Black Is King – Kritik

Black Is King

Ein Jahr nachdem Disneys seelenloses The Lion King-Remake seinen Weg auf die große Leinwand gefunden hat, folgt eine unerwartete Zugabe auf Disney+, wobei das Wort Zugabe der Sache nur bedingt gerecht wird. Black Is King basiert auf dem Soundtrack-Album The Lion King: The Gift, das von Beyoncé kuratiert und begleitend zum Kinofilm veröffentlicht wurde. In Form eines Visual Album erwachen die Songs nun als aufwendig gefilmte Collage aus kraftvollen Farben und Bewegungen zum Leben. Von einer kleinen Streaming-Ergänzung kann da wahrlich nicht die Rede sein.

Black Is King, ebenfalls unter der kreativen Leitung von Beyoncé entstanden, versteht sich nahezu vollständig als eigenständiges Werk, das seinem Ursprung in jeder Hinsicht überlegen ist. Wo sich The Lion King anno 2019 mutlos an den vertrauten Bildern des Original entlang hangelte, ist Beyoncé ausschließlich daran interessiert, eine Ikonografie zu entwerfen, die das Vertraute in einen neuen Kontext setzt. Die Reise eines jungen afrikanischen Königs erzählt somit jetzt auch von schwarzer Kultur, Erbe und Identität und versteht sich als knapp eineinhalbstündiger Bewusstseinsstrom.

Wie zuletzt bei Lemonade lässt Beyoncé viele kleine Geschichten entstehen, die sich wie ein Mosaik zu einem immer größer und komplexer werdenden Bild zusammensetzen. Mit jeder weiteren Einstellung prasseln unzählige Eindrücke auf den Zuschauer ein, die es geradezu unmöglich machen, Black Is King in seiner Gesamtheit zu entschlüsseln. Trotzdem läuft der Film in einer unaufhaltsamen Wellenbewegung zusammen, die mitreißt und uns in faszinierende Welten eintauchen lässt. Diese Welten offenbaren sich zumeist als atemberaubende Kulissen, mitunter verstecken sie aber ebenso bedrohliche Räume.

Die Reise des jungen Königs, wie sie Beyoncé illustriert, setzt sich – den einzelnen Songs entsprechend – aus verschiedenen Stationen voller Entdeckungen ohne geradlinige Erzählung zusammen. Hier spielt Beyoncé mit Ideen und Motiven, die sich wiederholen und gespiegelt werden. Dennoch besitzt jedes Segment einen unverwechselbaren, einnehmenden Charakter, sowohl in der Musik als auch in der visuellen Gestaltung. Fremd fühlen sich nur die vereinzelt eingestreuten Zitate an, die direkt aus The Lion King stammen und mehr einem Kompromiss denn einer Bereicherung gleichen.

Ins Wanken gerät Black Is King dadurch allerdings nicht. Das Selbstbewusstsein, das dieser Film ausstrahlt, ist bemerkenswert – und vor allem auf Beyoncé zurückzuführen. Bereits in der Vergangenheit hat sie sich regelmäßig als Künstlerin bewiesen, die ihre Botschaften, Geschichten und Gefühle auf unterschiedlichste Weise zum Ausdruck bringen kann, etwa im Rahmen ihres phänomenalen Coachella-Auftritts 2018, der in dem Konzertfilm Homecoming festgehalten wurde, oder dem Visual Album, das 2016 zusammen mit Lemonade erschienen und das bisher beste Zeugnis ihrer Schaffenskraft ist.

Ohne Probleme könnte Queen B diesen Film im Alleingang stemmen, doch das widerspräche dem kollaborativen Gedanken, der schon The Gift bestimmte. In Black Is King teilt sie die gigantische Disney+-Bühne, um ihr Gemälde noch eindrucksvoller und facettenreicher zu gestalten. Ins Rampenlicht treten dabei nicht nur die üblichen Verdächtigen von Kendrick Lamar über Pharrell Williams bis zu Jay-Z, sondern auch weniger bekannte Künstler*innen wie die aus Nigeria stammenden Tiwa Savage, Wizkid und Mr Eazi. Ein Zusammenkommen, das den Familiengedanken von Black Is King weiterspinnt.

Spannend ist zudem der Umgang mit Posen, die nicht zuletzt aus einem weißen Blickwinkel geprägt wurden, nun jedoch durch Beyoncés Vision in einem anderen Licht erscheinen und somit neue Perspektiven eröffnen. Der junge König – sprich: die nächste Generation – beschäftigt sich mit dem Vermächtnis seiner Vorfahren und sammelt Erfahrungen, die er für seine eigene Zukunft denkt: Black Is King avanciert damit ebenso zum Zeugnis der Veränderung. Dementsprechend sind auch die Bilder des Films mit einer Vielzahl an Bedeutungen aufgeladen und können genauso kitschig wie erlesen wirken. Entscheidend ist, dass sie existieren.

Black Is King © Disney+