als die Biologin und ehemalige Soldatin Lena (Natalie Portman) eines Abend von ihrem Mann Kane (Oscar Isaac) überrascht wird, nimmt das Geheimnis und die nächste Mission konkretere Züge an. Lena macht sich zusammen mit der Psychologin Dr. Ventress (Jennifer Jason Leigh), der Sanitäterin Anya Thorensen (Gina Rodriguez), der Physikerin Josie Radek (Tessa Thompson) und der Geologin Cass Sheppard (Tuva Novotny) auf den Weg zum Ursprung des Schimmers und erlebt eine Odyssee durch einen endzeitlichen Dschungel, der seinen eigenen Gesetzen folgt.

Das Ziel ist der Leuchtturm, dieser Lebensretter, der verlorenen Seefahrern den Weg weisen soll, durch das Dicht der Bäume jedoch nicht erkennbar ist. Dennoch werden die filmischen Räume, die Alex Garland im Verlauf dieses einnehmenden Abenteuers eröffnet, stets von einem ganz faszinierenden Licht durchflutet, das einerseits die zuvor erwähnten Regenbogenfarben in träumerischen Kompositionen spiegelt, andererseits aber auch zur eigenen, undefinierbaren Bedrohung avanciert. Kaum haben Lena und der Rest des Teams die Zone betreten, die in ihrer schweißtreibenden Unheimlichkeit Erinnerungen an Andrei Tarkowskis Stalker wachwerden lässt, durchleben sie einen fiebrigen Albtraum, in dem sie von ihren Ängsten manipuliert und mit dem Zerfall als Prozess der Veränderung konfrontiert werden. Der Schimmer offenbart sich als Ort, an dem kostbares Leben zerstört wird, während gleichzeitig (unentdecktes) neues entsteht.

Dies ereignet sich sowohl mit furchteinflößenden Gesten als auch in Momenten verblüffender Schönheit, die dem Grusel eine Facette von Erhabenheit abgewinnen. Alex Garland fängt mit seinen Bildern eine außergewöhnliche Stimmung ein, die manchmal genauso feindselig wirkt, wie die dissonanten Verführungen in Under the Skin und David Cronenbergs Body Horror. Manchmal veranlasst sie aber auch zum puren Staunen, wenn sich das Ende etwa in Form der titelgebenden Auslöschung unerbittlich ankündigt oder eben jenes Licht durch die Baumkronen fällt, als hätte Terrence Malick einen Science-Fiction-Film gedreht. Gerade dieses Licht ist es, das Annihilation wahrlich zu etwas Außergewöhnlichem macht, das eigentlich gar keiner Referenz benötigt, um Geltung zu erfahren. Das Licht in diesem Film ist von solch sonderbarer Eigenschaft, dass es fesselt und verstört. Dass es entführt und verlorengehen lässt. Und dass es wirklich nie zu greifen ist.

Je weiter die Gruppe Frauen in den Schimmer eindringt, desto abstrakter werden ihre Erlebnisse und Erkenntnisse, ebenso wie die Sprache des Films, der sich im Finale ganz der Bewegung von Körpern und deren Erschaffung und Definition hingibt. Im Dunkeln, in einer unter der Erde versteckten Höhle, nimmt alles seinen Anfang, ehe ein Feuerwerk das Leben beflügelt, die Finsternis durchbricht und das schafft, was zerstört. Die Möglichkeit dieses schöpferischen Akts ist Aufstieg und Untergang zugleich – und niemand ist davor sicher. Annihilation entpuppt sich als radikales Unterfangen, das ab einem gewissen Punkt nur noch aus Eindrücken besteht und jegliche Gratwanderung der Existenz vollzieht, während die Eindringlinge mit dem Schimmer verschwimmen, sich in ihm auflösen oder gar ihn auflösen. Was bleibt, ist die Ungewissheit über das Erlebte und der Zweifel am eigenen Fortbestehen in einer Welt, in der sich alles wandeln kann. Aber das ist menschlich. 

Annihilation © Netflix

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.