Candelaria – Kritik

Candelaria - Kritik

Gleichermaßen losgelöst wie abgeschottet vom Rest der Welt liegt Kuba in der Karibik, während die Sonne das Gestein zum Glühen bringt. Im Jahr 1994 erweist sich der Inselstaat als merkwürdiges Paradies. Entgegen der ersten Eindrücke, die von einem ruhigen, seligen Leben künden, verbirgt sich hier ein tiefes Trauma, gefördert durch den Zusammenbruch der Sowjetunion sowie durch das US-amerikanische Wirtschaftsembargo. Das merken auch die 75-jährigen Candelaria (Véronica Lynn) und ihr ein Jahr älterer Ehemann Victor Hugo (Alden Knight), wenn sie sich abends zusammenfinden und mit besorgtem Gesichtsausdruck in den leeren Brotkorb starren. Der Hunger ist immer da, ebenso eine gewisse Leere, die der Sonne trotzt und ratlos auf das Meer starrt, wo die Weite von unendlichen Möglichkeiten träumen lässt, während sie insgeheim auch von der Chancenlosigkeit erzählt, diesem insularen Gefängnis zu entkommen.

Der kolumbianische Regisseur Jhonny Hendrix, dessen Debüt Chocó 2012 im Rahmen der Berlinale seine Premiere feierte, dringt mit Candelaria, hierzulande mit dem Zusatztitel Ein kubanischer Sommer versehen, tief in den Schmerz eines Landes ein, das blühen könnte, sich jedoch in einem Zustand beständiger Zerrissenheit befindet. In einem Bild treffen hier Glück und Unglück aufeinander, besonders dann, wenn sich die Protagonisten am Ende des Tages gegenseitig erkennen, womöglich sogar am Ende ihres Lebens. Das Altern nimmt eine übergeordnete Rolle in Candelaria ein und führt schon ab einem sehr frühen Punkt des Films zur Frage, ob sich das ganze Leiden gelohnt hat, ob es das wirklich wert war. Verschiedene Antworten bietet Jhonny Hendrix uns Zuschauern auf diese Frage an. Wichtig ist ihm vor allem die vermeintlich unvereinbaren Kontraste des mal beschaulichen, mal trostlosen Insellebens einzufangen.

Schlussendlich verweilt sein Film aber die meiste Zeit über in teilnahmslosen Beobachtungen, die sich damit begnügen, die Höhen und Tiefen des Ehepaars in konventioneller Dramaturgie festzuhalten. Wo anfangs Routine herrscht, sorgt später eine Videokamera für unerwartete Veränderungen – gleich auf mehreren Ebenen. Die Wahrnehmung der eigenen Existenz nimmt plötzlich ganz andere Dimensionen an, was ebenfalls für die Abbildung dieser auf der großen Leinwand gilt, denn fortwährend unterbrechen verwackelte (Moment-)Aufnahmen die zuvor etablierte Ruhe und Stille der zuvor dominierenden Bilder, als wäre der eingangs erwähnte Ausbruch aus dem Inselgefängnis doch noch möglich, selbst wenn er nur innerhalb einer inszenierten Fantasie vorstellbar ist. Inszeniert wird diese Fantasie dann sowohl von Jhonny Hendrix als auch seinen Protagonisten, die sich vorsichtig an das Überschreiten von Grenzen und das Zulassen von Erinnerungen wagen.

Wovon Candelaria nämlich mindestens genauso betont berichtet, ist das Verdrängen von Erlebnissen, die einer Vergangenheit mit verhandelbarer Gültigkeit angehören. Mitunter erwecken Candelaria und Victor den Eindruck, sie hätten sich gegenseitig ausgeschlossen, würden die Wohnung nur noch aus Gewohnheit teilen, tatsächlich aber kaum noch ein Wort miteinander sprechen, das nicht Teil eines jahrelang einstudierten Protokolls an Beschwerden und Ausreden ist. Jhonny Hendrix kann es gar nicht abwarten, seine Figuren sich gegenseitig neu entdecken zu lassen. Darüber hinaus starrt er aber genauso ratlos wie sie in das Meer, glücklich, traurig, nicht sicher, was er im Havanna vor über zwei Dekaden gefunden hat. Das ist nicht schlimm, lässt uns Zuschauer aber nur bedingt in diese Welt eintauchen, die da abgeschieden unter dem blauen Himmel liegt und wie in einer Zeitkapsel gefangen ist.

Candelaria © DCM Film Distribution

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.