Ashes of Time – Kritik

Ashes of Time

Ein Film von außerweltlicher Qualität: Kein einziges Bild in Ashes of Time fühlt sich so an, als wäre es auf dieser Erde aufgenommen worden. Hohe Kontraste provozieren das Gefühl eines schweißtreibenden Fiebertraums, so intensiv glühen die Farben der Wüste, in die Wong Kar-wai mit seinem virtuosen Wuxia-Film entführt. Ein fremder Planet tut sich vor unseren Augen auf und dennoch verstecken sich überall vertraute Genre-Elemente, seien es die furiosen Schwertkämpfe oder Banditen, die es auf Pferde abgesehen haben. Am Ende bleiben aber vor allem schemenhafte Bewegungsabläufe in Erinnerung.

An der Darstellung konkreter Ereignisse ist Wong Kar-wai im Grunde gar nicht interessiert. Wenngleich sein Film, der von Figuren aus Jin Yongs Roman The Legend of the Condor Heroes inspiriert wurde, auf den ersten Blick einem großen Wuxia-Epos gleicht, löst sich der rote Faden der Geschichte zunehmend in einer fragmentarischen Erzählung auf. Irgendwann sind es nur noch die Gedanken aus dem Off, die Ashes of Time zusammenhalten, wenn der Schwertkämpfer Ouyang Feng (Leslie Cheung) zurückgezogen in einer Herberge über sein Leben sinniert und zwischen Leben und Tod verhandelt.

Ein faszinierender Ort der Gegensätze: Wong Kar-wai entdeckt zermürbende Einsamkeit im Angesicht vertaner Chancen, während sich hier gleichzeitig weitere ausgestoßene Figuren zusammenfinden, die trotz gegenseitigem Misstrauen durch eine leise Tragik miteinander verbunden sind. Es geht um Rache, Geld und Liebe – und einen magischen Schnapps, der vergessen lässt. Doch je angestrengter die Verlorenen versuchen, das Vergangene aus ihren Köpfen zu verbannen, desto deutlicher erinnern sie sich. Nur Wasser kann den Geist reinwaschen und vor der Dürre der Wüste schützen.

Ashes of Time entfaltet sich dabei in einem komplexen Geflecht aus assoziativen Eindrücken und baut allein auf die eigenwillige wie poetische Bildsprache, die Wong Kar-wai zusammen mit Kameramann Christopher Doyle entwickelt. Traumhaft, rauschhaft und verworren: Irgendwann gleiten nur noch verschwommene Formen durch das Bild und von Bedauern gezeichnete Schatten ziehen über die Gesichter. Je öfter Wong Kar-wai seine filmischen Räume in Ashes of Time durcheinanderwirbelt, umso verblüffender gestaltet sich der ruhige Blick direkt in die traurigen Augen der Figuren.

Und dann ist Ashes of Time trotz seiner ungewöhnlichen Gestaltung, die jegliche Orientierungspunkte bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, plötzlich wieder ein ganz greifbarer Film. Wong Kar-wai verlässt sich einmal mehr auf Stimmungen, die er durch seine Bildkompositionen erzeugt. Chronologie und Kohärenz sind da nur zweitrangige, wenn nicht sogar störende Begriffe. Als melancholische Erfahrung breitet sich Ashes of Time aus, so menschlich wie befremdlich zugleich. In den schemenhaften Bewegungen kommt schließlich alles zusammen: ein Strudel aus Emotionen, balanciert auf der Klinge eines Schwertes.

Ashes of Time © Splendid Film