Ash Is Purest White – Kritik

Ash Is Purest White - Kritik

Mit den verwackelten Bildern einer Digitalkamera, die Jia Zhangke im Jahr 2001 aufgenommen hat, beginnt Ash Is Purest White. Der neuste Film des chinesischen Regisseurs erzählt eine epische Liebesgeschichte, die sich über knapp zwei Dekaden erstreckt und somit ebenfalls als Retrospektive seines eigenen Œuvres betrachtet werden kann. Die Veränderung steht in der auf drei große Abschnitte aufgeteilten Erzählung im Vordergrund und findet sich ebenfalls in den verschiedenen Kameras wieder, mit denen dieses Epos gefilmt wurde, das sich ebenfalls ins Genre des Gangsterfilms vorwagt und darüber hinaus vor allem von die Melancholie einer Zeitenwende dokumentiert, nachdem zwei Pistolenschüsse die Welt ins Chaos gestürzt haben. Was folgt, ist ein Porträt über die Gefangenen des Universums, die sich nach dem Leuchten eines Ufos am verdunkelten Himmel sehnen. Schlussendlich kehren sie aber wieder dorthin zurück, wo ihre Geschichte angefangen hat.

In Ash Is Purest White erweist sich Jia Zhangke einmal mehr als aufmerksamer Beobachter, der es sich zur Aufgabe macht, die Entwicklungen seines Heimatlandes in einer nüchternen wie ergreifenden Poesie auf die große Leinwand zu bannen. Was gerade in den Augen der westlichen Welt oft nur im Abseits, im Verborgenen stattfindet, kommt in Jia Zhangkes Werk in überlebensgroßen Bildern zum Vorschein, die sich mit dem Wandel der Zeit auseinandersetzen. Das China seiner Filme kann genauso ein trister wie hoffnungsvoller Ort sein, an dem sich die Schönheit des Lebens mit etwas zutiefst Tragischem vereint, meist ausgelöst durch die wirtschaftliche Situation. Die Krise treibt die Menschen an ihre Grenzen, während sie von den Erinnerungen an eine goldene Vergangenheit verfolgt werden, in der bitteren Realität der Gegenwart aber keine Spiegel mehr entdecken, in die sie zu blicken wagen. Es stellt sich die Frage, ob eine Zukunft in dieser beängstigenden wie verlassenen Welt überhaupt noch möglich ist.

Qiao (Zhao Tao), die Frau des Gangsters Bin (Fan Liao), der in der nordchinesischen Provinz Shanxi das Sagen hat, begibt sich dennoch auf den ungewissen Pfad der Zukunft, wenn sie die eingangs erwähnten Schüsse mit einer illegalen Waffe abfeuert und daraufhin für fünf Jahre ins Gefängnis muss. Faszinierend ist dabei zu sehen, wie Jia Zhangke seinen Figuren eine gewisse Kontrolle über die vonstattengehenden Ereignisse überträgt, wenngleich sie am Ende des Tages größeren Kräften des Universums ausgeliefert sind, die sie orientierungslos durch die sich beständig verwandelten Umgebung stolpern lassen. Alte Werte geraten in Vergessenheit, während  die Bilder von Kameramann Eric Gautiers hin- und hergerissen sind zwischen den prägenden, ikonischen Gesten des Kinos und der Dokumentation der niederschmetternden Veränderung. Wo Ash Is Purest White eben noch lässig in der kriminellen Unterwelt verkehrte, sieht sich der Film im nächsten Augenblick mit einer betäubenden Fremde konfrontiert.

Jia Zhangke, seines Zeichens ein Vertreter der sechsten Generation chinesischer Filmemacher, verliert sich schlussendlich auch in Ash Is Purest White in der poetischen Ebene seines Schaffens, die der dokumentierten Zeitgeschichte Leben einhaucht und diese transzendiert. In den finalen Minuten des Films ist es geradezu unglaublich, dass die Figuren anfangs noch ausgelassen zu Y.M.C.A. von den Village People getanzt haben, während fadenscheinige Deals abgeschlossen und Geldbündel verteilt wurden. Ash Is Purest White löst sich zunehmend von diesen – durchaus liebevoll inszenierten – Posen im Verlauf seiner fast zweieinhalbstündigen Laufzeit und findet eine unendlichere Sprache. Eine Sprache, die sich ganz den Gesichtern der Menschen verschrieben hat, die 17 Jahre lang durch blühende wie zerstörte Landschaften irrten. Diese Gesichter erzählen die ergreifendsten Geschichten – und vermutlich gibt es keine bessere Schauspielerin als Zhao Tao, um all die erlebten Erfahrungen zu bündeln.

Durch Qiaos Augen erleben wir die zuvor erwähnte Fremde, die meistens von einer unfreundlichen Kühle kündet, manchmal aber auch unerwartet Platz für tröstende Momente im Stillen schafft. Der Blick in den Sternenhimmel gestaltet sich sich als eines der eindrucksvollsten Bilder von Ash Is Purest White, dicht gefolgt von sorgfältig ausgewählten Ausnahmen, die der Bewegung von Zügen folgen. Ewige Gleise, die sich über Berge und Täler hinwegsetzen und selbst in die entlegensten, vergessenen Winkel des Landes führen, stehen für eine unaufhaltsame Bewegung, die durch urbane Schluchten und das satte Grün der Natur führt. Ash Is Purest White verwendet die unterschiedlichsten Grüntöne mit einer solchen Energie und Strahlkraft, wie sie dieses Jahr nirgendwo anders im Kino zu sehen waren. Die Hoffnung, die sich dahinter verbirgt, befindet sich aber stets im Konflikt mit den hämmernden Schlägen, die sich im Hintergrund unaufhaltsam steigern, als würde das Schicksal wortwörtlich auf einem Amboss geschmiedet werden.

Ash Is Purest White © Neue Film Visionen Filmverleih

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.